Interview der Woche: Mareike Spitzer, Irish Whiskey, über eine irische Whisky-Szene im Umbruch

Der irische Whisky-Markt erlebt derzeit rasante Veränderungen. Doch abgesagte Messen und Reiseeinschränkungen machen es äußerst schwierig, diesen Prozess der Veränderung zu verfolgen. Mit Mareike Spitzer, Inhaberin von "Irish-Whiskeys" habe ich am Rande des Osthessischen Whisky Festivals über neue Vermarktungskonzepte in pandemischen Zeiten, ihr geplantes Irish Whiskey Wochenende und über die neuen Trends auf dem irischen Whisky-Markt gesprochen.


In kaum einem anderen Land verändert sich die Whisky-Szene derzeit so schnell und leidenschaftlich wie in Irland. Viele der neu gegründeten Brennereien haben inzwischen ihren eigenen Whisky am Start oder werden in absehbarer Zukunft ihren eigenen Whisky uf den Markt bringen. Von der Idee, dass irischer Whiskey immer leicht und fruchtig sein muss, werden wir uns verabschieden müssen. Bei meinem jüngsten Tasting zusammen mit Mareike habe ich einige sehr ungewöhnliche Whiskeys aus Irland im Glas gehabt und mich mit Mareike über die neuesten Entwicklungen unterhalten.

MM: Mareike, die Infektionszahlen steigen schon wieder, Messen und Veranstaltungen ´müssen abgesagt werden. Wie hat man bei deiner Firma, Irish Whiskey, auf die veränderten Bedingungen reagiert?

Mareike: Im März, als alles zu gemacht hat, war ganz klar, dass wir mehr online machen müssen und dort auch präsenter werden müssen. Sehr schnell sind wir mit Live Streams gestartet und hatten dazu viele irische Gäste aus den Destillerien. Auch haben wir Online Tastings zu diversen Whiskey- und Ginthemen veranstaltet und diese wurden gut angenommen. Leider konnten wir damit aber noch nicht genug Verkostungsmöglichkeiten bieten, daraus ist dann das Irish Whiskey Wochenende entstanden. Da fast keine Messen stattfinden und auch bei Weitem nicht so viele Tastings, fehlt einfach die Möglichkeit neue Abfüllungen zu probieren, das möchten wir am Irish Whiskey Wochenende ermöglichen.

MM: Hat sich das Konsumverhalten deiner Kunden durch den vergangenen Lockdown eigentlich geändert? Hat man mehr, weniger oder anders eingekauft? 

Mareike: Während des Lockdowns war das Kaufverhalten definitiv anders als zuvor. In dieser Zeit haben wir sehr viel Poitin verkauft, was sonst ja nicht so unser Kerngeschäft ist. Zwischendurch kam uns die Vermutung, dass er wahrscheinlich als Desinfektionsmittel gekauft wird. 

MM: Ja, mit Poitin kann man sicherlich innerlich und äußerlich gut desinfizieren ;-) Lass uns noch etwas detaillierter über das Irish Whiskey Wochenende reden. Welche technischen Voraussetzungen brauche ich, wenn ich an einem Tasting während des Irish Whiskey Weekends teilnehmen möchte? 

Mareike: Um an dem Irish Whiskey Wochenende teilnehmen zu können, benötigt man keine besonderen technischen Voraussetzungen. Jeder Teilnehmer bekommt einen Link geschickt, mit dem er sich zu dem Irish Whiskey Wochenende anmelden kann. Also ein Computer, Laptop oder Tablet sollte man zu Hause haben, ansonsten benötigt man nichts. Das Wochenende wird in einem geschlossenen Online-Raum stattfinden. Nur die Käufer der Tasting Sets können auch die Streams sehen. In jedem Live-Stream wird der Eigentümer oder Master Distiller der Destillerie seine Produkte vorstellen und ich selbst werde auch immer mit online sein. Die Teilnehmer haben die Chance ihre Fragen und Anmerkungen im Chat zu schreiben oder sich live dazu zu schalten.

MM: Das ist organisatorisch gewiss eine große Herausforderung für dich. Wie viele Brennereien werden an dem Irish Whiskey Wochenende teilnehmen und wie hast du das Programm über die beiden Tage verteilt?

Mareike: Insgesamt wird es elf Live Tastings geben: sieben Destillerien, drei Whiskey Bonder und ein Tasting mit meinen Sonderabfüllungen. Am Samstag wird es sechs Tastings geben und am Sonntag fünf. Zur Auflockerung wird es zwischen den einzelnen Tastings feinste Irish Folk Music geben.

MM: Kannst du uns etwas mehr über die Modalitäten verraten? Wie lange werden die Tastings dauern, und wie viele Drams sind in einem Set enthalten? 

Mareike: Ein Tasting wird 45 Minuten dauern. Selbstverständlich haben wir etwas Puffer eingebaut, doch der Plan ist es bei den 45 Minuten zu bleiben. In jedem Set werden 4 Proben zu je 5 cl enthalten sein. Dazu gibt es noch ein hochwertiges Tuath Glas. Jedes Set besteht aus 2 Standardabfüllungen, einer Sonderabfüllung und einem New Make.

MM: Den New Make der neuen Brennereien verkosten zu können ist eine spannende Sache. Aber du hast ja auch Bonder bzw. unabhängige Abfüller im Programm. Wie wird deren Tasting-Set aussehen? 

Mareike: Auch bei den Whiskey Bondern wird es New Make geben. Two Stacks z. B. arbeitet eng mit Killowen zusammen und erhalten von diesen einen ganz speziellen New Make, den wir in das Set geben dürfen. Bei Liberator ist es besonders spannend. Sie arbeiten momentan noch als Whiskey Bonder, aber sie haben auf ihrem Anwesen ein eigenes Gerstenfeld und diese Gerste durften sie bereits in einer Destillerie destilieren, somit ist auch von dort der New Make gesichert. Und J. J. Corry arbeitet seit Kurzem mit der ersten Destillerie im County Clare zusammen: Glendree. Von der Glendree Distillery wird es einen Weizen New Make im Set geben. Wie ihr seht, wir wurden kreativ und können wirklich außergewöhnliche New Makes präsentieren.

MM: Wo kann man sich für das Wochenende anmelden, wenn man sich dafür interessiert, und wieviel kostet ein Tasting? 

Mareike: Es gibt eine eigene Webseite für das Wochenende: www.irish-whiskey-wochenende.de 
Unter dem Reiter Master Classes findet man den Zeitplan und mit einem Klick auf das gewünschte Tasting wird man im Bestellprozess weitergeleitet. Ein Tasting Set kostet 36,90 €.

MM: Gibt es auch die Möglichkeit, das komplette Tasting-Set für alle Brennereien zu buchen?

Mareike: Ja, dafür haben wir ein Super-Paket online gestellt. Darin enthalten sind alle Tasting Sets und 4 Tuath Gläser. Dieses kostet 369,90 €. 

MM: Werden die Sets von Irland oder von Deutschland aus verschickt? 

Mareike: Die Sets werden wir hier in Deutschland abfüllen und dann auch von hier versenden. Der Versand kostet 4,90 € und ab 120 € liefern wir versandkostenfrei. 



MM: Kannst du uns noch etwas über die Sonderabfüllungen erzählen, die du für das Irish Whiskey Wochenende geplant hast? 

Mareike: Ja sehr gerne. Wenn man schon so ein besonderes Event plant, dann gehört da auch einfach eine Sonderabfüllung dazu. Wir haben uns hierfür für einen sehr außergewöhnlichen Whiskey entschieden: ein Single Grain Whiskey, der eineinhalb Jahre im Virgin Oak Fass reifte und danach für 2 Jahre in ein STA Fass umgefüllt wurde. 

MM: Jetzt stelle ich mal eine ganz ketzerische Frage. Lohnt es sich denn überhaupt, an diesen Tastings teilzunehmen? Viele der neuen Brennereien in Irland haben noch gar kein eigenes Produkt am Markt, und die derzeitigen Abfüller ohne eigene Brennerei beziehen ihren Whisky ja auch nur aus den wenigen und immer gleichen Brennereien, die wir eigentlich schon ausreichend kennen. 

Mareike: Ja es lohnt sich definitiv daran teilzunehmen. Klar ist es noch immer so, dass viele der Destillerien ihren Whiskey aus den bekannten Brennereien beziehen, aber dies wird sich ja in den nächsten Jahren mehr und mehr ändern und wo erhält man schon mal die Möglichkeit so viele verschieden New Makes zu probieren. Und ich kann versprechen, sie schmecken alle unterschiedlich und wirklich interessant. Hinzu kommt, dass wir bei den Sonderabfüllungen bei vielen Sets Abfüllungen dabei haben, die es so in Deutschland nicht geben wird oder in so kleiner Auflage gemacht wurden, dass sie gar nicht erst wirklich auf den Markt kommen werden.

MM: Du beobachtest den irischen Whisky-Markt ja seit einigen Jahren sehr genau, und bei unserem jüngsten gemeinsamen Tasting konnte ich einige deutliche Veränderungen feststellen. Da waren einige sehr ungewöhnliche Produkte dabei. Welche Erwartungen hast du, wie sich die Whisky-Szene in Irland in den kommenden fünf bis zehn Jahren entwickeln wird? 

Mareike: Es wird spannend und wir werden sehen, in welche Richtung sich alles entwickelt. Definitiv wird der Whiskey sich weg entwickeln von leicht, mild, fruchtig und Vanille. Der ursprüngliche irische Whiskey war würzig und kräftig und einige der neuen Destillerien gehen zurück zu dieser Tradition. Klar, wird es auch immer die fruchtigen und leichten Whiskeys aus Irland geben, was gut ist, aber die Geschmacksvielfalt wird viel größer werden und der Konsument kann sich für neue Geschmacksrichtungen öffnen.

MM: Besteht nicht auch die Gefahr, dass der irische Whiskey durch diese Veränderungen an Profil verlieren wird? Oder wird er durch die neuen Brennereien gewinnen? 

Mareike: Der irische Whiskey wird definitiv an Profil gewinnen.

MM: Glaubst du, dass sich der irische Whisky aus dem Schatten des schottischen Whiskys lösen wird, und wenn ja, warum? 

Mareike: Ich weiß nicht, ob sich der irische Whiskey aus dem Schatten des schottischen Whiskys unbedingt lösen muss. Die ganze Whiskywelt wächst und ganz viele andere Länder produzieren Whisky. Ich glaube, dass sich die ganze Whiskylandschaft verändern wird und die Konsumenten offener werden sollten für neue Whisk(e)ys.

MM: Wird der Begriff des „Terroirs“ in Irland zukünftig eine größere Rolle spielen? 

Mareike: Ja, ich glaube schon, denn viele der neuen Destillerien bauen ihre eigene Gerste an. Sie bewerben dies mit einer „Grain to glass“-Destillerie. Doch gibt es auch Destillerien, die sehr darauf bedacht sind, lokal zu arbeiten, es aber nicht groß bewerben; z. B. kauft die Connacht Distillery ihre Gerste auch nur aus einer bestimmten Region im County Waterford, denn diese Gerste hat die Qualität, die sie für ihren Whiskey haben wollen.

MM: Waterford steht ja auch für mehr Transparenz. Gerade da hat es in der Vergangenheit oft gehapert, Transparenz war bisher etwas, das viele irische Whisky-Produzenten eher vermieden haben. Gibt es Anzeichen, dass sich diesbezüglich in Zukunft etwas bewegen wird? 

Mareike: Im Thema Transparenz bewegt sich seit 2 Jahren in Irland schon sehr viel und nicht erst seit Waterford. Waterford hat das Thema Terroirs ins Spiel gebracht, aber Vorreiter von Transparenz ist wohl klar J. J. Corry. Als Louise ihren ersten Blend heraus brachte, hat sie die genaue Zusammensetzung und Fassauswahl auf die Flasche geschrieben. Das ist Transparenz im Whiskey. Leider durfte nicht auf das Etikett schreiben, aus welchen Destillerien der Whisky stammte, aber in jedem Tasting hat sie diese erwähnt. Auch viele der neuen Destillerien, die jetzt noch mit zugekauftem Whiskey arbeiten, sagen inzwischen ganz klar, dass es sich hierbei nicht um deren eigenen Whiskey handelt. Leider wird den Whiskey Bondern im Moment das Leben schwer gemacht. Die Transparenz, wie es auf den ersten Abfüllungen von Louise zu sehen war, hat ihr viel Ärger eingebracht und ist nicht mehr erlaubt. Die Irish Whiskey Association hat dies verboten. Ich vermute als Hintergrund, dass z. B. Midleton bei Jameson nicht darauf schreiben möchte, wie sich der Whiskey zusammensetzt. 

MM: Midleton ist mit Sicherheit ein Machtfaktor. Wie stark dominiert Midleton – oder besser gesagt Irish Distillers – denn derzeit den irischen Whisky-Markt? Glaubst du, dass sich das in den kommenden Jahren ändern wird? 

Mareike: Midleton bzw. die Marke Jameson dominieren noch sehr stark den irischen Whisky-Markt. Jameson ist die führende irische Whiskymarke und wer an irischen Whiskey denkt, denkt meistens zuerst an Jameson. Diese Marke hat es sicherlich durch ihren weltweiten Bekanntheitsgrad aber auch den kleinen Destillerien überhaupt erst ermöglicht, sich einen Platz im irischen Whiskeymarkt zu sichern. Ich glaube, dass Jameson auch in den nächsten Jahren noch vorne an sein wird, aber dahinter wird die Vielfalt größer und spannender. 

MM: Nicht nur der irische Whisky-Markt, sondern auch deine eigene Firma hat sich die letzten Jahre sehr stark entwickelt. Welche Projekte hast du dir für die nahe – und vielleicht auch etwas weiter entfernte – Zukunft denn vorgenommen? 

Mareike: Zuerst möchte ich ein erfolgreiches Irish Whiskey Wochenende veranstalten ;-) Im nächsten Jahr sind dann aber auf jeden Fall wieder Einzelfassabfüllungen unter meinen Labels Black Rock und Fairy Cask geplant. Hier habe ich schon ein paar schöne Fässer in der Pipeline. Außerdem haben wir einige spannende Projekte mit unseren Distributionsmarken geplant.

MM: Dann lassen wir uns überraschen, was du uns noch Spannendes nach Deutschland bringen wirst. Vielen Dank, Mareike, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast.

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