Background Info: Online Event und Tasting Notes, Lochlea Single Malt, 2022, NAS, 46%

Seit kurzem ist der neue Lochlea Whisky aus den schottischen Lowlands auf dem Markt, und wurde in Zusammenarbeit mit dem Team von Kirsch-Import in einer online-Runde einer größeren Gruppe von Bloggern und You-Tubern vorgestellt. Präsentiert wurde der Whisky von niemand geringerem als John Campbell, dem ehemaligen Distillery Manager von Laphroaig, der mit überwältigender Offenheit über seine Arbeit bei Lochlea gesprochen hat. Hat uns seine neueste  Single Malt-Kreation überzeugen können? 

John Campbell

Bevor ich über die Lochlea-Brennerei oder die jüngste Abfüllung rede, muss ich euch unbedingt noch ein paar Worte über John Campbell erzählen. Ich habe John in den vergangenen Jahren öfter in Deutschland auf Messen oder Veranstaltungen treffen können, und ihn als einen sehr kompetenten Gesprächspartner und unglaublich symathischen, bodenständigen Menschen kennen gelernt. 

Heute gehört er zu den ganz Großen der schottischen Whisky-Industrie, und war jahrelang das Gesicht von Laphroaig. Fast drei Jahrzehnte war der einstige Fischerjunge aus Islay Mitarbeiter der Laphroaig Distillery, und 16 Jahre lang war er als Distillery Manager verantwortlich für alle Arbeitsabläufe der Kult-Destille. 

Die Veränderungen und tiefen Einschnitte in unser Leben, die die Covid-Krise mit sich brachte, haben auch auf Johns Leben Auswirkungen gehabt, wie er uns an diesem Abend erzählte. Als die Lochlea Distillery auf ihn zukam, war er bereit für Veränderungen und die Herausforderung eines Neuanfangs.

Seit August 2021 arbeitet er als Production Director für die Lochlea Distillery, die sich etwa 30 Autominuten entfernt von seinem jetzigen Glasgower Wohnsitz in Ayrshire befindet. Welchen Erfahrungsschatz John hat, konnten wir in der Kürze der Online-Veranstaltung nur erahnen. 

Teenage-Years

Wir haben alle einen guten Eindruck bekommen, welche Herausforderung es tatsächlich darstellt, eine Brennerei komplett von Null aufzubauen. Während bei einer so traditionsreichen Brennerei wie Laphroaig alles seit vielen Jahren fest definiert ist, ist bei Lochlea alles noch offen. 

Wir alle wissen, wie ein Laphraoig schmecken muss. Aber wie soll ein Lochlea schmecken? Welchen Haus-Charakter soll der Whisky haben, wie soll die Whisky-DNA von Lochlea aussehen? Und eine von Johns neuen Herausforderungen ist genau das: den besonderen Charakter des Lochlea Whiskys entwickeln, den man unter allen Fass-Einflüssen immer wieder finden kann. 

John Campbell, Production Director Lochlea


Ähnlich einem Teenager, der sich noch erproben muss, der sich austestet und vielleicht auch den ein oder anderen Fehler macht, so muß sich der Whisky von Lochlea erst entwickeln. Noch befindet sich die Brennerei in der Experimentier-Phase, in der verschiedene Parameter ausgetestet werden. Über einige dieser Parameter hat uns John an diesem Abend bereitwillig Auskunft gegeben. 

Lochlea Single Estate Malt

Als Besonderheit benutzt man bei Lochlea Gerste aus eigenem Anbau der Lochlea Farm sowie Wasser aus der hauseigenen Quelle. Lochlea ist in literarisch intressierten Kreisen zudem kein unbekannter Name: auf dieser Farm lebte der junge Robert Burns - der heute als Schottlands Nationaldichter gilt - in den Jahren von  1777 bis 1784.

Bereits im Jahre 2014 reifte die Idee zur Brennerei, doch es dauerte bis August 2018, ehe der erste New Make aus der Brennblase floss.

John Campbell, Production Director Lochlea


Derzeit verfügt die Brennerei über 6 Washbacks, 1 Wash-Still mit einer Kapazität von 10.000 l und einer Spirit-Still von 7.500 l. Zur Lagerung stehen drei Warehouses zur Verfügung. Eigene Maltings gibt es derzeit noch nicht, aber John möchte das für die Zukunft nicht ausschließen. 

Wood Management

Derzeit lagern über 50 verschiedene Fass-Arten bei Lochlea. Wenig zufrieden ist John bisher von der Entwicklung in Ex-Rum-Fässern. Vielleicht hat er aber bisher auch noch nicht die richtigen Rum-Fässer gefunden, schließlich gibt es auch beim Rum große Unterschiede. Sehr gut gefällt ihm jedoch die Entwicklung in Calvados-Fässern, da können wir in Zukunft bestimmt mit Abfüllungen rechnen.

Den größten Anteil der Fässer machen Ex-Bourbon-Fässer von Makers Mark und Sherry-Fässer der Bodega Miguel Martinez aus, mit denen John bereits während seiner Zeit bei Laphroaig zusammen gearbeitet hat. 

Ein besonderes Highlight sind Fässer aus schottischer Eiche, auf die wir aber noch eine Weile warten müssen. Die alten Eichen-Bäume fielen dem letzten Sturm zum Opfer, und John erkannte sofort den kleinen Schatz, der ihm da vor die Füße geweht worden war. Die Bäume wurden bereits gesägt und geschnitten, und müssen jetzt die nächsten drei Jahre an der frischen Luft zum Austrocknen lagern. Erst danach können sie zu Fässern verarbeitet werden. Wir werden also frühestens in 6 Jahren den ersten Lochlea aus schottischen Eiche-Fässern probieren können. 

Für die ungeduldigen unter uns ist auch angedacht, kleine Fässer direkt unter dem Dach der Lagerhäuser zu lagern, und so den Reifeprozess zu beschleunigen. 

 

Abfüllungen: 

Bisher sind drei Abfüllungen erschienen: 

1) Lochlea 1st Release, 46%, 7.000 Flaschen.

2) Lochlea Sowing, First Crop, 1st fill Ex-Bourbon Fässer, 48%, Sonderabfüllung, 9.000 Flaschen. Für die Zukunft sind weitere 4 Abfüllungen des Sowing geplant (insgesamt also Crop 1-5), die jährlich erscheinen werden und wobei jede Abfüllung anders sein wird. Für Sowing First Crop wurden 23 Fässer benutzt, die aus dem Bereich der Fässer mit den Nummern 51 bis 98 stammten. Der Whisky war bei Abfüllung etwa 3,5 Jahre alt.

3) Lochlea Our Barley, 46%. Wird neben den vierteljährlichen Sonderabfüllungen die nächsten Jahre als Standard-Abfüllung verfügbar bleiben. Mischung aus Ex-Oloroso, Ex-Bourbon und STR-Fässern. "Our Barley" ist diesen Sommer erschienen und wurde während des Online-Events auch ausführlich vorgestellt. Mehr Infos und Tasting Notes dazu findet ihr weiter unten.

Konzept:

Die Grundidee für die verschiedenen Abfüllungen basiert auf den verschiedenen Jahreszeiten, die das Leben auf einem Bauernhof dominieren. Unterschiedliche Jahreszeiten bringen unterschiediche Arbeitsschritte und auch unterschiedliche Aromen und Gerüche mit sich. 

Insgesamt hat John bereits feste Vorstellungen, wie die unterschiedlichen Jahreszeiten in den verschiedenen Aromenprofilen ihren Ausdruck finden sollen. Doch noch ist viel Raum für Austesten und Erproben, und Rückmeldungen der Konsumenten - also von uns - werden die zukünftigen Rezepturen auch mit beeinflussen. 

Das Frühjahr ist vor allem von grasigen und frischen Aromen geprägt, während der Sommer und Herbst reife und üppige Früchte hervorbringt, die durch den Einfluss von Sherry-Fässern geprägt sind. Bei der Winter-Edition "Plowing" wird sich alles um das wärmende Feuer und den Pflug drehen, hier können wir zukünftig den Einfluss von Peat erwarten. 

Ausblick:

John hat uns auch schon einige Abfüllungen verraten, auf die wir uns demnächst freuen können:

1) Für das kommende Jahr ist Ende Frühling eine "Sowing"-Abfüllung in Fass-Stärke geplant. 

2) Am 6. September wird die Edition "Harvest" erscheinen,  auf 9.000 Flaschen limitiert. Die Harvest Edition wird zunächst in europäischer Eiche gereift und dann in Portweinfässern gefinisht. 

3) Im November ist die Edition "Fallow" geplant, ebenfalls limitiert auf 9.000 Flaschen. Vermutlich wird es eine Abfüllung aus First-Fill-Oloroso-Fässern sein.

4) Für den Winter wird es mit "Plowing" eine rauchige Abfüllung geben. Da man derzeit bei Lochlea nicht mit getorftem Gerstenmalz arbeitet, wird der Rauch aus einer anderen Quelle kommen: der Whisky wird in Ex-Laphroaig-Fässern gereift. 

5) Und vielleicht wird es auch irgendwann in Zusammenarbeit mit dem Team von Kirsch-Import eine Sonderabfüllung von Lochlea speziell für den deutschen Markt geben.

moderierte das online Event: Tanja  Bempreiksz, Presse-Team Kirsch-Import

Ein paar technische Details

Da von den Teilnehmern recht detaillierte Fragen gestellt wurden, hat John uns noch einige spannende  technische Details verraten. Der Middle Cut von Lochlea ist ähnlich wie bei Macallan recht eng gefasst und liegt zwischen 75 und 67%. Die Vat-Stärke liegt bei 71%, die Fass-Stärke beim Einfüllen ist abhängig von der geplanten Lagerzeit. Je länger der Whisky reifen soll, desto höher die Einfüll-Stärke des Alkoholgehalts. 

Entscheidend für das zukünftige Aroma ist das Destillieren in der Raubrand-Brennblase. Hier wird das Aroma definiert. Je nachdem, ob man schnell oder langsam destilliert, ändert sich das Aroma. Bei der folgenden Destillation in der Feinbrand-Brennblase wird das Aroma dann verfeinert. Auch bezüglich der Destillationsdauer ist man bei Lochlea noch in der Findungs-Phase.

Derzeit arbeitet man bei Lochlea mit den Standard-Arbeitszeiten Montag bis Freitag von Acht bis Vier. Montag, Mittwoch und Freitag sind "Frucht-Tage", während Dienstag und Donnerstag "Getreidetage" sind. An den "Fruchttagen" wird 116 Stunden fermentiert, was zu fruchtigen und grasig-floralen Aromen führt. An den "Getreidetagen" beträgt die Fermentierungsdauer nur 64 Stunden, was zu malzigen, getreidigen Aromen führt. 

Auch mit der Würze wird derzeit noch experimentiert: eine trübe Würze führt zu nussigen und öligen Aromen, eine klare Würze verstärkt die fruchtigen Aromen.

Das Design des Flaschen-Etiketts ist übrigens von einem Muster inspiriert worden, das auf der Farm allgegenwärtig ist: es sind die Spuren von Traktor-Reifen.

John Campbell, Production Director Lochlea

Jetzt wird es aber endlich Zeit, dass wir uns der neuen Abfüllung widmen. Für den "Lochlea Our Barley" wurden drei unterschiedliche Fass-Arten verwandt: Ex-Oloroso (17,5%), Ex-Bourbon-Fässer (62%) und Ex-Rotweinfässer, die mit der STR-Methode behandelt wurden (20,5%). 

Die Rezeptur hat übrigens eine berühmte Vergangenheit: sie wurde erstmals bei Laphroaig für die einführung der Cairdeas-Abfüllungen im Jahre 2008 entwickelt, und ist besonders fruchtbetont. John nennt sie eine "Fruchtbombe". Durch das besondere Mischungsverhältnis werden vor allem die Orangen-Aromen stark in den Vordergrund geschoben. 

Neben dieser Rezeptur hatte John noch 5 weitere Varianten entwickelt, und anschließend alle 6 Proben dem 10köpfigen Tasting-Panel der Lochlea Brennerei zur Begutachtung präsentiert. Das Ergebnis war eindeutig; die alte Cairdeas-Rezeptur hatte haushoch gewonnen, mit 5 ersten und 5 zweiten Plätzen. 

 Aber wie schmeckt er denn nun, der Lochlea Our Barley?


Hier meine Tasting-Notes:

Lochlea Single Malt, 2022, NAS, 46%

Besonderheiten: Da ausschließlich Gerste aus eigenem Anbau zur Verwendung kommt, könnte man auch von einem Single Estate Malt sprechen. Gereift in einer Kombiation aus Sherry-, Bourbon- und STR-Fässern. Nicht kühlfiltriert, natürliche Farbe. 

Aroma: Im ertsen Augenblick grüßt die Schärfe von jugendlichem Alkohol. Wenn sie etwas verflogen ist, zeigt sich ganz viel Frucht auf einen Schlag. Die Nase wird überschüttet mit Orangen, Äpfeln, Limetten, Grapefruit, aber auch florale Töne, Zimt und Mandelbiskuit. Vanille- und Honignoten bleiben dezent im Hintergrund. Insgesamt sehr üppig und füllig.

Geschmack: süßer Antritt, gefolgt von einem kräftigen Körper und einer süffigen Cremigkeit.

Nachklang: lang, warm und würzig, mit einem sehr dezenten Holzeinschlag.

Fazit: 

Meine Teenage-Jahre habe ich bereits seit einiger Zeit hinter mir, aber ich bin immer noch neugierig genug, um mich auf dieses neue Kind im Klassenzimmer einzulassen. Seine DNA ist vielversprechend, und ich freue mich darauf, seine Entwicklung zu verfolgen und erleben zu dürfen, wie dieser Teenager zu einem tollen Whisky heranreifen wird. 

John hat eine Fruchtbombe versprochen, und das bietet "Our Barley" auch. Das junge Alter können die guten Fässer zwar nicht ganz verbergen, aber schon jetzt kann man das Potential des Whiskys erkennen. Schöne Malznoten und üppige Fruchtaromen machen ihn zu einem süffigen, spritzigen Whisky, der ganz locker und lecker über die Zunge flutscht. Als abendliche Solo-Unterhaltung ist er  noch zu jung, aber als Einstimmung auf einen schönen Abend oder ein Gläschen einfach so zwischendurch ist er schon jetzt super geeignet. 





Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

TASTING NOTES: Ben Bracken 40 - gefärbt, gefiltert und bieder.

NAS - Fluch oder Chance?

Tasting Notes: Glen Moray Private Cask Collection, 18 Jahre, PX Sherry Finish

News: Neuer Glenmorangie mit Waldaromen

Event: Mark Reynier präsentiert Whiskeys der irischen Waterford Distillery

Benriach 16 wieder erhältlich