Whisky-Tasting mit Tilo Schnabel

Beim Whisky gibt es derzeit viel Licht aber auch viel Schatten. Tilo Schnabel, seit kurzem vollberuflicher unabhängiger Abfüller, hat uns bei einem Tasting im Hotel Rhönblick in Steinau so manchen erhellenden Moment beschert.


Es hatte durchaus seinen eigenen Reiz, dass Tilo Schnabel seine Abfüllungen im Lichtkegel eines großen Lampenschirms präsentierte. Der Whisky-Markt ist seit einigen Jahren sehr vielschichtig und bunt geworden, und so mancherlei Abfüllung möchte ihre Ursprünge lieber im Dunklen verstecken. Tilo hat etwas Licht in die Szene gebracht, und bei jeder seiner Abfüllungen die Karten offen gelegt. Mit viel Fachwissen und erheiternden Geschichten rund um das Thema Fass-Management hat er die Tasting-Teilnehmer problemlos ins Boot geholt. Dass ihm im Eifer des Gefechts kurzfristig der Weizen und die Gerste durcheinander gerieten, muss am guten Rhöner Bier gelegen haben ;-)

Für besonders viel Heiterkeit sorgte die Geschichte von den unzähligen Cider-Fässern, die man bei Glen Moray voller Eifer mit leckerem New Make befüllt hatte, um dann hinterher von der SWA zu erfahren, dass Cider-Fässer nicht erlaubt sind für die Reifung von Schottischem Whisky. Jetzt hofft man bei Glen Moray, dass die SWA ihre Statuten irgendwann ändern wird, und wir Tasting-Teilnehmer hoffen, dass Tilo eines dieser Fässer nach Deutschland bringen wird. Vielleicht wird ja eines Tages einer dieser beiden Wünsche erfüllt werden. Whisky ist ein Getränk, das einen lehrt, geduldig zu sein. Dass Ungeduld selten zu guten Ergebnissen führt, hat mir dieses Tasting wieder einmal deutlich vor Augen geführt. 

Sieben Abfüllungen hat Tilo uns beim Tasting im Hotel Rhönblick in Steinau vorgestellt, und die Range war spannend zusammengestellt. Vorrangiges Ziel war dabei, wie Tilo betonte, gute und preiswerte Trinkwhiskys anzubieten, die Spaß machen und trotzdem kein Vermögen kosten. 

Nach dem Tasting habe ich mit Tilo auch noch ein kurzes Interview über seine Rolle als unabhängiger Abfüller geführt, seine Antworten gibt es morgen im Blog.

Hier jetzt erst mal die Whiskys:


Meine Quick-Notes:

1. Tormore, 13 Jahre, 2009, The Caskhound, Ex-boubon Cask, 47,7%

Ein Klassiker aus dem Ex-Bourbon-Fass, mit süßen und saftigen Äpfeln, angenehme Fruchtigkeit, etwas Vanille, mittleres Mundgefühl, rund, komplex und ausgewogen. Eine gelungene Abfüllung in Trinkstärke und ein guter Einsteiger, Daumen nach oben. 

2. Glen Moray, 20 Jahre, 2002, Ex-Boubon-Cask, The Caskhound, 51,4%

Die Steigerung von Alter und Alkoholgehalt geben dem Glen Moray eine größere Aromendichte im Vergleich zum vorhergegangenen Tormore. Auch diesmal eine sehr schöne, klassische Abfüllung aus dem Ex-Bourbon-Fass, Apfel, Vanille, Puderzucker. Gefällt mir gut, auch diesmal Daumen nach oben.

3. Speyside Distillery, 23 Jahre, 1998, Whisky-Broker, Ex-Boubon-Cask, 50,0%

Helle Früchte und tiefe Komplexität, Apfelkuchen, Blütenduft und kräftige Kräuter, dazu die leichte Ranzigkeit des Alters. Mittleres Mundgefühl, langer Nachklang. Die leicht ranzige Note im Untergrund gibt dem Whisky eine pikante Note. Gefällt mir sehr gut, ist aber vielleicht nicht jedermanns Sache. Dennoch von mir Daumen nach oben.


4. Glen Spey, 12 Jahre,  refill-Sherry-Cask, inclusive ein Jahr Finish im 1st-Fill-Oloroso Sherry-Quarter-Cask, 58,1%

Sieh an, ein Loki! Diesem Whisky ist nicht zu trauen, er ist ein Trickser, er täuscht, führt hinters Licht und wechselt das Gesicht. Bei der ersten Begegnung zeigt er das Sherry-Gesicht, mit klassischen, wunderschönen Oloroso-Noten von trockenen Früchten und vielen Nüssen, gepaart mit duftigem frischem Brot. Das Mundgefühl ist mittelschwer und rund, leicht trocken. 

Doch nach einer Weile beginnt er, sich zu wandeln und zu drehen, und nach und nach kommt das zweite Gesicht heraus. Plötzlich ist da Vanille im Glas, damit habe ich nicht gerechnet, ich vermute ein Fass aus amerikanischer Eiche. Es dauert lange, bis die Vanille kommt, doch dann kommt sie mächtig und trumpft auf mit einen süßen Potpouri von Orangen, Mandarinen und Kokosnuss, die alle Nüsse und Beeren verscheuchen. Ich bin großer Fan von Tom Hiddleston als Loki, ich bin beeindruckt von seiner schauspielerischen Wandlungsfähigkeit, und es fasziniert mich immer wieder, wenn ich einen echten Loki im Glas habe.  Insgesamt ist diese Abfüllung rund und süffig, mit sattem Mundgefühl und langem Nachklang. Nix für Puristen, aber von mir einen Daumen nach oben für die perfekte Gestaltwandlung. 

(Und für die Loki-Fans unter euch hier noch einen kurzen Clip mit Tom Hiddleston als Loki of Asgard)




5. M&H Distillery, 3 Jahre, 2018-2022, Liquid Madness, Cabernet-Sauvignon-Fass, französische Eiche, 67%

Der erste Eindruck beschert mir viel Weinsäure, die ich nicht wirklich mag, gefolgt von starken Holztönen, Tanninen, Beeren und süßen Blüten. Im Mund scharf und trocken. Nach einer Weile an der Luft verschwindet die Säure, der Whisky wird zugänglicher, hinzu kommen Malz und Maggiekraut. Stürmisch und vielschichtig, aber nicht wirklich ausgewogen. Von mir nur einen Daumen zur Seite, doch dieser Whisky fand bei meinen Tischnachbarn einige Liebhaber. 

6. Inchfad, 14 Jahre, 2007, The Caskhound, refill Ex-Bourbon-Barrel, 9 Monate Finish im 1st Fill Vintage Port Barrique 

Portwein-Noten und Inchfad ergeben eine ganz spezielle Mischung von dunklen Trauben und kaltem Rauch. Auf der Zunge würzig und kräftig, mit vollem Mundgefühl. Der Inchfad-Rauch überlagert die Portwein-Aromen und dominiert den Gesamteindruck. Am Ende überzeugt diese Abfüllung mit einem sehr langen Nachklang. Insgesamt ungestüm und heftig, nicht ganz rund, deshalb auch diesmal nur einen Daumen zur Seite. 

7. Unbekannte Brennerei, NAS, Seven Seals,  abgefüllt von Liquid Madness, Amarone Red Wine Cask, 58,7%

Die Offenbarung des Abends. Seven Seals brüstet sich seit einigen Jahren damit, ein neuartiges, besonderes - und natürlich geheimes - Verfahren entwickelt zu haben, mit dem man Whisky schneller reifen kann. Auch ansonsten bleibt ziemlich viel bei dieser Abfüllung im Dunkeln - wir erfahren weder das Alter noch das Land noch den Namen der Brennerei. Soviel Geheimniskrämerei macht mich immer mißtrauisch. Wer sich in dunklen Ecken verdrückt, hat meist etwas zu verbergen. 

Im Glas bietet die Abfüllung leichten Rauch, Süßholz und Mandelduft. Nicht überwältigend, aber ok. Auf der Zunge dann die Ernüchterung: Holz. Und Holz. Und Holz. Der Rest ging irgendwie irgendwann verloren - oder war nie da. Bei dieser Abfüllung war Tilo ungewöhnlich schweigsam, aber auch ohne Worte war die Geschmacksprobe erhellend. Daumen nach unten, hier finde ich einfach keine schönen Worte mehr. 


Das Tasting bot einige sehr schöne und erschwingliche Trinkwhiskys zum vernünftigen Preis in verschiedenen Altersklassen und unterschiedliche Fass-Reifungen. Leute, es muss doch nicht immer ein Springbank sein.....

Herzlichen Dank auch Stefan Faulstich und das ganze Team vom Hotel Rhönblick, die wie immer mit unzähligen Service-Leistungen den Abend zum einem "Happy-Evening"-Gesamt-Paket werden ließen. 





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