Im Portrait: David Prior, Bladnoch Distillery

Seit die schottische Lowland-Brennerei Bladnoch vor vier Jahren verkauft wurde, hat es aus der Whisky-Community an Kritik und bösen Worten nur so gehagelt. Am vergangenen Wochenende hat sich David Prior, der neue Besitzer der schottischen Bladnoch Distillery, nun endlich zum ersten Mal in Deutschland der Öffentlichkeit gestellt. In Hamburg stand der australische Multimillionär einer Schar von Journalisten und Bloggern Rede und Antwort. Was werden wir zukünftig von Bladnoch zu erwarten haben?



Eigentlich hatte ich am vergangenen Wochenende gar keine Zeit. Aber die Gelegenheit, am Freitag Abend den neuen Besitzer der schottischen Lowland-Brennerei Bladnoch kennenzulernen, wollte ich auf keinen Fall verpassen. Nur zwanzig Minuten, nachdem ich am Freitag nachmittag meinen Arbeitsplatz in der Nähe von Frankfurt verlassen hatte, saß ich schon im Auto und brauste nach Hamburg. David Prior wollte ich unbedingt live erleben.

"We are pissed".


Kaum jemand aus der Whisky-Szene hat es in den vergangenen zwei Jahren so schnell und so nachhaltig geschafft, den geballten Hass der Whisky-Community auf sich zu ziehen wie der geschäftstüchtige Joghurt-Millionär aus Melbourne.

Überteuerte Abfüllungen, verwässerter Whisky, stillos aufgemotzte Glaskaraffen, geschlossene Brennerei-Türen, eine rüde Behandlung der Private-Cask-Owner von Bladnoch - die Liste der Vergehen, die ihm die Whisky-Nerds vorwarfen, war lang, und die Beschimpfungen im Netz waren teilweise heftig. Die Wirkung war ebenso heftig. Die Fans von Bladnoch waren "pissed", und die Brennerei samt ihren neuen Abfüllungen wurde totgeredet.

Dabei hatte der Geschäftsmann eigentlich gar nichts schlimmes verbrochen - er hatte lediglich eine schottische Brennerei gekauft. Und doch hatte er dabei alles falsch gemacht, was er nur falsch machen konnte. Zumindest in den Augen der Fans.

Doch bleiben wir zunächst bei den Fakten - und reden wir mal Tacheles. Denn Bladnoch war die letzten Jahre alles andere als "a very fine distillery", wie so manche Internet-Stimme derzeit trotzig behauptet.



Gewiß, die ersten Jahre unter der Herrschaft von Raymond und Colin Armstrong waren hoffnungsvoll. Nach der langen Zeit der Stilllegung 1993 wurde im Jahr 2000 die Produktion wieder angefahren, und  zwischenzeitlich  betrug die Jahresproduktion stolze 200.000 Liter Alkohol. Doch schon bald zeigten sich die ersten Risse. 2009 wurde bei Bladnoch - nach nur 8 Jahren nennenswerter Produktion - zum letzten Mal während der Ägide Armstrong gebrannt, die beiden Armstrong-Brüder samt ihrer Ehefrauen hatten sich heillos zerstritten. Notwendige Investitionen und Reparaturen hatten in all den Jahren nicht stattgefunden, die Brennerei verkam zusehens. Am 10. März 2014 ging die Firma "Co-Ordinated Development Services", der Bladnoch rechtlich gehörte,  in die Liquidation.

Hat David Prior vom schlechten Zustand der Brennerei gewußt? Ich glaube nicht. Als er von seinem ersten Besuch in der Brennerei nach dem Kauf erzählt, will ihm das Lächeln nur mühsam gelingen. Seine Frau hat es damals auf den Punkt gebracht: "David, das wird wahnsinnig viel Arbeit werden", hat sie gesagt. Auch ihr fällt das Lachen bis heute schwer, wenn sie daran denkt.

Im Hamburger Hafen Klub, in den "Didi" und "Corry" in ihrer Funktion als deutscher Importeur uns eingeladen hatten, wollte sich an diesem Freitag auch kein wirklicher Jubeltaumel einstellen. Obwohl Didi mit großem Geschick und ebenso großer Professionalität als Moderator durch das Gespräch führte, blieb die Stimmung freundlich, aber verhalten. 

David Prior weiß, dass er die Durststrecke noch lange nicht hinter sich hat.

"Durststrecke"


Dabei hat der Australier mit englisch-indischem Hintergrund bereits eine traumhafte Karriere hinter sich. Als er Ende 2008 von seinen Eltern vier Millionen Dollar übernehmen kann, verbringt er die nächsten 18 Monate damit, zu surfen und über seine Bestimmung im Leben nachzudenken. Im Juni 2010 gründet er dann die Firma "five:am" und produziert Joghurt und Granola mit Life-Style-Feeling.

Als er die Firma im Oktober 2014 wieder verkauft, sind aus den vier Millionen Dollar 50 Millionen geworden. Doch statt den Rest seines Lebens mit Surfen zu verbringen, wird David übermütig. Eine Whisky-Distillerie will er kaufen. Oder noch besser, gleich selber eine bauen. Ein Grundstück ist schnell gefunden, und der Vertrag schon bald perfekt. Erst im letzten Moment dämmert es David, dass das Grundstück über kein Wasser verfügt.

Sein Instinkt und eine Rücktrittsklausel im Vertrag retten ihn nur knapp vor einem gigantischen Fehler. Zwei Tage später gibt er seine Bewerbung für die Bladnoch Distillery ab, die genau zu diesem Zeitpunkt zum Verkauf angeboten wird. Im Juni 2015 wird David Prior stolzer Besitzer der ebenso stolzen Bladnoch Distillery. Zu diesem Zeitpunkt ahnt David noch nicht, wieviel Geld die Renovierung der Brennerei ihn tatsächlich kosten wird.


Über Geld spricht David an diesem Abend eher selten. Nur einmal, als Didi ihn halb scherzhaft als "Millionär aus Australien" bezeichnet, wiegelt David ab: "Ex-Millionär". Wir lachen alle. Doch wieviele Millionen er tatsächlich schon investieren musste, kann man nur ahnen.

Die gesamte technische Ausstattung der Brennerei musste general-saniert werden. Die Brennblasen sollten von Forsyths kommen, doch die haben lange Wartezeiten von mindestens drei Jahren. David konnte die traditionsreiche schottische Kupferschmiede überreden, ihm die Brennblasen inklusive dem restlichen Zubehör in nur 6 Monaten zu liefern. Er wird dazu mehr als nur ein paar nette  Worte und ein freundliches Lächeln gebraucht haben.

Heute glänzen in der Brennerei ein Maischebottich aus Edelstahl, 6 Washbacks aus Douglasien-Holz und vier brandneue Brennblasen. Die Jahreskapazität beträgt 1,5 Millionen Liter Alkohol, doch derzeit ist man von dieser Produktionsmenge noch weit entfernt.


Um die Brennerei wieder flott zu machen, konnte David Ian McMillan, Master Blender der Burn Stewart Distillers, gewinnen. Ian hat die Lagerbestände der Brennerei in den vergangenen drei Jahren gesichtet, und allein für 1,5 Millionen Dollar neue Fässer gekauft. 85% der Fassbestände in den Lagerhallen von Bladnoch mussten aufgrund mangelhafter Qualität umgefüllt werden.

Unerkannte Edelsteine


Zudem waren die Lagerbestände insgesamt eher bescheiden: nur dreitausend Fässer betrugen die Vorräte, als David die Brennerei 2015 übernommen hatte. Eine der ersten Aufgaben von Ian McMillan bestand darin, alle Fässer von Bladnoch, die man nur irgendwie bei anderen Abfüllern erwerben konnte, aufzukaufen. Inzwischen verfügt nur noch Gordon & McPhail über nennenswerte Bestände an Bladnoch-Fässern, die restlichen Bestände wurden weitgehend von David zurückgekauft. Auch das waren Ausgaben, mit denen er am Anfang wohl kaum gerechnet hat.

Doch es gibt auch gutes zu berichten: viele der Fässer haben ein inzwischen traumhaftes Alter erreicht. Bis dreißig Jahre alt sind die Bestände, die derzeit in den Lagerhallen von Bladnoch liegen, andere Fass-Pakete sind 23, 26, oder 28 Jahre alt.

Für die Abfüllungen konnte Ian McMillan altersmäßig dann auch aus dem Vollen schöpfen. Für Samsara kamen nur komplett durchgereifte Bourbon- und Rotweinfässer zum Einsatz, von denen das jüngste Fass 11 Jahre, das älteste Fass 17 Jahre alt war. Von solchen Zahlen können andere Brennereien nur noch träumen.

Für die Abfüllung Adela waren die Fässer noch um einiges älter. Und die Bestände noch knapper. 200 Cases sind derzeit noch übrig, dann ist Adela wahrscheinlich erst mal durch. Und der neue 17jährige ist in Australien bereits ausverkauft.


Herzenswunsch


David hat sich mir dem Erwerb der Bladnoch Distillery einen Herzenswunsch erfüllt. Dass man die Herzen der Whisky-Fans auch erobern muss, hat er dabei nicht bedacht. Und mit Ian McMillan den falschen Mann an der richtigen Stelle gehabt.

Ian gehört zu den besten seines Faches, doch als Menschenfreund gilt der Master Blender in Fachkreisen nicht unbedingt. Ian hatte keine Lust auf geschwätzige Touristen und neugierige Whisky-Blogger, die Türen der Brennerei bleiben während seiner Amtszeit für Außenstehende einfach zu.


Doch das soll jetzt anders werden. Das neue Besucher-Zentrum ist inzwischen fertig gestellt, und schon bald soll bei Bladnoch das Tagesgeschäft beginnen. Ian McMillan hat Bladnoch bereits verlassen, sein Nachfolger sitzt auf gepackten Koffern. In wenigen Tagen wird man den Namen bekannt geben. Wir sind alle schon sehr gespannt.


Der Whisky


Ach ja, da war noch was. Der Whisky. Reden wir doch zum Schluss noch über den Whisky. Und ich oute mich jetzt: ja, ich  bin großer Fan der neuen Abfüllungen. Ian McMillan mag ein Misanthrop sein, aber er versteht sein Handwerk, und er gehört er zu den besten der Branche. Für mich gehören die Abfüllungen von Bladnoch zu den am meisten unterschätzten Whiskys, die derzeit erhältlich sind. Und die Brennerei hat wahrscheinlich auch die limitiertesten Stocks, die im Augenblick so in Schottlands Lagerhäusern schlummern.

Adela ist meine persönliche Lieblingsabfüllung, und von Talia habe ich an diesem Abend genußvoll mehr als nur ein Glas getrunken. Und die neue 17jährige Abfüllung aus kalifornischen Rotweinfässern, die seit kurzem erhältlich ist, ist zum nieder knien schön.

Andererseits habe ich auch noch nicht bei Bladnoch vor verschlossener Tür stehen müssen. Und ich habe bei den Armstrongs auch keine Fässer gekauft. Wahrscheinlich ist meine Meinung deshalb gar nicht repräsentativ.

Es wird nicht reichen, uns Journalisten und Schreiberlinge mit edlen Häppchen und leckeren Drams zu verwöhnen. David Prior muss die Herzen der Whisky-Community gewinnen. Beispiele gibt es derzeit genug, wie man das erreichen kann. Bruichladdich. Edradour. Kilchoman. Und es gibt auch genügend Beispiele, wie man die Herzen erkalten lässt. Macallan etwa. Macallan muss sich um seine Absatzzahlen dennoch keine Sorgen machen. Doch Bladnoch ist nicht Macallan.

Quo Vadis.

Doch David läßt auch keine Zweifel aufkommen: der neue Bladnoch wird anders werden, als der alte es war. Er will Bladnoch seine eigene Handschrift verleihen. Im kommenden Jahr wird der erste Whisky aus den neuen Brennblasen die magische Drei-Jahres-Grenze erreichen. Dann wird sich zeigen, wohin die Reise gehen wird.

David Prior war an diesem Abend alles andere als entspannt. Er weiß, wieviel für ihn auf dem Spiel steht. Und er wird schnell lernen müssen. Ansonsten könnte Bladnoch für ihn schon bald zum Lehrstück werden, wie man in fünf Jahren aus fünfzig Millionen vier Millionen macht. Und das wäre unglaublich schade. Denn Bladnoch ist seit dem Umbau endlich wieder "a very fine distillery".

Mehr zum Thema: Bladnoch oder die Trauer eines Importeurs 

Tasting Notes: Bladnoch Samsara und Adela 













Kommentare

  1. Antworten
    1. Danke für die positive Rückmeldung. Ich glaube, dass wir von Bladnoch noch einiges erwarten können.

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