NAS - Fluch oder Chance?

Vor ein paar Tagen hat Lucas, ein Blogger-Kollege aus Edinburgh, mit einem sehr kritischen Artikel über sogenannte NAS-Whiskys, also Whiskys ohne Altersangabe,  eine Flut von Reaktionen ausgelöst. Inzwischen ist die Welle auch nach Deutschland geschwappt. Da die Diskussionen zum Teil recht kontrovers geführt werden, kam Arne vom Whic Whisky Blog auf die Idee, unter deutschsprachigen Whiskybloggern eine Umfrage zum Thema zu starten. Ich finde die Idee sehr interessant, und habe sie zum Anlass genommen, Stellung zu beziehen.
 
Bild: MargareteMarie

Natürlich verfolge ich die Diskussion um NAS-Whiskys mit Interesse. Ich glaube aber, dass Lucas vom EWB den  falschen Baum anbellt, wie die Engländer so treffend sagen. NAS-Whiskys wie Aberlour A’Bunadh, Auchentoshan Three Wood, Glenmorangie Signet, Glenfarclas 105 und Laphroaig Quarter Cask sind bereits moderne Klassiker, auf die ich keinesfalls verzichten möchte. Andererseits gab es in jüngster Zeit viele Neuerscheinungen, über deren Wert sich streiten lässt. 

Das Problem sehe ich vor allem in der derzeitigen Vertriebsstruktur. Für den Travel Retail werden zunehmend NAS-Sonderabfüllungen entwickelt, mit denen gezielt ein vermeintlich wohlhabendes Klientel angesprochen werden soll. Da diese Whiskys im normalen Einzelhandel nicht erhältlich sind, müssen viele Brennereien für dieses Segment zusätzlich zu ihrem eigentlichen Portfolio noch eine weitere Produktpalette anbieten, die sich von den Abfüllungen für den Einzelhandel jedoch nicht wirklich dramatisch unterscheidet oder aber durch deutlich höhere Preise auffällt. Bekannte Vertreter sind beispielsweise Bowmore Springtide, Auchentoshan Springwood, oder Laphroaig PX Cask. Eine solche Zweiteilung des Marktes mit permanenten unnötigen NAS-Neuerscheinungen im höherpreisigen Segment macht auf Dauer keinen Spaß, sondern schafft Verunsicherungen. 

Unmut ausgelöst hat auch die Entscheidung von Macallan, seine 10-und 12-Jährigen Abfüllungen in Europa vom Markt zu nehmen und durch NAS-Whiskys zu ersetzen. Diese Maßnahme führt nicht zu einer Bereicherung des Angebots, sondern zu einer Einschränkung. Und auch das verärgert die Kunden.

Hinzu kommt noch der bunte Reigen der Whisky-Messen, die von Jahr zu Jahr zunehmen und die den Vertrieb gewaltig in Bewegung halten. Eine Brennerei, die nicht mindestens einmal im Jahr eine Neuheit auf den Markt bringt und auf den Messen präsentiert, hat das Nachsehen. Mit den klassischen Standards 12, 15, 18, die man schon seit Jahren kennt,  lässt sich das verwöhnte Publikum heutzutage nur noch schwerlich locken.

Ein ganz anderes Problem sind die derzeitig zu geringen Bestände an alten Whiskys. Whisky liegt seit einigen Jahren im Trend, und die schottischen Produzenten müssen den globalen Whiskydurst in einem Umfang löschen, den vor 15 oder 20 Jahren niemand voraussehen konnte. Die meisten Brennereien haben inzwischen mit Erweiterungsmaßnahmen reagiert und ihre Produktion drastisch erhöht, so dass jüngere Whiskys in ausreichender Zahl vorhanden sind. Doch es wird noch ein paar Jahre dauern, bis auch älterer Whisky wieder besser verfügbar wird. 

Natürlich könnten wir alle das Problem lösen, indem wir einfach die nächsten 7 Jahre auf Whisky verzichten und stattdessen Gin, Rum und Wodka trinken. Doch wer will das schon? Ich will meinen Whisky jetzt, diesen Monat, diese Woche, heute Abend. Alte Standard-Maßnahmen wie vor 20 Jahren helfen hier nicht weiter, neue Ideen, verbesserte Destilliertechnik, ausgeklügeltes Fassmanagement und ein geschickter Einsatz der Ressourcen sind nötig, um diese Aufgabe zu bewältigen. Gute NAS-Whiskys können hier durchaus helfen, die Lücke zu schließen.

Ich glaube, dass ein Verzicht auf NAS-Whiskys der Branche mehr schaden als helfen würde. Wenn die Nachfrage nicht ausreichend gestillt werden kann, werden die Preise noch mehr in die Höhe schießen als ohnehin schon. Wird die finanzielle Schmerzgrenze jedoch flächendeckend überschritten, wandert die Käufer-Karawane sehr schnell weiter und wendet sich vermehrt anderen Getränken zu. Nicht die fehlende Altersangabe wird die Leute vertreiben, sondern der zu hohe Preis. Die großen Konzerne wird das wenig stören, sie haben sich längst breit aufgestellt. 

Doch die schottischen Brennereien werden leiden. Mag sein, dass es dann für die Geeks wieder ausreichend alten Whisky gibt. Aber für die jungen Leute aus der Speyside und den schottischen Highlands werden die notwendigen Arbeitsplätze und der Glaube an eine Zukunft in ihrem Heimatdorf fehlen. 

Ich persönlich empfinde gute NAS-Whiskys als Bereicherung. Glenmorangie Quarter Century oder Highland Park 25 beispielsweise finde ich großartig, aber Signet und Loki würde ich jederzeit einem Glenmorangie 18 oder Highland Park 10 vorziehen. Auch der junge Kilchoman Machir Bay hat mir gefallen. Für mich ist entscheidend, ob mir ein Whisky schmeckt, und nicht, welches Alter auf dem Etikett steht. Auch wenn sich das viele wünschen würden: die Qualität eines Whiskys erkenne ich nunmal nicht am Etikett.

Natürlich bin auch ich durch den Preis in meiner Auswahl eingeschränkt. Einen Macallan M werde ich mir niemals leisten können. Doch es gibt eine Fülle von fantastischen Whiskys, die für mich (noch) erschwinglich sind, und wenn ich Exklusivität suche, dann finde ich sie bei den wunderbaren Einzelfass-Abfüllungen vieler unabhängiger Abfüller, die es nach wie vor gibt. Ich denke da beispielsweise an Signatory, Douglas Laing, Thomas Ide, Maggie Miller, The Maltman oder Jack Wieber, um nur einige zu nennen. 

Schottischer Whisky hat sich in den vergangenen 150 Jahren kontinuierlich verändert. Das wird auch in Zukunft so bleiben, denn schottischer Whisky ist sehr wandlungsfähig. Und genau darin liegt seine große Stärke.

Kommentare

  1. Glückwunsch zu dieser sehr ausgrwogenen und gelungenen Darstellung des NAS-Themas. Leider sind die wirklich gelungenen "alterslosen" Whiskies deutlich in der Minderheit. Dass das eigentliche Problem die Verknappung der älteren Jahrgänge ist (NAS=No Aged Stock), ist ja ein offenes Geheimnis. Nur die Whisky-Industrie selbst tischt uns die Legende auf, dass das Weglassen der Altersangabe ja eigentlich nur Vorteile hat und natürlich einen viel besseren Whisky zur Folge hat.

    Ich hätte mir da eine offensive Ehrlichkeit der Industrie gewünscht, nach dem Motto: "Es hat uns selbst überrascht, wie uns die Flaschen aus den Händen gerissen wurden. Wir haben uns jetzt mal was Neues einfallen lassen, um mit der gestiegenen Nachfrage besser zurecht zu kommen". Dass dann zugleich noch an der Preisschraube gedreht wurde und der jüngere Whisky oft teurer ist als die Standardabfüllung mit Altersangabe, tut ein Übriges. Das Abfüllen im jüngeren Alter bringt ja einen Kostenvorteil für den Hersteller. Dass dieser in Boom-Zeitein nciht zumindest teilweise weitergegeben wird, ist enttäuschend.

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    1. Hallo Oliver, ein Lob aus deiner Tastatur freut mich sehr. Ich glaube, dass die Whisky-Blogger bezüglich der Informationspolitik einiges bewirken können. Wer fragt, bekommt Antwort. Man muss nur die richtigen Fragen stellen und verantwortungsbewußt mit den Antworten umgehen. Spott und Häme hilft niemand, aber konstruktive Kritik findet immer Gehör. Ich wünsche mir auch in Zukunft gute, konstruktive Kritik aus dem Bloggerlager:-)

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