On Tour: Besuch der Sharing Angels in der Destillerie Ziegler (Aureum Whisky)

Manchmal treffen Ortsnamen den Nagel auf den Kopf: beim Besuch der Sharing Angels in der Brennerei Ziegler in Freudenberg am Main erlebten wir einen ganzen Tag lang die Freude pur. Aber bei so viel leckerem Aureum-Whisky und zuvorkommender Bewirtung war das ja kaum ein Wunder. Und wir entdeckten dort so manche Besonderheit.

Können sich zwanzig Frauen voller Begeisterung einen ganzen Tag lang freiwillig in einer Whisky-Brennerei aufhalten? - Ja, können sie. Die Brennerei Ziegler in Freudenberg am Main hatte vor einigen Wochen unsere Gruppe der Sharing Angels zu einer Brennerei-Besichtigung eingeladen, und wir hatten nicht eine Minute Langeweile. Fast schon könnte man sagen, dass der Ortsname das Programm vorgibt: die Brennerei ist tatsächlich an einem Berghang gelegen, und unser Besuch hat unglaublich viel Freude gemacht. 

Unter dem Namen Aureum produziert die Traditionsbrennerei Ziegler bereits seit vielen Jahren ihren eigenen Whisky, und in diesem Sommer ist endlich der erste 10jährige erschienen. Natürlich haben wir abends auch dieses Schätzchen probieren dürfen, und ich finde, der ist hammer gut geworden. 

Besonderheit Nr. 1: Abläutern und Vergären der Würze

Nach einem Begrüßungs-Cocktail erhielten wir von Geschäftsführer Alexander Pietsch, Tausendsassa  Rüdiger Vitt, Brennmeister Paul Maier und Destillateur und Edelbrandsommelier Marius Hoh zunächst einen kurzen Überblick über die Geschichte der Brennerei und interessante Einblicke in ihr Brennverfahren. 

Dabei wurde schnell klar, dass es bei Ziegler einige Besonderheiten gibt. Ein großer Unterschied zu vielen anderen Brennereien in Deutschland liegt in der Maische. Statt wie die meisten deutschen Whisky-Produzenten aus Getreide eine eigene Maische herzustellen, die dann ungeläutert destilliert wird, lässt man für den Aureum Whisky in der Brauerei Krautheimer bei Würzburg nach eigenen Spezifikationen eine hopfenfreie Würze erstellen, die dann auf den kupfernen Brennblasen in Freudenberg im zweifachen Destillierverfahren gebrannt wird. 


Destilliert wird bei diesem Verfahren also nicht die komplette Maische, die eine Art Getreidebrei ist und auch noch die Spelzen enthält, sondern nur die abgeläuterte Würze ohne die Spelzen und andere Feststoffe. Während viele deutsche Whiskyproduzenten mit einer Maischegärung arbeiten, ist in Schottland die Würzgärung üblich - die historisch gesehen auch das ältere Verfahren darstellt. Doch auch in Deutschland gibt es zunehmend Brennereien, die mit einer Würzgärung arbeiten und damit auch sehr gute Erfolge erzielen, die Nine Springs Distillery, die Sauerländer Edelbrennerei (McRaven),  St. Kilian und natürlich auch Aureum. 

Besonderheit Nr. 2: eine traditionsreiche Geschichte, uralte Schnäpse und modernes Marketing

Die Brennerei hat eine unglaublich bewegte Geschichte hinter sich und ist trotz aller Tradition eine moderne Manufaktur, in der immer noch ganz viel von Hand erledigt wird. Gegründet wurde die Brennerei bereits 1865 durch Josef und Matthäus Ziegler, und die Brennerei blieb für über hundert Jahre in Familienbesitz. Ein ganz besonderes Zeugnis dieser Vergangenheit befindet sich heute im sogenannten Eiskeller, den wir später auch besichtigen konnten und wo man noch heute alte Schnäpse aus vergangenen Jahrzehnten aufbewahrt. 

Im Besuchsraum der Brennerei hängt noch immer ein Bild von Thomas Ziegler, dem letzten Firmenerben. 1991 verkaufte er die Brennerei an die Leibbrand-Familie, deren Firmen schon wenige Jahre später - 1998 - von der Hawesko Holding übernommen wurde, in deren Besitz sich die Brennerei bis heute befindet. Zur Holding gehören neben Hawesko (Hanseatisches Wein- und Sekt-Kontor) unter anderem auch Jaques' Weindepot, Wein Wolf und Vinos.


Das Jahr 2015 wurde für die Hawesko Holding zum Schicksalsjahr, als sie ihrerseits von der Tocos Beteiligung GmbH übernommen wurde, die ihren Sitz in Hamburg hat. Besitzer von Tocos ist Detlev Meyer, der mit den Bekleidungsketten Cecil und Street One zum Millionär wurde. Seither wurde der Konzern gründlich umgekrempelt. Noch im gleichen Jahr brachte man bei Ziegler einen eigenen Gin (G=in³) und den Grave Digger Whisky heraus. Es folgten G=in² und G=inT sowie die beiden Rum-Abfüllungen Aruak und AmRum.

Besonderheit Nr. 3: Expansion und Kooperation mit Zigarren

Auch beim Whisky gab es einige Veränderungen, die Range wurde optisch neu gestaltet und kommt inzwischen sehr viel klarer daher. Für die kommenden Jahre hat man sich bei Ziegler viele Ziele gesetzt. Das erste Etappen-Ziel, eine feste Range von 5-, 8- und 10jährigem Whisky anbieten zu können, hat man inzwischen erreicht. Nun soll es daran gehen, die Produktionskapazitäten zu erhöhen und auszubauen.


Derzeit werden jährlich etwa 8.000 bis 9.000 Liter  Alkohol für den späteren Whisky destilliert. Gebrannt wird auf der gleichen Anlage, die auch für die Herstellung der Obstbrände benutzt wird. Doch das könnte schon bald anders werden. Wenn es nach der Firmenleitung geht, wird schon bald für die Whisky-Produktion eine eigene Anlage angeschafft werden. Da es rechts und links der Brennerei nur sehr beschränkte Ausdehnungsmöglichkeiten gibt, soll die neue Whisky-Destille auf der Dachterrasse der Brennerei entstehen. 

Bei unserem anschließenden Brennereirundgang haben wir auch die Dachterrasse besichtigt, aber da es zu diesem Zeitpunkt ziemlich unfreundlich zu nieseln begann, konnte ich den Ausblick über das Tal nicht wirklich genießen, und ich bin sehr schnell wieder zurück in die warme Stube geflüchtet.



Zigarrenfreunde werden sich freuen, dass man bei Ziegler auch angefangen hat, den Whisky von Aureum fachmännisch mit Zigarren zu kombinieren. Ein entsprechender "Zigarren-Pass", der die richtige Zigarre zum entsprechenden Aureum-Whisky vorschlägt, ist bereits in Arbeit. 

Besonderheit Nr. 4: ungewöhnliches Fassmanagement. 

Auch bei der Fassreifung geht man bei Areum besondere Wege. Während man in Schottland den Whisky zumeist in Fässern aus amerikanischer Eiche reifen lässt, und dann anschließend  mit einem Finish in einer anderen Fass-Art ein anderes Aromen-Profil erzielt, geht man bei Aureum den umgekehrten Weg. Zunächst wird der Feinbrand in ungewöhnlichen und markanten Fässern, vorrangig aus Spessart-Eiche oder Kastanienholz, für etwa ein Jahr oder auch länger gelagert. Hat der Whisky das angestrebte Aromenprofil erreicht, wird er umgefüllt in Fässer aus amerikanischer Weißeiche und darf dann noch eine weitere Zeitlang sanft vor sich hinschlummern. 

Vor allem die Reifung in Kastanien-Fässern geben dem Aureum-Whisky einen markanten Ton, und die Kastanien-Fässer werden in einem mehr oder minder großen Umfang bei fast allen Abfüllungen eingesetzt. Der fünf Jahre alte Aureum Chestnut reifte sogar die kompletten fünf Jahre in Kastanien-Fässern, während der Aureum 8 Jahre noch einige Jahre in Ex-Bourbon- und Ex-Sherry-Fässern gelagert wurde.



Bei unserem Rundgang durch die Lagerhäuser konnten wir dann den Aureum direkt aus dem Fass probieren. Solche Warehouse-Tastings sind immer wieder ein ganz besonderes Erlebnis, weil man den Whisky unverfälscht und unverdünnt schmecken kann, wenn er direkt aus dem Fass kommt. 

Ein besonderes Highlight war die Besichtigung des Eiskellers, in dem die uralten Schätze der Brennerei gelagert werden. Hier gab es einen Obstbrand aus Williams-Birnen, der mich mit seiner unglaublichen Aromatik nach frischen Birnen und Birnenschale unglaublich begeistert hat. Der Williams war ein kleines Träumchen. 

Die üppigen Fassstärken-Proben wurden für einige von uns dann aber doch zu einer echten Herausforderung. Da die Besichtigungs-Tour um 13 Uhr angesetzt war und die meisten von uns - mich selbst eingeschlossen - aufgrund der längeren Anreise keine Zeit für ein Mittag-Essen hatten, hatten wir eigentlich abgesprochen, dass es bei der Begrüßung noch ein paar Häppchen geben sollte. 

Doch unsere diesbezüglichen Wünsche wurden offensichtlich von den männlichen Organisatoren der Brennerei nicht richtig verstanden - und die Häppchen gab es erst um 16 Uhr - NACH !!! dem Warehousetasting. Ich habe noch nie so viele Fassstärken auf nüchternen Magen getrunken und wundere mich immer noch, dass ich tatsächlich den kompletten Rundgang überstanden habe, ohne umzufallen. 


Und da wir insgesamt drei Tasting-Stops hatten, und es jedesmal sehr leckere Verkostungen gab, kamen da schon einige Gläser zusammen. Unsere Truppe war schon ganz schön angeschickert, als wir nach dem Rundgang dann im Gastraum der Brennerei saßen und es ENDLICH !!! Brot und Schinken gab. Ich fürchte, wir haben uns alle wie ausgehungerte Hunde über die Teller hergemacht.

Besonderheit Nr. 5: Gastfreundschaft

Bei den Schinken-Häppchen sollte es nicht bleiben. Den Rest des Nachmittags und Abends tischte uns Rüdiger eine Abfüllung nach der anderen auf, und wir konnten uns durch die gesamte Range durchtrinken. Sharing Angel Petra hat die Gelegenheit genutzt, drei neuen Engeln endlich ihren rosa Erkennungsbutton feierlich anzustecken. 

Sharing Angel werden können nur Frauen - sorry Jungs, da sind wir kompromisslos - aber wir wissen es durchaus zu würdigen, wenn sich Männer besonders um uns bemühen. Als Anerkennung für ihre Anstrengungen haben Rüdiger, Alexander und Marius einen blauen Supporter-Button erhalten. Den haben sie sich wirklich verdient. 

Unter unserer illustren Gruppe voller Whisky- und Spirituosen-Kennerinnen und Expertinnen war dank Ginis grandiosem Flughafen-Abholservice diesmal auch Carissa dabei, die unter dem Namen "Whisky Lady" seit vielen Jahren über Whisky bloggt. Wenn ihr Zeit und Lust habt, dann werft einmal einen Blick in ihren Blog.


Da Alkohol bekanntlich hungrig macht, gab es nach dem Tasting ein Abendessen, und Alexander und Rüdiger haben es sich nicht nehmen lassen, uns Damen zu bedienen und zu bewirten. Das Eis war bei so viel zuvorkommender Gastfreundschaft schnell gebrochen, und wir haben noch tief in die Nacht zusammen gesessen, gefachsimpelt, Wein getrunken, Whisky verkostet und Zigarren geraucht. Ein grandioser Tag endete mit einem grandiosen Abend, und als wir tief in der Nacht endlich in unsere Hotelbetten krochen, hatten wir alle ein glückseeliges Lächeln auf den Lippen.


Zum Abschluss findet ihr hier noch ein paar Foto-Impressionen:

 























































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