Unter die Lupe genommen: Neues Spirituosenglas von Rastal

Seit ein paar Wochen ist das neue Spirituosen-Glas von Rastal auf dem Markt. Auf den ersten Blick erinnert es sehr an das bekannte Glencairn-Glas, und diese Ähnlichkeit wäre dem neuen Produkt fast zum Verhängnis geworden. Grund genug für mich, den gläsernen Zank-Apfel unter die Lupe zu nehmen.


Als ich vor ein paar Tagen bei Whisky-Koch Chris Pepper und seiner Frau Marion in Darmstadt war, hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit, das neue Spirituosen-Glas von Rastal zu testen. Unter dem Namen Craft Master Spirits ist es nun endlich erhältlich. Mir hat es so gut gefallen, dass ich mir spontan gleich einen Six-Pack davon gekauft habe.

Gute Gläser fallen nicht vom Himmel, und das Craft-Master-Spirits-Glas hat eine interessante Hintergrundgeschichte, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Denn Rastal hat sich bei der Entwicklung  viel Mühe gegeben: das Craft Master Spirits wurde zusammen mit dem deutschen Spirituosen-Experten Bernhard Schäfer entwickelt.

Wie mir Bernhard inzwischen verraten hat, fanden die ersten Gespräche für dieses Glas bereits vor etwa drei Jahren statt. Nosing-Gläser speziell für Whisky gab es damals zwar schon, doch im Bereich Rum  sah es eher mau aus. Bernhard war auf der Suche nach einem Glas, das sowohl für Whisky als auch für Rum oder andere Premiumspirituosen beste Ergebnisse liefert, und zudem noch mit einer guten Haptik glänzen kann.



Zusammen mit Rastals preisgekröntem Glasdesigner Carsten Kehrein hat er verschiedene Prototypen entwickelt, die von Bernhard dann auf ihre haptische und sensorische Wirkung getestet wurden. Und auch das richtige Größenverhältnis musste beachtet werden. Denn ein gutes Glas soll nicht nur beim Nosing Spaß machen, es muss auch ein gutes Trinkerlebnis bieten. Dazu gehört auch, dass 2 cl nicht wie ein kleiner Tropfen in den Tiefen des Glases verschwinden dürfen.

Nach etwa einem Jahr Entwicklungszeit konnte das neue Glas dann endlich in Produktion gehen.

Auf den ersten Blick wirkt  es eher unspektakulär, und wird den ein oder anderen von euch gewiss an das inzwischen sehr bekannte Glencairn-Glas erinnern. Und genau das wäre diesem Glas fast zum Verhängnis geworden.



Eigentlich sollte das Glas schon letztes Jahr in den Handel kommen. Doch statt auf hübsch gedeckten Tischen in den neuen Räumlichkeiten beim Whiskykoch und anderen Tasting-Events landete das Glas unerwartet auf der Anklagebank. Marion Pepper hatte zu diesem Zeitpunkt das Glas bereits für ihr neu gestaltetes Restaurant bestellt und fest eingeplant. Die unerwartete Entwicklung hat ihr dann ein paar schlaflose Nächte bereitet, und auch bei Rastal hat man einige Monate lang nicht mehr ganz so gut geschlafen. 

Die Firma Glencairn Crystal Studio Ltd., East Kilbride, war nämlich alles andere als "amused" über das neue Glas aus Germany, und machte eine Verletzung des deutschen Designrechts Nr. 40108622-0001 geltend, das das Aussehen des Glencairn-Glases schützt. Glencairn erwirkte postwendend eine einstweilige Verfügung, und Rastal durfte über Nacht seine Gläser nicht mehr ausliefern. Tausende Craft Master Gläser lagen plötzlich hilflos in Sechser-Kartons auf Halde.

 
Im Direktvergleich sind die Unterschiede deutlich zu sehen: links Glencairn, rechts Craft Master Spirit.

Rastal legte daraufhin Berufung beim OLG Frankfurt ein, und die Frankfurter Richter haben viel Common Sense bewiesen. Sie hielten in ihrem Urteil vom 12.04.2018 das Designrecht von Glencairn für nichtig, weil auch Glencairn das Glas mit Fuß unten und Öffnung oben nicht neu erfunden hat. Glencairn hat dann umgehend das Urteil angefochten, und es dauerte noch einmal mehrere Monate, ehe Rastal endlich grünes Licht für seine Neuentwicklung erhielt.

Ganz ausgestanden ist die Zitterpartie noch nicht: möglicherweise muss das Glas zukünftig leicht verändert werden.

Im direkten Vergleich werden die Unterschiede jedoch sehr schnell deutlich: das Rastal-Glas hat einen höheren Fuß, einen höheren und länger gezogenen Körper, ist weniger bauchig und hat vor allem am oberen Rand eine "Lippe", die zu einem deutlich anderen Trinkerlebnis führt als das Glencairn-Glas bietet.

Kennt sich wie kaum ein zweiter aus mit Gläsern und ihrem Inhalt: Spirituosen-Experte und Master of the Quaich Bernhard Schäfer

 Ich habe die beiden Gläser dann auch einem Schnelltest unterzogen, und bin zu folgendem Ergebnis gekommen:

Haptik: 

durch den erhöhten Sockel liegt das Craft Master Glas deutlich besser in meiner Hand.

Sensorik:

während im bauchigen Glencairn-Glas die Aromen gebündelt werden und dementsprechend geballt an der Glasoberfläche ankommen, werden sie im Craft Master Glas eher "aufgefächert". Dadurch wirken sie etwas subtiler, aber man hat die Aromen sozusagen "nebeneinander" liegen, und nicht, wie im Glencairn-Glas, "übereinander". Dadurch ist im Craft Master auch die alkoholische Note weniger stark präsent als im Glencairn-Glas. Der Marketing-Text spricht von einem "X-shaped Flow", der die "Aromenentfaltung verstärkt". Viel kann ich nicht damit anfangen, aber es klingt cool.

Trinkvergnügen:

Dieser Bereich wird bei Nosing Gläsern oft unterschätzt, und hier ist für mich der Unterschied auch am deutlichsten spürbar: durch den leicht gebogenen oberen Rand des Craft Masters liegt das Glas wunderbar auf den Lippen und bringt die Spirituose optimal auf die Zunge. Das Glencairn-Glas hingegen liegt nicht besonders gut auf und stößt durch seine gedrungenere Form und seinen geradwandigen Oberrand beim Trinken schnell an die Nasenspitze an.

Optik:

Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Mir gefällt die etwas gestreckte Form des Craft Masters besser, aber das ist nun wirklich Geschmacksache.

Name:

Der einzige Bereich, in dem ich dem Rastal-Glas eindeutig einen Daumen nach unten gebe. Craft Master Spirits. Ist euch sonst wirklich nichts besseres eingefallen?



Mein Fazit:

das Craft Master Spirits kann in den Bereichen Haptik, Sensorik und Trinkgenuss absolut überzeugen, und ich bin sicher, es wird viele Freunde finden. Doch am besten probiert ihr es selbst aus, und haltet eure eigene Nase in das Craft Master Spirits Glas. Denn - um mit den Worten von Bernhard Schäfer zu sprechen - "deine Nase ist das beste Messgerät!"


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