Tasting Notes: Ardbeg Twenty Something, 22 years

Ardbeg. Was ist über diese Brennerei in den vergangenen Jahren nicht schon alles gesagt und geschrieben worden. Mit nur 1,3 Millionen Liter Alkohol im Jahr ist Ardbeg bisher eine der kleinsten Brennereien, wenn es um die Produktionsmenge geht. Aber mit Sicherheit die größte Brennerei, was die mediale Aufmerksamkeit anbelangt. Gute Sonder-Abfüllungen sind immer innerhalb weniger Stunden  ausverkauft. Weniger gute brauchen  ein paar Tage länger. Wie lange der neue alte Ardbeg 22 wohl im Online-Shop erhältlich sein wird? Die Marketing-Abteilung hat mir auch diesmal ein Vorab-Sample geschickt. Schauen wir also mal, was der Ardbeg Twenty Something 22 years zu bieten hat.





Hintergrund: 

Die Brennerei wurde offiziell 1815 gegründet, und im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte mehrmals geschlossen. 1973 wurde die Brennerei von Hiram Walker  und DCL gemeinsam gekauft. 1974 gilt als das letzte Jahr, in dem das verwendete Gerstenmalz noch komplett aus der eigenen Mälzerei stammte. Danach wurde zunehmend Gerstenmalz zugekauft. 1977 wurden die Mälzböden bei Ardbeg geschlossen. 1979 versuchte man noch, mit einer weniger stark getorften Variante  Marktanteile zu halten. Doch die Zeichen standen auf Untergang. 1981 wurde die Brennerei komplett stillgelegt.

1987 wurde Hiram Walker von Allied Lyons bzw. Allied Domecq übernommen, in deren Besitz damit auch die Brennerei Ardbeg gelangte.  1989 wurde die Produktion bei Ardbeg wieder aufgenommen, das Malz stammte aus Port Ellen. Allied war jedoch auch Besitzer von Laphroaig und der Marke Teachers Highland Cream, die eine weitaus größere Bedeutung für den Konzern hatten. Ardbeg wurde zum Aschenputtel des Konzerns und diente als Ersatzteil-Lager für Laphroaig. Im Juli 1996 wurde die Brennerei zum Verkauf angeboten und 1997 von Glenmorangie plc. erworben, die Ardbeg seither zu einer vielbachteten Brennerei mit Kult-Status aufgebaut haben.

2004/2005 wurde Glenmorangie pcl. an LVMH verkauft, Allied wurde von Pernod Ricard übernommen.



Was kann ich erwarten:

Wenn es um Ardbeg geht, sind die Erwartungen sehr hoch, alte Abfüllungen haben Kult-Status erreicht und kosten Unsummen. Deshalb ist es bei Ardbeg so wichtig, einen Blick auf die Geschichte der Brennerei zu werfen. 1974 gilt als das letzte große Jahr vor der Schließung der Mälzböden. Zwischen 1981 und 1989 wurde bei Ardbeg  nicht produziert. Leider machen sich inzwischen diese Lücken  negativ bemerkbar, es gibt aus dieser Zeit überhaupt keinen Ardbeg. Von 1989 bis 1996 sind die verfügbaren Mengen sehr gering. Zudem liefen die Brennblasen unter Allied eher sporadisch und mit wenig Engagement auf Seiten des Besitzers. Und auch danach lief die Produktion nur schleppend an. Erschwerend kommt  hinzu, dass viele Fässer aus der damaligen Produktion im Besitz von Allied Domecq verblieben, die später von Pernot Ricard übernommen wurden.

Als Glenmorangie plc. 1997 die Brennerei erwarb, war die Ausrüstung heruntergekommen und auch sonst lag vieles im Argen. Ein Zitat von Dr. Lumsden auf scotchwhisky.com gibt uns einen interessanten Einblick:

 "Es gab keine Disziplin, kein Programm für eine ausgewogene Destillation", sagt Lumsden. "Die Cut Points waren vollkommen chaotisch und willkürlich. Wir wollten im Wesentlichen den klassischen, alten Stil von Ardbeg nachstellen. Allied Distillers hatte eine kleine Anzahl von Proben von New Make und 10-jährigen, also haben wir das als Vorlage verwendet. Ich habe nicht viel mit den Cut Points herumgespielt, obwohl ich sie vor kurzem ein bisschen stärker zum Nachlauf hin verschoben habe, um mehr von den rauchigen phenolischen Verbindungen einzufangen."

 Dieses Zitat verrät uns sehr viel mehr als das schöne Begleitschreiben der  Markteting-Abteilung, das meinem Sample beigefügt war (obwohl ich mich über diese Schreiben immer sehr freue, denn sie sind sehr liebevoll und aufwändig erstellt). In den Zeiten von Allied verlief die Destillation eher sporadisch und wenig geplant. Wir können also davon ausgehen, dass es hier zu großen Unterschieden im Aromaprofil kam. Zudem sind die neuen Abfüllungen deutlich phenolischer.

In den vergangenen Jahren hat Dr. Lumsden, Director of Whisky Creation bei Ardbeg und Glenmorangie, mehrere  Fasskontingente aus jenen Jahren vom Vorbesitzer erworben. Dabei handelt es sich zum größten Teil um mehrfach belegte Ex-Bourbon-Fässer, die für den Einsatz in Blended Whiskys gedacht waren. Solche Fässer können im Alter oft wunderschöne Fruchtnoten und Blütenduft hervorbringen. Starke Vanille, Holz- oder  Sherry-Noten hingegen fehlten natürlich.

Zwei Chargen wurden bereits auf den Markt gebracht: 2016 erschien der Ardbeg 21 Committee Release, 46%, und 2017 der Ardbeg Twenty Something, 23 Jahre, 46,3%. Jetzt ist mit dem Ardbeg Twenty Something 22 die dritte Abfüllung aus den Jahren vor 1996 erschienen.



Ardbeg Twenty Something, 22 years, 46.4%, nicht kühlgefiltert. 

Da ich Gründungsmitglied der Sharing Angels bin, teile ich mein Ardbeg-Sample auch immer. Diesmal habe ich mein Sample mit einem alten Ardbeg-Fan und guten Freund geteilt, der in Whisky-Foren als "Ardbeg74" unterwegs ist. Dankenswerterweise hat er mir seine Tasting-Notes  zur Verfügung gestellt, so dass ihr hier seine und meine Eindrücke lesen könnt.

Tasting Notes von MargareteMarie:

Farbe: helles Gold

Aroma: viel gelbes Obst, zunächst Apfel und Orange, dann aber wird es süßer, Mango, Litchi und Kokos kommen dazu. Das Obst drängt sich in einem schönen Fruchtbouquet saftig und reif in den Vordergrund. Nach einigen Minuten gibt es dann auch süße Pfirsiche aus der Dose und schwerer Blütenduft. Dazu kommt eine schöne malzige Note. Nur sehr wenig Rauch. Oh welch süße Sommernacht. Was ich vermisse, sind die schrägen Töne: Seetang, Asphalt und Straßenstaub.

Geschmack: Zarter Zigarrenrauch, etwas kalte Asche, mit einem kräftigen Antritt und deutlicher Schärfe, leicht ölig. Ein bißchen Teer ist auch dabei.Gutes Mundgefühl.  Eher trocken.

Nachklang: saftig, mittellang, würzig

Fazit: ein eher untypischer Ardbeg, mit starken Fruchtnoten und wenig Rauch. Erinnert mich mehr an den Ardbeg Serendipity (der allerdings ein Blended Malt war) als an den Ardbeg 10.


Tasting Notes von Ardbeg74:

Farbe: helles Gelb

Aroma: zu Beginn Kokos, grüne Bananen, weißer Tee, nach einer Weile auch etwas Rauch, gebrannte Mandeln, verbranntes Holz. Nachdem er etwas Luft bekommen hat, entwickeln sich auch viele Fruchtaromen, dazu Traubenzucker und malzige Töne.

Geschmack: Im Mund eine Rauchexplosion, deutliche Schärfe, dann auch Rauchmalz. Mit Wasserzugabe wird er bitter und schmeckt wie eine ausgegangene Zigarre. Also lieber kein Wasser nehmen.

Nachklang: Mittellang

Fazit: Das ist kein klassischer Ardbeg im alten Stil. Er bietet viele  Fruchtnoten in der Nase und viel Zigarrenrauch  im Geschmack. Aber wo sind Jod, Teer, Algen und Seetang? Wo ist die Komplexität eines Ardbeg Vintage 74? Es ist interessant, diese Abfüllung probieren zu können. Aber ich fürchte, die alte Welt von Ardbeg ist vorüber.


Was ich für mein Geld bekomme:

Der Ardbeg Twenty-Something 22 years  ist ein sehr schöner Whisky aus dem Bourbon-Fass. Er hat  tolle Fruchtnoten und ein angenehmes Raucharoma nach kalter Asche. Aber er ist ein belangloser Ardbeg. Da hat mir die Abfüllung im vergangenen Jahr deutlich besser gefallen.  Andererseits: Aus dieser Zeit gibt es kaum Abfüllungen von Ardbeg. Der hohe Preis (Ausgabepreis ca. 480 Euro)  ist nicht der Qualität geschuldet, sondern der geringen Verfügbarkeit. Wer unbedingt einen Ardbeg aus jenen Jahren kennen will, wird diese Abfüllung  probieren wollen. Eine geschmackliche Offenbarung ist sie nicht. Vielleicht hat Allied in den letzten Monaten auch versucht, Ardbeg etwas mehr auf "Mainstream" zu trimmen, und ihm die schrägen Töne ausgetrieben. Whisky-Flipper sollten vorsichtig sein, die Abfüllung könnte für sie zum Problem werden.

Was ich gerne bekommen würde:

Man soll ja auch nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen; aus jenen Jahren ist wahrscheinlich einfach nicht mehr zu erwarten. Aber es wäre schön, wenn wir endlich mal sehen könnten, was das Whisky Creation Team von Glenmorangie denn seit Brennerei-Übernahme von Ardbeg gemacht hat: Ich warte sehnsüchtig auf einen Ardbeg 20 aus dem Jahr 2000. Damals ist der Ardbeg 10 zum ersten mal erschienen. Im Jahr 2020 wäre es soweit.... Please, Dr. Bill: Give us a great Ardbeg from your own production line! And don't be stingy!


Verkaufsstart wird der 9. Oktober 2018 sein. Erhältlich ist die limitierte Abfüllung online und bei den Ardbeg Embassies für Ardbeg Committee Mitglieder. Ich glaube nicht, dass der online-Shop diesmal wieder zusammen bricht.


Vielen Dank an Tobias für das Sample.


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