Die Frankfurter Whisky Time und meine Suche nach der Krise, dem Füllhorn und der Unendlichkeit des Whisky-Himmels

Am Wochenende hatte die Whisky Time Frankfurt wieder einmal ihre Tore geöffnet, und ich bin diesmal mit gemischten Gefühlen in die hessische Metropole gefahren. Seit geraumer Zeit macht in der Whisky-Szene das Schreckgespenst einer Krise die Runde. Sinkende Verkaufszahlen und rückläufige Produktionsmengen in den letzten Monaten sind Fakten, die bei vielen Whisky-Freunden zu einer trüben Stimmung führen, die in den sozialen Medien und von vielen Vloggern derzeit reichlich, und manchmal auch überreichlich, zum Ausdruck gebracht wird. Würde man den derzeitigen Pessimismus auf der Messe spüren? Würde ich nach wenigen Minuten die Halle wieder gelangweilt verlassen, weil nichts Neues mehr meine Neugier wecken konnte, weil Alter, Fassreifung und Finish sich in unendlichen Schleifen träge wiederholen, weil übertriebene Etiketten und überzogene Preise nur noch einen Gähnreflex, aber keinen Kaufreiz auslösen? 



Bei strahlendem Sonnenschein kamen ich und Jörg, mein Whisky-Brother-in-Crime, auf der WTF an. Schon nach wenigen Minuten auf dem Messegelände war klar - ja, viele Händler haben derzeit Sorgenfalten auf der Stirn. 

Doch ebenso schnell wurde mir auch klar, dass es für mich als Konsument noch lange keinen Grund zum Jammern gibt. Denn das Füllhorn der Whisky-Göttin ist derzeit so überreich bestückt, wie nur selten zuvor. Und zum ersten Mal wurde mir bewusst - wir leben eigentlich in goldenen Zeiten, und sind doch vor lauter Jammern so blind, dass wir es kaum erkennen. 

Von neu und innovativ über gute, klassische Trinkwhiskys bis hin zu verlorenen Schätzen der Vergangenheit war das Angebot weit gestreut, und wehmütig musste ich feststellen, dass es unmöglich war, all die tollen Abfüllungen an diesem Tag zu probieren, die ich gerne probiert hätte. Gerade einmal fünf Stände haben wir an diesem Tag geschafft, und vieles musste unentdeckt bleiben. Doch von Langeweile gab es keine Spur zu sehen. 

1. Wild Gefinisht

Gleich zu Beginn entdeckte ich am Stand von Whisky-Jason eine Eigenabfüllung aus der Thousand Mountain Distillery mit einem Finish im Maple-Sirup-Fass, die in kleiner Auflage (115 Flaschen) und hoher Prozentzahl (59,1) abgefüllt worden war. Das Deutsch-Kanadische Cross-Over-Werk kommt jung und frech daher, und wird Schwung in eine Runde von fröhlichen Whisky-Freunden (und Freundinnen) bringen. Ich bin großer Fan von wilden und innovativen Fass-Nachreifungen, weil sie die Grenzen unseres Whisky-Universums verschieben und in neue, unbekannte und unendliche Aroma-Welten vordringen. Die Abfüllung von Jason zeigt, dass Whisky aroma-mäßig noch lange nicht am Ende angekommen ist. Und Kanada hat aus verschiedenen Gründen ohnehin einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.



2. Sag mir, wo die Blumen sind

Das Kontrast-Programm zum innovations-freudigen Ahornsirupwhisky gab es gleich am Nachbarstand, bei Jens Fahr, der als Spezialist für alte Abfüllungen mit vielen Köstlichkeiten aus vergangenen Tagen aufwarten kann. Sein Highland Park 12 aus der Dumpy Bottle war fantastisch, und ließ sogar den Highland Park 18 aus der diesjährigen Messeabfüllung blass aussehen. Billig sind die Abfüllungen aus vergangenen Zeiten schon längst nicht mehr - aber hey, es grenzt an ein Wunder, dass man solche Abfüllungen überhaupt noch bekommt. Und mit großer Wahrscheinlichkeit ist der einzige Grund, warum man solche alten Sachen immer noch finden kann, einer damaligen Phase der Überproduktion geschuldet. Des einen Leid ist halt des anderen Freud. 



3. Klassisch gut

Gleich zwei Messeabfüllungen hat Gregor Haslinger diesmal bereit gestellt. Neben einem Highland Park 18, der nicht so ganz meinen Nerv getroffen hat, gab es auch einen Balmenach 11 aus einem Oloroso Hogshead, der mit seinen 51,2 % sofort unsere Zuneigung gewann. Bei einem Preis von 66 Euro durfte er dann auch unverzüglich in Jörgs Einkaufsrucksack wandern. 

Aber Gregor hatte noch mehr an seinem Stand zu bieten. Besonders stark war ein Pulteney 16 von Signatory Vintage aus einem First Fill Oloroso Sherry Butt, (abgefüllt am 16.12.2024), der mich mit seiner herben, kräftigen Aromenfülle richtig begeistert hat. 

Viel Aroma im Glas hat auch ein Balechin 15 von Edradour geboten, den sich Jörg gegönnt hat. Nach einem Finish im Huelva Orange Wine Cask wurde dieser Single Malt am 4. September 2024  mit fassstarken 54.1%, abgefüllt und bringt richtig Wums auf die Zunge. 


4. Lost forever

Gleich neben dem Stand von Gregor gab es diesmal unzählige Schätzchen aus dem Reich der schottischen Whisky-Hydra Diageo zu verkosten. Neben einigen Distillery-Exklusive-Abfüllungen konnte man auch diverse Kostproben der Special Releases probieren. Hier hatte es mir vor allem ein Carsebridge 48 angetan. Bei einem Preis von um die 1.000 Euro ist die Flasche nicht unbedingt ein Schnäppchen. Andererseits existiert die 1798 errichtete Brennerei schon lange nicht mehr, und Abfüllungen von Carsebridge sind Zeitkapseln von unbezahlbarem Wert. 

Viele der Männer, die 1970 diesen Whisky hergestellt haben, leben vermutlich schon gar nicht mehr. Und während der Whisky in Fässern schlummerte, ist seine Brennerei der Whisky-Krise zum Opfer gefallen, die vor der Jahrtausendwende Schottland heimgesucht hat. Man stelle sich das nur mal vor, dass man in seinen Jugendjahren in einen langen, tiefen Schlaf versetzt worden wäre, und wenn man nach fünf Jahrzehnten wieder aufwacht, ist alles Vertraute einfach weg. Ein schmerzlicher Gedanke, und eine schmerzliche Realität. Erst wurde die Brennerei stillgelegt, dann aufgegeben, und vor drei Jahren wurden schließlich alle Gebäude und Lagerhallen abgerissen. 

Der Himmel über Carsebridge ist noch immer der gleiche, doch die Brennerei ist spurlos verschwunden, 200 Jahre Whisky-Geschichte sind verloren für immer. Und wenn der letzte Tropfen Carsebridge getrunken wurde, ist Carsebridge nur noch ein dürres Wort, das keine Bedeutung mehr hat. Ich schätze mich glücklich, dass ich diesen Whisky noch probieren konnte. 



5. Exklusiv und ganz was Besonderes 

Der Begriff „Distillery Exclusive“ gehört zu den modernen Zauberwörtern der Brennereien, und die Anzahl dieser besonderen Abfüllungen ist in der jüngeren Vergangenheit stetig gewachsen. Doch nicht immer ist besonders auch besonders gut. Während uns eine Exclusive-Abfüllung von Cardhu beeindruckt hat, konnte die Distillery Exclusive von Cragganmore uns nur ein müdes Lächeln abringen. Dennoch war es spannend, Cragganmore auch von einer ungewohnten Seite zu sehen.


Fazit

Ein halbes Jahrhundert Whisky-Geschichte haben Jörg und ich an diesem Nachmittag im Glas gehabt, und von ultra-modern bis klassisch und vom Winde verweht war alles dabei. Das Aromen-Spektrum, das sich dabei auf meiner Zunge austoben konnte, hat eine solch enorme Bandbreite gehabt, dass ich ganz gewiss keinen Grund zum Jammern habe. Im Gegenteil - wir leben noch immer in goldenen Zeiten. Aber wir sind so verwöhnt, dass wir gar nicht mehr merken, wie gut wir es eigentlich haben. Vielleicht steuert die Whisky-Industrie tatsächlich mal wieder einer Krise entgegen. Es wäre nicht das erste Mal, und ich bin sicher, der Whisky wird es auch diesmal überleben. Bis dahin sollten wir die Fülle genießen, die sich uns bietet, solange wir noch können. Und aus jeder Krise wächst auch ein Neuanfang. Der Himmel über Frankfurt war an diesem Tag jedenfalls unendlich blau… . 

Zum Abschluss gibt es hier noch ein paar Impressionen von der Messe und  Kurz-Notizen zu einigen der  Whiskys, die den Weg in unsere Gläser gefunden haben:



Cardhu, Distillery Exclusive Bottling, Batch 2; 48%; 4.002 Flaschen, Nachreifung in kalifornischen Rotweinfässern.

Geruch: die dominante Rotwein-Note verleiht diesem Whisky einen männlichen Anstrich, der ungewöhnlich ist für einen Cardhu

Geschmack: sehr würzig, eher auf der holzigen Seite. Sanfte Tannine, und durchaus ansprechend und rund auf der Zunge. 

Nachklang: leicht trocken, aber nicht pelzig

Gesamteindruck: Jörgs Verdikt lautete  „Viele Muskeln und wenig Fleisch“. Ein genussvoller, ästhetischer Whisky, der einiges zu bieten hat, aber auf Dauer auch recht fordernd ist. 



Cragganmore, Distillery Exclusive Bottling, Vatting of specially charred American Oak and First Fill American Oak Bourbon Cask; 48%; Batch 1; 2.502 Flaschen

Wenig Obstaroma und viel Holzwürze legen den Verdacht nahe, dass es sich bei den „besonders ausgebrannten“ Fässern um Virgin Oak handelt. Das Ergebnis ist ein Whisky mit einem starken Antritt und einem schwachen Abgang. Übrig bleibt vor allem eine starke Alkoholische Note, die mich nur schwach begeistern kann. Das ist ein rechter Blender vor dem Herrn. Beeindruckend ist dieser Cragganmore nur im ersten Augenblick, aber wenn man ihn erst einmal durchschaut hat, verliert man schnell das Interesse. 


Carsebridge 48; 1970-2018; 43.2%; Grain, 1.000 Flaschen

Um es gleich vorweg zu nehmen: dieser Carsebridge wird von Schluck zu Schluck besser, aber ihr solltet ihm unbedingt ein bis zwei Stunden Zeit im Glas geben, ehe ihr ihn verkostet. 

Geruch: ein Grain halt. Die ersten 20 Minuten tut sich nur wenig im Glas. Doch das Warten lohnt sich. Allmählich taut er auf, wird weich, rund, und dicht. Vanille-Süße trifft auf den Duft von Orangenholzkisten. Weisser Pfeffer bringt etwas Pepp in die süssliche Holzkisten-Obst-Melange. Dabei ist er so kompakt, dass man es kaum schafft, ihn in seine aromatischen Einzelbestandteile zu zerlegen

Geschmack: riecht wie ein Grain, schmeckt wie ein Grain. Auf der Zunge vollmundig, dicht und kompakt. Dazu Grapefruit, Ingwer-Schärfe, ranziges Fett und dieser seltsame Anklang von Benzin, der sich über die Nase auf die Zunge ausdehnt, wenn man beim Tanken nicht aufpasst und Benzin auf Hände und Schuhe schwappt. Klingt schräg? Vielleicht. Ist aber im Whisky geschmacklich eine Offenbarung. 

Nachklang: trocken, bitter, und mittellang 

Gesamteindruck: Dieser Whisky braucht Zeit, und ist im Glas sehr wandelbar. Je länger man wartet, desto stärker wird das Vanille-Aroma, und um so schwächer werden die ranzigen und benzinigen Noten. Im Gegensatz zu Malt Whiskys wirken die Aromen bei einem Grain immer leicht, so auch hier. Doch dieser Carsebridge ist trotz seiner Leichtigkeit wunderbar kompakt, drahtig und ergiebig. Ein Marathonläufer unter den Whiskys, und langanhaltende Spannung ist garantiert. In der Whisky-Base hat man ihn durchschnittlich mit nichtssagenden 84 Punkten bewertet, wodurch sich die größte Schwachstelle der Base offenbart: die Bewertungen reflektieren vorrangig den persönlichen Geschmack des Verkosters, geben aber zu wenig Aufschluss über den Whisky selbst. Objektiv betrachtet sind Aromen-Dichte, Kompaktheit und Aromen-Varianz bei diesem Carsebridge so überzeugend, dass er innerhalb seiner Kategorie deutlich über die 90-Punkte-Marke kommen sollte.



Johnnie Walker Blue Label, Blended Scotch Whisky, Flaschen-Nr. IR3 20621; Bottle Code L4006

Da Grain Whiskys vor allem in Blended Whiskys Verwendung finden, lag es auf der Hand, dass wir uns nach dem Carsebridge auch einen Johnnie Walker Blue Label gönnen wollten. Dieser Blend kam erstmals 1992  auf den Markt, und angeblich enthält er nur alte und seltene Fässer, teilweise aus bereits geschlossenen Brennereien, die alle mindestens 25 Jahre und älter sind. Das Etikett schweigt sich zu diesem Thema aus, und vermutlich hat die Zusammensetzung im Lauf der Jahre auch immer wieder variiert. 

Geruch: mild und gefällig, mit einer sehr ausgewogenen Aromatik. Reife Reineclauden und andere gelb-grüne Früchte,  mit einer leicht hefigen Note im Untergrund. 

Geschmack: nach dem sanften ersten Eindruck über die Nase folgt jetzt das Wow-Erlebnis - mit überraschend viel Würze und anderen Aromen kommt er stark auf der Zunge an. Dazu ein Hauch von Rauch, und ganz viel Struktur. Die 40% Alkoholgehalt wirken wie eine Untertreibung, in einer Blindverkostung hätte ich ihm deutlich mehr zugetraut. Der Blue Label bringt verdammt viel Geschmack für läppische 40%.

Nachklang: trocken, und recht kurz. So stark wie er auf die Zunge kommt, so schnell ist er auch wieder weg. 

Gesamteindruck: Im direkten Vergleich mit dem Carsebridge 48 kann er locker dagegenhalten, und ähnlich einem Pfau, der sein Rad aufschlägt, entfaltet er seine ganze Pracht im Glas. Während der Carsebridge sich immer wieder verändert und Schritt für Schritt seine Schönheit offenbart, ist der Blue Label vom ersten Augenblick an präsent, und ändert sich nicht mehr. Jörg findet ein schönes Bild für dieses kleine Kunstwerk im Glas - wie ein Eiskunstläufer im Kürprogramm gleitet er mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit über die Fläche und begeistert das Publikum mit seiner Eleganz und Perfektion. Da kann man gar nicht genug von bekommen. Am Ende winkt das Siegertreppchen und eine Gold-Medaille. Ebenso wie der Carsebridge verdient auch der Blue Label eine Base-Wertung jenseits der 90 Punkte innerhalb seiner Kategorie. Das ist Easy Drinking auf höchstem Niveau. 



Glenmorangie 10 und 15,  alte Abfüllungen

Nach diesen Höhenflügen zu den besonderen Sternen im unendlichen Universum von Diageo war es Zeit, wieder zur Erde zurückzukehren und so haben wir unsere Aufmerksamkeit auf zwei alte Standards von Glenmorangie gelenkt. Doch hier erlebten wir einen eher unsanften Aufschlag in der Realität der schwachen Abfüllungen. 

Vor allem der alte Glenmorangie 10 (mit Schraubverschluss) war eher enttäuschend. Im Aroma blieb er blass, Benzin-artig und nichtssagend, im Geschmack hatte er außer ranzigen, gelben Früchten nicht viel zu bieten. Auch der Nachklang war schwach, kaum angekommen, war er auch schon wieder weg.

Etwas besser erging es uns mit dem alten Glenmorangie 15, der in der Nase mit leichter Vanille, dezenten gelben Früchten und einer zarten, buttrigen Würze überzeugen konnte. 

Vielleicht hatten wir einfach nur die Reihenfolge falsch gewählt. Im Anschluss an Carsebridge 48 und JW Blue Label sind die beiden alten Glenmorangie Standards jedenfalls heftig abgeschmiert, und konnten uns nur mäßig begeistern. Vielleicht war aber früher auch nicht immer alles besser. 



Old Pulteney 16, Signatory Vintage, 1st Fill Oloroso Sherry Butt, Cask No 10; abgefüllt am 16.12.2024, 56.1%

Nach soviel Blässe im Glas durfte es jetzt wieder etwas kräftiger für mich sein, und der Pulteney 16 von Signatory hat mich schnell getröstet. Ich hätte diesen Pulteney in einem Blind Tasting wohl nicht wiedererkannt, aber die Mischung aus Salzaromen und üppigen Sherry-Tönen steht dem Pulteney überraschend gut. Für mich eine absolute Kaufempfehlung, den solltet ihr unbedingt probieren.



Special Releases

Der Nachmittag war viel zu schnell vorbei, und schließlich war es Zeit, zum Abschluss-Tasting in Peters Whisky-Keller zu gehen. Zum Preis von 20 Euro gab es hier einige lohnenswerte Schätzchen aus den diesjährigen Special Releases von Diageo zu verkosten (Caol Ila unpeated, Oban, Lagavulin, Talisker) und außerdem gab es beim richtigen Beantworten von Pub-Quiz-Fragen auch einige Merchandising Artikel zu gewinnen. Jörg hatte im Umgang mit Zahlen den besseren Riecher als ich, und konnte gleich zwei schöne Goodies mit nach Hause nehmen. 

Wie immer war die Zeit viel zu kurz, und das Angebot viel zu groß, um auch nur annähernd all das probieren zu können, was ich gerne probiert hätte. Ich habe nur einen Bruchteil von dem geschafft, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und es bleibt mir jede Menge Vorfreude auf das nächste Mal.




























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