Regensburg: von Barbara-Küssen und Malt Maniacs


Regensburg ist eine der ältesten Städte Deutschlands und seit dem Mittelalter auch ein Treffpunkt des Adels und der Kulturen Europas. Doch die Stadt hat mehr zu bieten als nur den Dom und alte Geschichten. Im unterirdischen Gewölbekeller der Wunderbar, mitten in der historischen Altstadt, entdecke ich die Eingangspforte ins Regensburger Whisky-Wunder-Land.

 



Ein Streifzug durch die Regensburger Altstadt führt den Besucher unweigerlich auch zum Alten Rathaus. Direkt gegenüber, im Cafe Prinzess, kann man sich bei einer Tasse Kaffee und Barbara-Küssen von den Strapazen eines Stadtrundgangs erholen. Was uns der Stadtführer leider nicht erzählt: benannt sind die feinen Konditorerzeugnisse nach Barbara Blomberg, einer jungen Frau aus Regensburg, die europäische Geschichte geschrieben hat. Als sich Kaiser Karl V. 1546 in Regensburg aufhält, wird die damals 18jährige Barbara seine kurzzeitige Geliebte.
Die Begegnung mit dem Kaiser verändert das Leben der jungen Frau nachhaltig. 1547 kommt der gemeinsame Sohn zur Welt, der später als Don Juan von Österreich Seeschlachten im Namen des Kaisers gewinnt. Im Alter von drei Jahren wird Don Juan  nach Spanien gebracht, Barbara jedoch wird mit einem Offizier verheiratet und zusammen mit ihrem Mann nach Brüssel geschickt. Ihre letzten Lebensjahre verbringt sie in Spanien. Nach Regensburg kehrt sie nie wieder zurück, und ihren Sohn sieht sie erst viele Jahre später wieder, und nur ein einziges Mal.  Die Regensburger haben ihr 2011 mit einem Musical ein Denkmal gesetzt.

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Küsse wird Barbara zuhauf gekannt haben, doch Kaffee gab es zu ihren Zeiten noch nicht. Erst 1668 wird in Regensburg das erste Kaffeehaus in Deutschland eröffnet, direkt gegenüber dem Rathaus. Und auch Whisky hat erst sehr viel später seinen Weg nach Regensburg gefunden - doch dafür um so nachhaltiger.
Nur wenige Fußminuten vom Haidplatz entfernt, wo vor 467 Jahren Barbara ihre Nächte mit dem Kaiser verbrachte, befindet sich in der Keplerstraße 11 die Cocktail-Bar „Wunderbar“. Hier treffe ich am Abend Peter „Pit“ Krause, ein Whisky Afficionado und Malt Maniac der allerersten Güteklasse, bei einer seiner legendären Verkostungen.


Denn Peter Krause ist ein echtes Schwergewicht in der Whisky-Szene: Er ist Gründer des Regensburger Whisky-Clubs, Initiator des Whisky-Netzwerkes Slowdrink.de, Spezialist für Whisky-Tastings und Genuß-Abende und außerdem auch ein weltweit anerkannter Whisky-Experte. Vor einigen Jahren wurde er in die berühmte, internationale Vereinigung der „Malt Maniacs“ aufgenommen, dem derzeit wichtigsten Gremium der Whiskytester, dem auch Charles MacLean, Martine Nouet und der Elsässer Serge Valentin angehören. Und noch immer steckt Peter Krause voller Ideen und Tatendrang: Eines Tages ein Whisky-Museum einzurichten wäre sein großer Traum. 
Und ähnlich wie die junge Barbara hatte auch Peter Krause als Student ein schicksalhaftes Erlebnis, das sein Leben entscheidend beeinflussen sollte: während seines Aufenthaltes in den USA befand sich direkt neben seiner Universität der Firmensitz von Jack Daniel’s. Als das Unternehmen einen Übersetzer suchte, half Peter Krause aus. Neben einer finanziellen Vergütung erhielt er auch einige Sammler-Flaschen Whiskey – der Grundstock war gelegt. 


Seit beinahe 20 Jahren ist Peter nun vom Whisky-Virus infiziert, und seine Whisky-Sammlung gilt mittlerweile als eine der besten der Welt. Mehr als 4.000 Flaschen aus unterschiedlichen Jahrzehnten befinden sich derzeit in seinem Besitz, und viele davon sind heute stark gesuchte Raritäten, die bei Whisky-Auktionen tausende von Euros erzielen würden.

Auch Kuriositäten sind dabei, und mit einem breiten Grinsen erzählt Peter mir die Geschichte vom Papst-Whisky, der am Tag der Wahl von Papst Benedikt für den Regensburger Whiskyclub abgefüllt wurde. Da es sich um einen rauchigen Whisky handelte, bekam er auch das passende Label: „White Smoke – Habemus Cervisiam Destillatam“. Der Bruder von Papst Benedikt, der in Regensburg wohnt, sorgte dann dafür, dass der Papst auch eine Flasche von „seinem“ Whisky erhielt und schmuggelte sie an den Wachen der Schweizer Garde vorbei... Drei Wochen später hat sich der Papst dann tatsächlich schriftlich bedankt und seinen Segen übersandt.

 


Doch Peter Krause will nicht nur sammeln, sondern auch genießen, und deshalb hat er auch heute Abend zum 27. Club-Tasting wieder einige Schätze aus seiner umfangreichen Sammlung mitgebracht. Etwa zwei dutzend Personen sind im Nebenraum der Wunderbar zusammengekommen, und einige haben weite Anfahrtswege in Kauf genommen. Zwei Teilnehmer haben sich sogar online aus der Ferne dazugeschaltet, sie möchten den Abend auf keinen Fall verpassen, auch wenn sie ihre Samples erst ein paar Tage später erhalten werden.
Das Angebot für die Verkostung beeindruckt mich sehr, einen 30 Jahre alten Brora, einen Bowmore von 1968 oder einen Ardbeg von 1975 gibt es nicht jeden Tag. Und ich freue mich, dass ich das Glück habe, an diesem Abend in Regensburg dabei sein zu können. 

Hier das komplette line-up:

1. Scapa 8 y.o. G&M Pure Highland Malt, 70er Jahre, 75 cl, 40%
2. Bowmore 31 y.o., Signatory Millenium Edition 1968-1999, Cask 3817, 238 Flaschen, 43%
3. Highland Park 30y.o., Shinanoya (Japan) 1981-2012, Hogshead 6082, 254 Flaschen, 53,8%
4. Longrow 15 y.o., Samaroli “Natural Strength”, Moon Import, 1987-2002, Cask 114, 45%
5. Brora 30 y.o., OB, abgefüllt 2006, 2130 Flaschen, 55,7%, überwiegend 1972
6. Caol Ila, 27.10.2000-8.2011, G&M Exclusive for 35th Anniversary Kirsch Import, 1st-fill Sherry Hogshead 309579, 304 Flaschen, 58,9%
7. Ardbeg 20y.o., Cadenhead’s Authentic Collection, 1975-1995, 51%
8. Laphroaig, 1996-2010, Rolf’s No. 2, Bourbon Cask, Ex-Springbank Sherry Bloodtub-Finish, 6/66 Flaschen, 58%

[Details dazu hier]

Und da Whisky bekanntlich hungrig macht, gibt es zwischendrin noch ein zusätzliches kulinarisches Highlight: Pits selbstgemachte Whisky-Suppe. Die Suppe ist grandios, und ruckzuck ist ist sie aufgegessen. Damit die Zunge danach wieder aufnahmefähig wird für die weiteren Whiskys, wendet Peter einen kleinen Trick an: wir trinken erstmal ein Schlückchen Bier. Das Gerstenbräu tut gut nach der Suppe, und die erhoffte Wirkung tritt tatsächlich ein.

 

Wenn die Malt Maniacs kommen, öffnen die schottischen Brennereien bereitwillig Türen, Flaschen und Fässer, und so hat „Pitt“ Krause auch einiges an Anschauungsmaterial dabei, das uns normalen Whisky-Genießern nicht zugänglich ist: rauchiges Gerstenmalz, New Make aus den verschiedenen Destillerien, Fassdauben und jede Menge Fotos aus Brennereien, in denen Fotografieren normalerweise verboten ist. Kurzweilig und hochinformativ verläuft der Abend, und am Ende habe ich unglaublich viele neue Eindrücke gewonnen, viel neues erfahren und viel gelernt. Nur das Rezept für seine Whisky-Suppe will er mir partout nicht verraten....


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