The Good Old Days of Macdonald & Muir (2): Glen Moray Centenary

Ebenso wie Glenmorangie begann auch Glen Moray ihr Dasein als Bierbrauerei, ehe sie in eine Whisky-Brennerei umgewandelt wurde. Doch anders als die berühmte Schwester am Dornoch Firth war Glen Moray jahrzentelang das Aschenputtel, und rangiert bis heute unterhalb des Radars der Mehrheitsmeute. Dabei hat diese oft unterschätzte Schönheit aus Elgin so manche Perle zu bieten.

Glen Moray.       Foto: MargareteMarie




Glen Moray befindet sich an einer Fluß-Schleife des Lossie am westlichen Stadtrand von Elgin. In früheren Zeiten war die Brennerei von Feldern, Wiesen und Weiden umgeben, doch mittlerweile drohen die stetig wachsenden Wohngebiete der Stadt die Brennerei einzukesseln. Die Ursprünge von Glen Moray gehen auf die 1831 errichtete Elgin West Brewery zurück, die 1897 in eine Brennerei umgewandelt wurde.

Der erste Weltkrieg setzte dem wirtschaftlichen Erfolg zunächst ein Ende. 1920 ging es wieder aufwärts: nach 8 Jahren Stillstand wurde die Brennerei von Macdonald & Muir erworben, einem Hersteller von Blended Whisky aus Edinburg (Leith). Erst zwei Jahre zuvor hatte Macdonald & Muir die Highland-Brennerei Glenmorangie übernommen, und zusammen mit Glenmorangie lieferte Glen Moray die nächsten Jahrzehnte den Großteil des Malt Whiskys für die Blends der Firma, vor allem Highland Queen.  Bereits in den 20er Jahren exportierte man die Marke auch erfolgreich ins Ausland. Der US-amerikanische Markt war zunächst durch die Prohibition (1920-1933) verschlossen, dafür blühte umso mehr das Geschäft mit Canada.


Etikett für Canada, registriert 1927


Etikett für Canada, registriert 1938


Macdonald & Muir gelang es, die Wirren der Prohibition, die Weltwirtschaftskrise und den zweiten Weltkrieg zu überstehen, und in den fünfziger Jahren fanden weitreichende Renovierungsarbeiten bei Glen Moray statt. 1958 wurden die traditionellen Mälzböden durch eine sogenannte Saladin Box ersetzt. Erst 1978 gab man die eigene Mälzerei auf und erweiterte die Anzahl der Brennblasen von zwei auf vier.

Brennblasen bei Glen Moray.       Foto: MargareteMarie
Während Glenmorangie in den  80er und 90er Jahren zur Vorzeigebrennerei avancierte, die Kunst des Wood Finishing perfektionierte und immer wieder mit interessanten Single Malt Abfüllungen von sich reden machte, blieb Glen Moray das Aschenputtel, das jahrzehntelang unspektakuläre Malt Whiskys für die Blends der Whisky-Industrie lieferte. Doch gelegentlich gönnte man auch diesem fleißigen Lieschen eine besondere Abfüllung.


Glen Moray Centenary


Eine solche besondere Abfüllung war der Glen Moray Centenary. Für die Hundert-Jahr-Feier der Brennerei 1997 wurden vier einzelne ex-Bourbon Fässer ausgewählt, jeweils ein Fass aus den Jahren 1976, 1977, 1978 und 1979. Diese vier Fässer wurden 1987 umgefüllt und erhielten zehn weitere Jahre eine zweite Reifung in Port Pipes, ehe sie 1997 als Glen Moray Centenary abgefüllt wurden.

 

Heute sind solche Nachreifungen, sogenannte Wood Finishing, ein alter Hut, sie werden oft überstrapaziert und sind meist auf nur wenige Monate reduziert. Doch damals waren Wood-Finishing etwas revolutionär neues. Erst 1985 hatte man bei Glenmorangie (nachweislich) angefangen, damit zu experimentieren. Macdonald & Muir gehören zu den Pionieren des Wood-Finishing, und ihre jahrzehntelange Forschungsarbeit auf diesem Gebiet hat bis heute die gesamte Branche beeinflusst. Angeblich hat man die allerersten Experimente auch nicht bei Glenmorangie, sondern bei Glen Moray gemacht. Die Fässer, die für den Centenary ausgewählt wurden, dürften jedenfalls mit zu den ersten Fässern überhaupt gehören, bei denen in Schottland die Technik des Wood Finishing gezielt angewandt wurde.

Die Abfüllung ist aber noch aus einem anderen Grund bemerkenswert: die Auflage war mit nur vier Fässern  verhältnismäßig klein. Der größte Teil der Produktion von Glen Moray war für die Blended Whiskys bestimmt, als Single Malt wurden vor der Jahrtausendwende tatsächlich nur die "besten", die "besonderen" Fässer abgefüllt. Heutzutage sind solche Sprüche von den "rare casks" meist nur noch Marketing-Makulatur. Und ein zehnjähriges Wood-Finishing in Port-Wein-Fässern, das ist in unserer heutigen, schnell-lebigen Zeit kaum noch vorstellbar. 


Inzwischen sind vierzig Jahre seit der Herstellung dieses Whisky vergangen, und er ist längst ein Gruß aus einer vergangenen Zeit geworden. 1976 wurde bei Glen Moray noch das Malt selbst produziert, die Technisierung war in der Brennerei  längst nicht so weit fortgeschritten wie heute, es gab nur zwei Brennblasen, und auch sonst war die Welt noch eine andere. Was habt ihr eigentlich so im Herbst 1976 gemacht?

Zeitenwende


2004 begann für Glen Moray eine neue Zeit. Der gesamte Firmenbesitz von Macdonald & Muir wurde an den Luxus-Konzern Louis Vuitton Moet Hennessey verkauft. Während die schöne Glenmorangie herausgeputz wurde, passte das Aschenputtel nicht mehr zum Hochglanz-Portfolio des neuen Besitzers.

Schon bald wurde Glen Moray an die französische Firma La Martiniquaise weitergereicht und liefert seither überwiegend Massenware für Supermarkt-Ketten und die Blends dieser Firma, z.B. Label 5. (Seit 2011 wird dieser Blend in der Glen Turner Distillery in Bathgate herstellt, wo sich auch die Produktionsstätte für die Grain Whiskys der Firma, sowie die Lagerhäuser,  die Abfüllanlagen und die Versandabteilung befinden.)

Glen Moray arbeitet derzeit mit einer 7-Tage-Woche am Limit seiner Kapazitätsfähigkeit, und es ist geplant, die Anzahl der Brennblasen von derzeit 6 auf 12 zu erhöhen.

Erst in jüngster Zeit hat man bei Glen Moray begonnen, sich verstärkt auf den Single Malt Bereich zu konzentrieren, und noch kann man aus dieser unterschätzten Brennerei interessante Abfüllungen mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis finden.




Auch die Highland Queen, die seit über hundert Jahren das Herz der Firma war, fiel den neuen Strukturen zum Opfer. Das Familienunternehmen Picard Vins et Spiritueux kaufte die Marke  und gründete die Firma Highland Queen Scotch Whisky Company in Ednam House am Tweed. Drei Jahre später erwarb Picard die Brennerei Tullibardine, die zur neuen Heimat des Blends wurde.




Das alte Reich von Macdonald & Muir war nach dem Verkauf von Glen Moray und der Marke Highland Queen dem Untergang geweiht. Das traditionelle System von Distiller, Blender, Broker, und Bottler, das mehr als ein Jahrhundert lang bestanden hatte, war zerschlagen worden. Auch für Glenmorangie sollten diese Veränderungen weitreichende Konsequenzen haben. Doch davon mehr im nächsten Teil. Glen Moray Centenary ist derzeit noch  für relativ kleines Geld bei Auktionen zu erstehen.



Tasting Notes Glen Moray Centenary, 40 %, 70 cl, Bottle No. 482


Aroma: kräftige, würzig-weinige und malzige Noten sind sofort präsent, über denen sich der trockene-staubige Geruch eines alten Schrankes wie ein Firnis legt. Darunter schlummern die Fruchtnoten, Mandarinen, Sultaninen und Feigen sind dominant. Nach einer Weile kommen auch vanillige, karamellige Aromen hervor, die die Fruchtnoten wie ein zarter Schleier umhüllen.  Und ganz allmählich kommen die dumpf-erdigen Töne von frischen Pilzen dazu, gepaart mit Leinsamen-Aromatik und Geranienduft. Insgesamt sehr ausgewogen und harmonisch, seidig-elegant, aber mit einer großen Komplexität.

Geschmack: sehr schönes Mundgefühl. Mild, weich, ölig, wachsig und nussig.

Nachklang: mittellang, mit einer langen Verweildauer auf der Zunge

MargareteMarie meint: der Glen Moray Centenary ist ein sehr komplexer und harmonischer Whisky, ganz im Stil des klassischen British Understatement. Sehr gentlemenlike und elegant, aber mit viel Ausdauer. Die Aromatik, die er im Laufe von vielen Jahre in verschiedenen refill-Fässern langsam aufbauen konnte, verleiht ihm Tiefgang . Je länger man sich mit ihm befasst, desto angenehmer wird er.



mehr zum Thema:


The Good old Days of  Macdonald & Muir (1): Bailie Nicol Jarvie



Kommentare

  1. Sehr schöner Bericht! Danke dafür. Schade nur, dass die Destillerie jetzt nicht mehr so ein Geheimtipp ist ;-)

    Ich bin allerdings erstaunt, dass der Centenary noch erhältlich ist. Sogar zu einem halbwegs erschwinglichen Preis.

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  2. Danke, Olaf! Ich habe selbst gestaunt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass der Centenary von "vorne" wie ein durchschnittlicher NAS-Whisky aussieht. Die spannenden Details stehen auf der Rückseite.
    Die Brennerei hatte jahrzehntelang Zugriff auf das komplette Aroma-Know-How der Glenmorangie Plc. - sie waren ja Teil davon. Und wie es scheint, machen sie auch so langsam was draus.

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