Event: Mark Reynier präsentiert Whiskeys der irischen Waterford Distillery

Kaum eine andere irische Whiskey-Brennerei ist derzeit so umstritten wie die Waterford Distillery. Vergangene Woche kam der Besitzer der Brennerei, Mark Reynier, zusammen mit seinem Head Distiller Ned Grahan, zum Kurzbesuch nach Deutschland. In einigen ausgewählten Locations präsentierten die beiden ihre neuesten Abfüllungen und die ungewöhnliche Philosophie, die dahinter steckt. 



Muss ich euch Mark Reynier noch vorstellen? Wahrscheinlich nicht. Es gibt wohl kaum einen Whisky-Fan, der diesen Mann nicht kennt. Während andere Gründer von irischen Whiskey-Marken oder Brennereien mühsam ihre entfernten Beziehungen zu irgend einem längst verstorbenen Pub-Besitzer oder Whsky-Händler aus dem letzten Jahrhundert bemühen müssen, um ihre uralte Whiskey-Verbundenheit zur Schau zu stellen, kann sich Mark Reynier solche Marketing-Geschichten sparen. 

Mark redet nicht über Whisky-Geschichte. Er IST Whisky-Geschichte. 

Whisky-Legende

Bereits vor beinahe drei Jahrzehnten gründete der ehemalige Weinhändler 1995 die Firma Murray McDavid und brachte als unabhängiger Abfüller schottische Single Malts unter seinem Label auf den Markt. Nur fünf Jahre später erwarb er die damals geschlossene Bruichladdich Distillery, und rettete sie vor dem sicheren Untergang. 2005 kam der nächste Schritt mit der Gründung der Renegade Rum Company, wodurch er zum Abfüller von ausgewählten Rum-Fässern wurde. Nach dem Verkauf der Bruichladdich Distillery wurden die Würfel neu gemischt, und Mark etablierte zwei neue Brennereien: die Renegade Rum Distillery in Grenada und die Waterford Distillery in Irland.

Letztere hatte er während seines Kurzbesuchs vergangene Woche in der Münchner Bar Gabani, in Frankfurt bei Gregor Haslinger, in Köln bei Scotia Spirits sowie bei Flickenschild in Itzehoe präsentiert.

Da Frankfurt für mich keine allzu große Entfernung darstellt, habe ich die Gelegenheit genutzt, ihn live erleben zu können, und habe an seinem Tasting bei Gregor Haslinger teilgenommen.



Wie ihr euch vorstellen könnt, war ich nicht die einzige, die großes Interesse daran hatte, den Maestro persönlich zu treffen, und außer vielen interessierten Fans habe ich dort auch meine Autoren-Kollegen Petra Milde, Ernie Scheiner und Patrick Tilke getroffen. Und es war fast wieder so schön wie vor Corona, als wir uns regelmäßig bei besonderen Events über den Weg gelaufen waren. 

Terroir

Zu Beginn der Veranstaltung hat Mark zunächst uns Anwesenden sein Konzept des Terroirs erläutert, das er mit seinen beiden neuen Brennereien verfolgt. Wenn Mark erst mal in Fahrt kommt, ist er kaum noch zu bremsen, und voller Enthusiasmus hat er uns dann auch mit einer Vielzahl von Informationen zur Waterford-Distillery und Denkanstößen zu seiner Terroir-Philosophie überschüttet. 



Da ich in einem älteren Post bereits darüber berichtet hatte, will ich mich an dieser Stelle nicht länger damit aufhalten. Ihr könnt [hier] noch mal all seine Gedanken zum Terroir-Konzept nachlesen. 

Schließlich ging es dann endlich los mit dem Tasting: Präsentiert wurden die Whiskeys von Ned Grahan, dem Head Distiller der Waterford Distillery, der Mark auf seiner Missions-Tour durch Deutschland begleitet hat. 

Das Tasting

Den Anfang machten drei Single-Farm-Abfüllungen. Danach folgten der neue Heritage Hunter, der auf einer alten, historischen Getreidesorte basiert, sowie eine biodynamische Abfüllung. 

Wir Mark uns erklärte, wurde dazu die Nachzüchtung einer alten Gerstensorte verwendet, die man vom  Irish Department of Agriculture erhalten hatte. Die Ausbeute ist bei diesen alten Sorten deutlich geringer als bei modernen Gersten-Varianten, doch die Mehrkosten lohnen sich, denn sie haben ein ganz anderes Aroma-Profil.

Den Abschluss bildeten das Waterford Cuvée sowie der rauchige Peated Ballybannon.



Die Fass-Zusammensetzung ist laut Mark immer sehr ähnlich und besteht aus vier Komponenten:

First Fill Bourbon Barrels - American Virgin Oak - French Oak - Süßweinfässer


Hier meine Kurzeindrücke:

1. Single Farm Origin - Tinnashrule 1.1., 50%

Aroma: Getreide, Minze, Schokolade und Orangenschale

Geschmack: malzig, mit getrockneten Früchten 



2. Single Farm Origin - Broomlands 1.2., 50%

Aroma: ähnlich wie Tinnashrule, aber weniger malzig, mit mehr Süße, und mehr floralen Tönen

Geschmack: würzig-mild, fast sanft


3. Single Farm Origin - Sheestown 1.2., 50%

Aroma: malzig, süß, Orangenkuchen

Geschmack: starke Würznoten, Orangenschale



4.Heritage Hunter Farm 1.1., 50%

Aroma: erdig, kalkig, fische Zitrusnoten, Apfelschale, süße Mirabellen, dazu unterschwellig ein Hauch von Moschus und trockene Baumrinde

Geschmack: Pilze, Wachs, Zitrusöl, leichte Würznoten


5. The Arcadian Organic Gaia 2.1., 50%

Aroma: Orangenkuchen, Vanilleschoten, Meerschaum und sanfter Blütenduft

Geschmack: leicht salzig, und auch sonst eher ein Leichtgewicht. Delikat.


6. Waterford The Cuvée, 50%

Aroma: roter Apfel, Brotkruste und Nonignoten

Geschmack: kräftiges und volles Mundgefühl. mit malzigem Antritt


7. Peated Ballybannon 50%

Aroma: warmer Aschensbecher, Fruchtnoten und frische Minze

Geschmack: viel Asche, und ein Ölfilm auf dem Badesee, den man beim Schwimmen versehentlich geschluckt hat.



Fazit: 

+ Die drei Single Farm-Abfüllungen sind sich zwar recht ähnlich, weisen aber klare Unterschiede auf. Während Tinnashrule eher malzbetont und kernig wirkt, kommt der Broomlands sanfter und milder daher - für meinen Geschmack sogar etwas zu blass und fast schon langweilig. Sheestown hingegen hat auf der Zunge einen deutlichen Orangen-Einschlag, der mir gut gefallen hat. Wenn ich wählen müsste, würde ich Tinnashrule den Vorzug geben.

+ Arcadian organic Gaia leistet als biodynmischer Whisky einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz, und ist schon allein deswegen empfehlenswert. Im Vergleich zu den übrigen Abfüllungen wirkte er in diesem Tasting trotz eines sehr feinen Duftes geschmacklich etwas blass, und fand keinen Fürsprecher in unserer Tasting-Gruppe.

+ Heritage Hunter fiel in diesem Tasting eindeutig aus dem Rahmen. Sein intensives Aroma unterscheidet sich deutlich von den restlichen Abfüllungen im Tasting, und zusammen mit dem Cuvée gehörte er zu den beiden Publikumslieblingen des Abends. Mit seinen starken Obstaromen und dem Fehlen von Malz-Tönen hat er mich entfernt an lange gelagerte, hochwertige Obstschnäpse und Grappa erinnert. Ich bin sehr neugierig, wie sich Heritage Hunter in den kommenden Jahren entwickeln wird.

+ Das Waterford Cuvée stellt eine idealtypische Assemblage bzw. Mischung von verschiedenen Single-Farm-Abfüllungen dar und ist keinesfalls ein Blend, wie mitunter behauptet wird, sonder ein Single Malt der Waterford Distillery. Es gehörte neben dem Heritage Hunter zum Publikumsliebling des Abends, und war in diesem Tasting auch mein Favorit. 

+ Der peated Ballybannon wird aus irischer Gerste hergestellt, die nach dem Befeuchten mit irischem Torf getrocknet wurde. Er besticht vor allem durch seine Rauchnoten. Peated halt. Man mag's, oder man mag's nicht.

Publikumsliebling:

Bei der anschließenden Abstimmung gewannen ganz klar das Cuvée und Heritage Hunter - ersterer, weil er eine perfekte Kombination aus verschiedenen Single Estate Abfüllungen darstellt, die sich ideal gegenseitig ergänzen, und lezterer weil er durch seine intensiven Aromen deutlich aus dem Rahmen fiel. 

Beide Abfüllungen waren auch meine Favoriten, obwohl der Peated meiner Meinung nach auch nicht zu verachten ist. Gaia war zwar sehr appart in der Nase, aber auf der Zunge zu schwach. Diesmal lag ich mit meinen Vorlieben tatsächlich im Main-Stream-Geschmack der anwesenden Gäste. 

Mehr zum Thema:

Interview mit Mark Reynier

Waterford und der Glaubenskrieg um das Terroir



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