Neue deutsche Whisky-Szene (Teil 5): Kay Hoffmann, Whiskybonder und Whiskyblender, im Interview

Rund um den deutschen Whisky entwickelt sich derzeit eine ganz neue Szene - es gibt inzwischen eine kleine, aber feine Gruppe von Personen, die als unabhängige Abfüller, Finisher, Blender oder Bonder von deutschem Whisky Neuland betreten. Ich habe mich umgeschaut: Wer sind die Pioniere der deutschen unabhängigen Whisky-Szene? In Folge fünf stelle ich euch Kay Hoffmann vor, der an der Wupper und am Dithmarscher Deich die deutsche Whisky-Szene rockt. 

Foto: Kay Hoffmann


MM: Whisky ist eine äußerst komplexe Spirituose, die immer mehr Menschen fasziniert. Seit wann und warum interessierst du dich für Whisky?

Kay: Oh ha, das ist jetzt wohl auch schon ein viertel Jahrhundert her, als das bei mir alles anfing. Viele Leute entwickeln ja über ihre Liebe für dieses Getränk irgendwann auch ein großes Interesse für das „Mutterland“ (so es das denn wirklich ist...) Schottland. Bei mir war das ganze genau andersrum. Ich schwärmte, ohne zuvor dort gewesen zu sein, schon als Schüler für Schottland. Ausgelöst wurde das damals tatsächlich durch den „Highlander“-Film von Russell Mulcahy... haha, Connor MacLeod, Held meiner Jugend... unfassbar... 

Später hatte ich dann noch den wundervollen „Local Hero“ gesehen, der ja eigentlich schon vorher erschienen war. Zu dem Zeitpunkt wär das aber noch nichts für mich gewesen. 😉 Nach Local Hero gab´s jedenfalls kein Halten mehr und irgendwann Anfang 20 musste ich da dann unbedingt hin. Mit meinem ersten VW-Bus und einem Freund machten wir uns auf die erste Rundreise. Whisky war zu dem Zeitpunkt für mich noch ein Party-Getränk, das mit Cola und Eis getrunken wurde. 

Bei der ganzen Reiselektüre wurde uns im Vorfeld aber klar, daß es wohl ganz schön frevlerisch wäre, sich das mit dem Whisky vor Ort nicht wenigstens auch einmal anzuschauen. Wir verbrachten auf der Tour einige Tage auf Skye und dort wurde Talisker dann zu meiner ersten Brennerei-Besichtigung UND zu meinem ersten Dram Single Malt ever! Der hat mich mit seiner Wucht und salzigen Pfefferigkeit natürlich völlig aus den Socken gehauen. Ich war komplett überfordert und zugleich fasziniert, daß irgendetwas überhaupt SO schmecken kann. 

Danach waren wir angefixt und es wurden noch einige Brennerei-Besichtigungen mehr auf dieser ersten Tour... Tamdhu, Aberlour und Dalwhinnie... Naja und dann wurde das von Jahr zu Jahr immer mehr mit der Liebe und dem Wunsch, das alles immer besser zu verstehen und zu erschmecken. 

MM: Irgendwann hast du dann auch deine Liebe zu deutschem Whisky entdeckt? 

Kay: Der Deutsche Whisky begegnete mir dann bei unseren Messe-Besuchen mit dem Club das erste mal bewusst auf der Aqua Vitae, glaube ich, als die noch so schön klein und gemütlich im Stadtgarten in Essen stattgefunden hat. Ein Aureum war, glaube ich, mein erster und hat mir damals schon recht gut gefallen. 

Wie so viele bin ich an das Thema aber irgendwie nicht so richtig ran gegangen. Die echte Initialzündung war für mich dann 2013 (oder war´s 2014?) der Artikel „The German Whisky Wonder – Eine Reise zu den Deutschen Whiskybrennern“ von Heinfried Tacke im Whiskybotschafter. 

Der Bericht hat mich total fasziniert, echtes Handwerk, teilweise seit Generationen – da wollte ich unbedingt mehr drüber erfahren. Der Weg war dann anfänglich ein recht steiniger und einige Erlebnisse mit dem Deutschen Whisky tatsächlich eher entmutigend. Einige Klischees aus dieser Zeit halten sich ja hartnäckig bis heute – wohl nicht zuletzt, weil es noch immer derartige Produkte auf dem Markt gibt.

Ich bin heute unglaublich froh, daß wir da nicht aufgegeben, sondern weitergesucht haben. So haben wir dann immer mehr und mehr tolle heimische Produkte von Häusern mit viel Potential entdeckt. 

Foto: Kay Hoffmann


MM: Whisky ist inzwischen nicht nur Hobby für dich. Seit wann beschäftigst du dich beruflich mit Whisky? 

Kay: Das fing beruflich eigentlich auch zeitgleich mit der Sache mit den deutschen Whiskys an. Bis dahin war das weitestgehend mein Privatvergnügen. In unserer Bar hatten wir zwar ein paar Vertreter aus den klassischen schottischen Whisky-Regionen, aber nicht mehr. Es gab schon ein paar gut aufgestellte Whisky-Bars in der Stadt, weswegen wir uns da nicht weitermit reinhängen wollten. 

Da hier, wie sonst auch überall, die deutschen Whiskys aber in der Barszene noch gar nicht vertreten waren, haben wir dann beschlossen, daß WIR das machen müssen... Eine Bar für den deutschen Whisky... 

Wir haben erst ganz vorsichtig angefangen und mit der unglaublichen Resonanz beim Publikum ist das das dann alles irgendwie explodiert... Tastings, Bus-Touren zu den heimischen Brennereien, unsere Messe für den deutschen Whisky und immer mehr tolle Kontakte zu tollen handwerklichen Brennereien mit sehr guten Qualitäten... 

So reifte dann auch der Plan heran, das neu erworbene Wissen und die Kontakte zu nutzen, um gemeinsam mit einigen deutschen Brennereien unsere eigenen Whisky-Projekte auf die Beine zu stellen. 

MM: Welche Projekte waren das denn? 

Kay: Wir haben da zwei verschiedene Baustellen aufgemacht. Zum einen entwickeln wir in meiner Heimat an der Nordseeküste unseren DITHMARSCHER WHISKY, der ein echter deutscher Coastal-Malt werden soll. Die Fassproben in den letzten Jahren lassen mich ganz guter Dinge sein, daß uns das auch gelingen wird... 😉 

Batch Nr. 1 erscheint dort im Juli 2021. Wenn es bis dahin wieder möglich ist, wird es natürlich eine amtliche Release-Party am Deich geben. Experimente oder Finishes gibt es hier noch keine, wir haben ein festes Konzept für die Fassbelegungen entwickelt, welches für jedes Batch gleich ist. Damit versuchen wir erstmal, den Grundcharakter unseres Coastal-Malts herauszuarbeiten, so daß er von Batch zu Batch wiederzuerkennen ist... 

Handwerkliche Schwankungen sind auf diesem kleinen Level natürlich nicht zu vermeiden, aber der Grundcharakter des Dithmarscher Whiskys soll immer gegeben sein. Fassexperimente und Finishes werden vielleicht folgen, wenn uns das erstmal gelungen ist. 

Bei unserem anderen Projekt ZWEISTEIN WHISKY in Wuppertal ist es quasi das genaue Gegenteil. Hier wollen wir uns kompositorisch austoben und in kleiner Auflage immer wieder neue Kreationen auf den Markt bringen. 

Hierfür erweitern wir, immer wenn es finanziell möglich ist, unser kleines Portfolio an Fässern, um eine wachsende Palette an Aromenkomponenten für das Blending zur Verfügung zu haben. Aktuell füllen wir hier eine ganz kleine Auflage eines tollen Fass-Experimentes ab: „The Rumpott Cask Finish“ – wir haben uns extra dafür ein 30-Liter Fässchen aus frischer Amerkanischer Weißeiche mit einem mittleren Toasting küfern lassen, welches im Fassboden ein großes Loch mit Deckel hat. 

In dieses haben wir als Erstbelegung dann 30 Liter des köstlichen Früchte-Rumtopfes gelegt, welchen meine Mutter für das Zweistein jedes Jahr mit viel Liebe an der Nordsee fabriziert. Den gibt es bei uns im Laden seit 20 Jahren, immer in der Adventszeit als köstliches Heißgetränk, von dem sich die Gäste dann gerne wohlig in die Sessel und Sofas „sedieren“ lassen, wenn es draußen üsselig und kalt ist. 2019 hat meine Mum uns dann jedenfalls ausnahmsweise mal die doppelte Menge gemacht und wir haben den dann für vier Monate in dieses Fass gelegt. 

Nach der Entleerung haben wir das Fass mit einer knackigen Whisky-Komposition aus zwei verschiedenen Ex-Bourbon-, sowie einem Limousin- und etwas Ex-Islay-Fass belegt und den Whisky für knappe sieben Monate darin weiterreifen lassen. Das Resultat ist sehr spannend geworden und wurde von uns dann mit strammen 56 %vol. abgefüllt, weil in diesem Bereich der spezielle Charakter aus dem Rumpott-Fass am besten zur Geltung kam. Im Release-Tasting kam der so gut an, daß wir ihn dabei schon nahezu komplett ausverkauft haben... Naja, bei 85 Flaschen war das aber auch nicht soooo schwer... Die restlichen Flaschen gingen pünktlich am 1. Advent zusammen mit dem holzfassgelagerten Rumtopf, welchen wir in Gläser abgefüllt haben auf den Markt. 

JETZT haben wir dieses Fass mit dunklem, malzigen Bockbier belegt – das Experiment geht also weiter... 😉 

Foto: Kay Hoffmann



MM: Whisky ist für dich zunehmend zu einem ernstzunehmenden, vielschichtigen Projekt geworden, mit dem du auch deinen Lebensunterhalt verdienst. Würdest du dich eher als einen Abfüller, Bonder, Finisher oder Blender bezeichnen? 

Kay: Naja, bis zum Verdienen des Lebensunterhaltes damit dauert es wohl noch ein wenig... 😀 Wir knüpfen an die gute Tradition des Whisky-Bondings an. Aber letztlich sind ja viele der Bonder auch schon immer Blender gewesen. Das ist bei uns auch so. Das Blending findet zum einen statt, bevor es in die Fässer geht, bei der Komposition unserer Newmakes (also quasi ein Pre-Barrel-Blending) und zum anderen nach der Reifezeit bei der Komposition der Bestandteile aus den unterschiedlichen Fässern zu den jeweiligen Whiskys. 

MM: Gibt es spezielle deutsche Brennereien, mit denen du zusammenarbeitest, oder nimmst du, was du gerade kriegen kannst? 

Kay: Nee, einfach zu nehmen, was man gerade so kriegen kann, wäre wohl keine gute Idee und ich glaube auch nicht, daß es jemanden gibt, der das so macht (ausser vielleicht auf reinem Hobby-Level). Wir haben im Laufe der Zeit eine ganze Reihe von Newkmakes probiert und haben so die unterschiedlichen Charaktere gefunden, welche sich schön zu unseren eigenen Newmakes komponieren lassen. 

Aktuell arbeiten wir mit fünf tollen deutschen handwerklichen Brennereien zusammen. Die Newmakes sind alle auf der Basis von Gerstenmalzen, klassisch zweifach gebrannt. Vielleicht machen wir irgendwann auch mal was anderes, aber erstmal haben wir mit dem Malt-Whisky genug zu lernen und zum austoben... 

MM: Du bist nicht nur der Organisator einer rein deutschen Whiskymesse, sondern du hast inzwischen auch ein beachtliches Fasslager. Kannst du uns etwas mehr darüber erzählen?

Kay: Beim DITHMARSCHER WHISKY befindet sich unser Fasslager ganz oben im Norden, an der Küste direkt hinterm Deich, damit wir das raue Klima und den Nordsee-Charakter auch schön in den Whisky bekommen... Da ist natürlich auch immer ein wenig Whisky-Mystik mit dabei und es gibt ja auch Leute die behaupten, daß das gar keinen Einfluss hat...

Aber WIR sind fest davon überzeugt, daß es eine Rolle spielt und die See sehr wohl einen feinen Einfluss hat! Die Zeit wird’s zeigen. Hier sind aktuell sieben Batches befüllt, das sind 70 Fässer. Im Frühjahr werden wir, wenn alles gut geht, am Deich Batch 8 und 9 befüllen. 

Der WUPPERTALER WHISKY (ZWEISTEIN) hat sein zu Hause in unserem schönen kleinen Fasslager im Keller der historischen ELBA-Hallen. Außerdem haben wir hier noch ein ganz kleines Temperatur-Varianz-Lager auf den grünen Höhen über der Stadt. Hier verbringen unsere Schätzchen die ersten zwei Jahre, bevor sie in die konstanteren Bedingungen im Keller umziehen, um in Ruhe weiterzureifen. 

MM: Deutscher Whisky hat in den letzten Jahren einen großen Sprung nach vorne gemacht und kann immer mehr Whisky-Genießer überzeugen. Welche Zukunftsaussichten siehst du für den deutschen Whisky? 

Kay: An vielen Stellen sind die Deutschen Brenner zusammen betrachtet auf einem sehr guten Weg. Um auf Dauer mehr Whisky-Freunde zu überzeugen, benötigen wir aber unbedingt noch mehr Häuser, welche diese Qualitäten ebenfalls abliefern. 

MM: Im Gegensatz zum irischen Whisky, der ja derzeit auch viele Neuentwicklungen sieht, tut sich deutscher Whisky deutlich schwerer mit Marketing-Kampagnen und Verbraucher-Akzeptanz. Warum hat es deiner Meinung nach deutscher Whisky so viel schwerer als irischer Whisky, um die Leute zu begeistern? 

Kay: Es gibt bei der unheimlich großen Anzahl an deutschen Whiskys halt noch immer eine Menge Produkte, die beim Erstkontakt eher gruselig wahrgenommen werden, so hört man das ja auch immer wieder in den Tastings. Wer sich davon nicht direkt abschrecken lässt und auch noch einen dritten oder vierten Versuch wagt, wird mit etwas Recherche im Vorfeld sicher bald auf tolle Produkte stoßen. 

Der Markt wird sich wohl in den nächsten Jahren noch ein wenig bereinigen müssen, um als Gesamtheitnoch mehr Menschen zu überzeugen. So wie ich die oftmals überraschte Begeisterung für die heimischen Whiskys in meinen International-Blind-Tastings wahrnehmen kann, besteht auf jeden Fall Hoffnung, daß wir immer mehr Menschen mit tollen deutschen Produkten überzeugen können. 

MM: Der Whisky-Markt insgesamt ist derzeit unglaublich turbulent und vielfältig, und man weiß eigentlich noch gar nicht so recht, wo die Reise hingehen wird. Welche Entwicklungsmöglichkeiten siehst du für dich in Bezug auf deutschem Whisky für die kommenden Jahre? 

Kay: Wenn sich die Dinge weiterhin so positiv entwickeln und immer mehr Menschen merken, daß es in der ganzen weiten Welt des Whiskys tolle Sachen zu entdecken gibt, dann glaube ich, daß wir mit unseren Produkten im Manufaktur-Segment eine gute Chance haben, uns zu entwickeln.Hierzu müssen wir halt weiter lernen und anständig abliefern. In meiner Heimat möchte ich unbedingt so bald wie möglich den Traum vom öffentlichen Warehouse mit Shop und Café am Deich realisieren. Wir arbeiten hartnäckig daran...

MM: Das sind ja unglaublich spannende Projekte, die du derzeit entwickelst. Ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht, und wünsche dir viel Erfolg. Vielen Dank für dieses Interview.

Foto: Kay Hoffmann




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