Großes Glenallachie Blind Tasting - 13 verschiedene Abfüllungen im Direkt-Vergleich

 "Vertical Tastings" sind eine grandiose Sache, denn im direkten Vergleich lässt sich wunderbar herausschälen, wie sich die einzelnen Abfüllungen unterscheiden und welches Konzept die jeweilige Brennerei verfolgt. Vor kurzem konnte ich an einem privaten Vertical Tasting der Glenallachie Brennerei teilnehmen. 13 Samples galt es zu verkosten, und schon allein diese hohe Zahl zeigt, wie rührig Billy Walker von der Glenallachie Distillery in den letzten Jahren gewesen ist.


Das Tasting wurde als Blind-Tasting durchgeführt.

Da die Whiskys von Glenallachie immer ungefärbt sind, habe ich euch zur besseren Einordnung hier noch mal das Farb-Schema des Whisky-Magazin herausgesucht:




Wie bereits eingangs erwähnt, wurde das Tasting als Blind Tasting durchgeführt. Meine Tasting Notes sind während des Tastings entstanden, und wurden nach Bekanntgabe der Abfüllungen nicht mehr umgeändert, sondern nur noch mit den entsprechenden Informationen ergänzt. 

1) Glenallachie 1996/2016, Signatory Vintage, Vintage Collection, 19 Jahre, destilliert 17.10.1996, abgefüllt 19.02.2016, 2 Bourbon Hogsheads, Fass-Nummern 5243 und 5245, 43%, (Whisky Base 80835)

Farbe: 0.2 - blasses stroh-gelb

Aroma: Pfirsich, Nashi-Birne und Zitronenlimonade. Dazu Holunderblütensirup. etwas Malz und zarte Kräuter. Insgesamt angenehm frisch und fruchtig, nicht übermäßig komplex, aber intensiv.

Geschmack: süß und süffig, mit mittlerem Körper und angenehmer Trinkstärke. Am Ende dezent holzig und leicht trocken.

Nachklang: mittellang 

Gesamteindruck: Einer dieser vielen Whiskys aus einem guten Refill-Bourbon-Fass, die wir vor 10 Jahren zumeist verschmäht haben. Heute wären wir froh, wenn wir solche Fässer noch zum damaligen Preis hätten. Ein schöner Whisky, bei dem die frisch-saftigen Obstaromen dominieren. Sehr süffig und 2016 noch für kleines Geld zu haben. Ein optimaler Trinkwhisky, zum Wegsüffeln.


2) Glenallachie 12, aktuelle Standard-Abfüllung, 46 %

Farbe: 1.3 -  gold-braun (Russet)

Aroma: Ah, welch ein Genuß! Wunderbar ausbalanciert, mit viel Nuss und getrocknetem Obst, wie Pflaumen, Rosinen und gerrocknete Feigen, dezente Süße und ein bißchen Eiche. 

Geschmack: mittlerer Körper und schöne Würze, leicht süß, und auch ein bißchen Kaffeearoma.

Nachklang: mittellang,  leider recht trocken am Ende. 

Gesamteindruck: das offizielle Rezept für den Glenallachie 12 ist 65% PX-Fässer, 25% Oloroso-Fässer, 10% Appalachian Virgin Oak. Die PX-Fässer sind im Aroma dominant, während  die Virgin-Oak-Fässer am Ende sehr durchschlagen.  Ob es sich bei den Sherry-Fässern Vollreifungen oder Re-Racking handelt, wurde nicht kommuniziert. 

Insgesamt präsentiert sich der Glenallachie 12  nicht mehr ganz so komplex wie die Erstausgabe vor 3 Jahren, ist aber immer noch schön und mit sehr ausgewogenen Sherry-Noten. Eine gute Empfehlung, auch mit Blick auf den Preis. Auf die Virgin-Oak-Fässer könnte ich aber gerne verzichten, die sind zwar schön für die Farbe, bringen aber auch unangenehme Tannine mit sich. 


3) Glenallachie 9, Rye-Wood-Finish, abgefüllt 2020, American Oak Barrels/Kentucky Rye Finish, 9 Jahre,  48%,  (Whisky Base 152145)

Farbe: 0.2 - blasses stroh-gelb

Aroma: ein intensiv-kräftiges Aroma, bei dem die Würznoten im Vordergrund stehen. Eiche, Ingwer, Nelken und Muskat dominieren. Kaum Fruchtnoten, wenig süß, mit einem Hauch Bitterorange.

Geschmack: mittlerer Körper,  auch hier kaum Süße aber starke Würznoten. 

Nachklang: mittellang,  holzig und trocken, mit einer leichten Pelzigkeit auf der Zungenmitte

Gesamteindruck: ein starkes Aroma, das vor allem von Würze geprägt ist. Meine Vermutung ist, dass hier eher schwächere Bourbon Barrels benutzt wurden, die mit einem Rye Finish aus First-Fill-Fässern einen starken Auftrieb erhalten haben. Stark, kernig, markant, mit einer dominant holzig-trockenen Seite. Nicht so ganz mein Ding.


4) Glenallachie 11, Moscatel Wood Finish, abgefüllt 2020, 11 Jahre, 48%, (Whisky Base 152143)

Farbe: 0.7 - bernstein

Aroma: Zuckerwatte und üppige Wein-Aromen. Die Würze des Moscatel dominiert im Glas. Aprikosen, Ingwer, Heu und Traubengelee.

Geschmack: mittlerer Körper, Orangenmarmelade und Tabakblätter. Leicht würzig und trocken.

Nachklang: mittellang, leicht süß, trocken.

Gesamteindruck: Ich liebe Moscatel-Reifungen. Ganz so üppig wie die Moscatel-Abfüllung von 2018 wirkt er nicht auf mich, aber immer noch eine wunderschöne  und hocharomatische  Abfüllung,die mir gut gefällt. 


5) GlenAllachie 2008/2020 PX & Pinot Noir Cuvee Cask Finish, Vintage, exclusively bottled for Kirsch Import, 53,9%, (Whisky Base 169573)

Der Whisky reifte zunächst in amerikanischen Eichenfässern und wurde dann aufgeteilt. Ein Teil wurde in französische  Pinot Noir Fässer aus dem Burgund gefüllt, und der andere Teil in Pedro Ximénez Sherry Fässer. Nach insgesamt 12 Jahren Reifezeit wurden die beiden Chargen zusammen geführt und vermählt, ehe sie 2020 abgefüllt wurden.

Farbe: 1.3 - dunkles gold-braun (Russet)

Aroma: Was für eine Aroma-Explosion! Süße Feigen, Datteln, Zimt, frisches Laub und Walnüsse. 

Geschmack: Kräftig und würzig, süßer Honig, Tabakblätter und Bitter-Schokolade. 

Nachklang: mittellang, trocken, mit leichten Tanninen 

Gesamteindruck: Vermutlich waren die Fässer mit Pinot-Noir-Finish zu trocken und tannin-lastig ausgefallen, so dass man sich entschloss, sie mit PX-Fässern zu vermählen, um die Trockenheit durch Süße zu kompensieren. Das Ergebnis ist äußerst gelungen, die Aromen sind unglaublich üppig und dick. Trotz der enormen Süße verhindern die trockenen, erdigeren Noten der Pinot Noir Fässer, dass die Aromen klebrig wirken. Eine tolle Kombination.  Manchmal werden die besten Ideen aus der Not geboren. 


6) Glenallachie 11, Port Wood Finish, 11 Jahre, Abfüllung 2020, 48%, (Whisky Base 152144)

Farbe: 1.0 - Kupfer

Aroma: Zimt, Dosenpfirsich, Heidelbeeren und Rosenwasser. Mild, fruchtig und süß.

Geschmack: süßer Antritt, mittlerer Körper, gut ausbalanciert, leicht nussig

Nachklang: mittellang, süß

Gesamteindruck: aromatischer und milder Whisky. Vermutlich eher schwache Bourbon-Barrels, denen das Port-Wein-Finish  eine delikate Süße und dezente Fruchtigkeit mitgegeben hat. Lässt sich sehr schön trinken.


7) MacNairs Lum Reek, Blended Malt, Peated, 46%,  (Whisky Base 172719)

Farbe: 0.6  - altes Gold

Aroma: viel Rauch und Dosenpfirsich. Eine schöne Süße, untermalt von kräftiger Zigarettenasche. Aparte Mischung. 

Geschmack: viel Obstsaft-Süße auf der Zunge, mit kräftigen Torfrauch-Aromen und Tabakblättern.

Nachklang: eher kurz 

Gesamteindruck: ein süffiger, süßer und unkomplizierter Whisky mit starkem Torfraucharoma. Sehr gutes Preisleistungsverhältnis und gut zum Wegsüffeln.

---- Pause ---- 

8) Glenallachie, Madeira Wood Finish, 12 Jahre, 48%, exclusively bottled for Germany, (Whisky Base 154509)

Die Pressemitteilung verspricht eine Reifung in amerikanischen Eichefässern und anschließende Nachreifung in Madeira Barrique-Fässern, in denen zuvor Malvasia Madeirawein lagerte.

Farbe: 0.7 - Bernstein 

Aroma: starke Würznoten und ein bißchen Petrol dominieren im Glas, der Whisky zeigt nur wenig Süße, und tendiert zur bitteren Seite. Ich denke an Benzinkanister, Zimt, Bitterkraut und saure Johannisbeeren. Wenn man ihn etwas atmen lässt, wird er erdiger. Ansonsten muss man die Aromen hier mit der Lupe suchen. 

Geschmack: schmaler Körper, und gegen Ende kommt das Holz. Naja.

Nachklang: eher kurz

Gesamteindruck: Eigentlich mag ich Madeira Finish. Aber hier hat irgend etwas nicht so wirklich funktioniert. Vom berühmten "Malmsy" ist kaum etwas zu entdecken.  Insgesamt ist der Whisky eher verhalten und hinterlässt einen schwachen Eindruck. Kernig, würzig und holzig sind die Haupteigenschaften. Der Whisky kann die Erwartungen, die in der Pressemitteilung geweckt wurden, nicht so wirklich erfüllen. Schade, ich hätte mir "exclusively for Germany" etwas besseres gewünscht.


9) Glenallachie, Virgin Oak Series, Ex-Bourbon Barrels, Chinquapin Oak Finish, 12 Jahre, 48%, (Whisky Base 167231)

Farbe: 0.8 - tiefgolden 

Aroma: im ersten Antritt ein  leichter, süßlicher Blütenduft, dann kommen Quittenbrot, Trauben, und Vanille-Tee. Durchaus interessant und recht gefällig. Trotz der starken Aromen wirkt er aber verschlossen, als wären die Aromen wie in einem Karton zu dicht zusammengepresst.

Geschmack: würzig, wenig süß, leicht bitter, unausgewogen, etwas holzig und leicht trocken

Nachklang: sehr trocken

Gesamteindruck: Trotz seines interessanten Aromen-Mix wirkt der Whisky wenig komplex.. Kann man mal machen, ist mir aber zu holzig und trocken.


10) Glenallachie, Virgin Oak Series, Amerikan Oak Ex-Bourbon-Barrels, French Virgin Oak Finish, 12 Jahre, 48%, (Whisky Base 167242)

Farbe: 0.8 - tiefgolden 

Aroma: Schöne Traubenzucker-Süße und Petroleum. Und... eigentlich sonst nichts. Wo bleibt der Rest??? Ein bißchen Holz vielleicht.

Geschmack: trocken, kernig, leicht ölig, extrem würzig und etwas bissig

Nachklang: eher kurz, brennt auf der Zunge

Gesamteindruck: Insgesamt recht verschlossen, wenig ansprechend und kein Gaumenschmeichler. Der Mund wird schnell trocken und brennt. Was bleibt, ist Holz.


11) Glenallachie, Virgin Oak Series, Amerikan Oak Ex-Bourbon-Barrels, Spanish Virgin Oak Finish, 12 Jahre, 48%,  (Whisky Base 167232)

Farbe: 0.8 - tiefgolden

Aroma: anfänglich würzig-bitter, kaum Süße, Macadamia-Nuss und Mandarine, ein bißchen Espresso, nach einer Weile auch erdige Töne und süßliche Karamell-Noten. Insgesamt eher verschlossen, zusammengepresst und wenig komplex. Der will sich nicht so richtig entfalten.

Geschmack: würzig, trocken, anstrengend, ölig, aber mit einem mäßigen Körper

Nachklang: eher kurz, holzig und trocken

Gesamteindruck: Gefällt mir besser als die Abfüllung aus dem Virgin French Oak Fass, aber auch dieses Virgin Oak Finish kann mich nicht so richtig überzeugen. Der Whisky ist trotz einiger interessanter Aromen kantig und hart, und nicht wirklich zugänglich. Es fehlt mir an Komplexität, und die Tannine erschlagen am Ende die Zunge.


12) Glenallachie 15, aktuelle Standard-Abfüllung, 46 %, Mischung aus Oloroso und PX Sherry Hogsheads und Puncheons.

Farbe: 1.4 - dunkles gold-braun (tawny)

Aroma: Sehr schöne Nussigkeit, Beeren, Feigen und Rosinen, aromatische Gewürze

Geschmack: rund, samtig weich, leicht trocken, süße Gewürze, mittlerer Körper

Nachklang: trocken

Gesamteindruck: Ein sehr schöner Tropfen mit klassischen Sherry-Noten und einem prima Preisleistungsverhältnis. Die derzeitige Abfüllung gefällt mir deutlich besser als die Erstausgabe, da sie weniger von nassen Sherry-Tönen dominiert wird, sondern mehr in die nussigen Aromen hinübergleitet. Main-Stream und sehr gefällig. Das lässt für die weitere Entwicklung in den nächsten zwei oder drei Jahre hoffen. 


13) Glenallachie, Signatory Vintage, 2007/2020, First Fill Sherry Butt, destilliert am 4.9.2007, abgefüllt am 2.6.2020, Fass-Nr. 900511, 64,8%, (Whisky Base 900511)

Farbe: 07 - Bernstein

Aroma: Ah, die Sonne geht auf! Rote Früchte, Beeren, Minze, Rum-Mohito, Malz, Mürbeteig, Mandarinen, Karamellbonbons, brauner Zucker, Trauben-Nuss-Schokolade.

Geschmack: süß, ölig,  leicht ranzig, nussig, vollmundig,

Nachklang: wunderbar lang. Sehr schön, aber durch den hohen Alkoholgehalt nichts für schwache Gemüter. 

Gesamteindruck: Einer meiner Lieblinge in diesem Tasting. Das war kein nasses Sherry-Fass, bei dem die Sherry-Aromen im Glas oben schwimmen und einem beim Trinken direkt ins Gesicht springen. Klassische Vollreifung mit einer wunderschönen Komplexität. Die hohe Alkoholstärke macht sich jedoch bemerkbar - mit diesem Whisky sollte man auf keinen Fall einen Abend beginnen, sondern lieber beenden. 

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Fazit: Das Tasting hat mir einen sehr schönen Überblick darüber gegeben, was bei Glenallachie seit einiger Zeit passiert. 

7 Erkenntnisse:

1. Prozess der Umstrukturierung:

Die Whiskys von Glenallachie sind noch immer in einer starken Entwicklung begriffen. Billy Walker hat sich zum Ziel gesetzt, eine wenig beachtete Brennerei aus der zweiten Reihe zu einer "Sherry-Destille" umzustrukturieren. Noch muss er mit dem Material arbeiten, das andere vor ihm in die Lagerhäuser gelegt haben. Derzeit wird man in der Brennerei viel mit Re-Racking und Finishings arbeiten müssen, da die Mehrzahl der Fässer wohl Refill-Hogsheads sein werden. Doch der 12er und der 15er sind bereits auf einem guten Weg, und werden wahrscheinlich in den kommenden Jahren noch stärker werden. Sie bieten schon jetzt ein sehr gutes PLV.

2.  Unabhängige Abfüllungen:

Auch bei unabhängigen Abfüllern kann man schöne Einzelfässer entdecken. Wie grandios ein Glenallachie aus dem Sherry-Fass (Full Maturation) tatsächlich sein kann, zeigt am Ende die Abfüllung von Signatory. Klassisch, unprätentiös, mit einer  tollen Aromenvielfalt und ohne Effekt-Hascherei. Whisky kann so viel Spaß machen. 

3. Virgin Oak

Die Virgin-Oak-Serie war sehr interessant, hat mir aber weniger Spaß gemacht. Am besten gefällt mir noch Virgin Oak aus amerikanischer Eiche, die europäische Eiche als Virgin Oak empfinde ich im Vergleich als anstrengend. Das ist eher was für Leute, die es gerne hart, trocken und holzig auf der Zunge haben. 

4. Wood-Finishes

Die Wood-Finishes hingegen waren durchweg gut und haben viel Potential. Sie dominieren den jeweiligen Whisky recht stark, und haben mir gezeigt, wie großartig und vielfältig der Whisky von Glenallachie in unterschiedlichen Fässern ausfallen kann. Ich selbst mag die süßen und aromatischen Finishes wie Moscatel oder PX besonders gerne, aber auch die würzigen Ausprägungen wie Rye-Finish funktionieren. Hier wird jeder seine persönliche Präferenz finden. 

5. Single Cask

Bei Einzelfässern und Exklusiv-Abfüllungen gibt es große Unterschiede. Das PX-Pinor Noir-Cuvée von Kirsch war eine vorzügliche Wahl, Gratulation an den Fass-Einkäufer bei Kirsch. Das Germany Exclusive aus dem Malmsy-Fass war hingegen war enttäuschend und konnte mit den anderen Abfüllungen nicht mithalten.

6. Alter

Insgesamt ist der Whisky von Glenallachie derzeit eher von einem mittelschweren Körper geprägt, der sein optimales Reife-Alter vermutlich zwischen 15 und 25 Jahren hat. 

7. Veränderungen und Prognose

In Zukunft werden wir jedoch einen anderen Whisky erleben können. Denn Billy Walker hat bereits die Produktionsfaktoren geändert - längere Fermentationszeiten, weniger Masse, mehr Klasse. Die Ergebnisse der Veränderungen werden wir erst in ein paar Jahren sehen. Es wird spannend bleiben in Glenallachie. 


Nanu - da fehlt doch eine.....


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