Unter die Lupe genommen #5: Whisky- Punkte (Glenfiddich Winter Storm)

Vor kurzem hat Glenfiddich mit seinem Winter Storm wieder eine viel beachtete Sonder-Abfüllung auf den Markt gebracht. Doch bezüglich der Qualität herrscht offensichtlich keine Einigkeit: In der Datenbank der Whiskybase gibt es große Differenzen in der Bepunktung. Die Skala reicht von niedrigen 79 Punkten bis hin zu überschwänglichen 93 Punkten. Liegt das wirklich nur am unterschiedlichen Geschmack der Punkte-Geber? Oder liegt der Fehler schon direkt im System?


Bekannte Datenbanken

Die Datenbank der Whiskybase ist für viele Malt-Freunde die erste Anlaufstelle, um sich über eine bestimmte Abfüllung zu informieren. Die Datenbank wird von Whisky-Liebhabern weltweit mit Informationen versorgt und ist infolgedessen extrem umfangreich, immer auf dem neuesten Stand und bietet zu den meisten Abfüllungen auch eine Vielzahl an Bewertungen.

Ebenfalls beliebt und häufig genutzt ist die Datenbank von MaltManiac Serge auf Whiskyfun.com . Serge betreibt seinen Whisky-Blog bereits seit 2002, und bietet inzwischen eine unglaubliche Fülle an Bewertungen. Nicht ganz so lange "im Geschäft", aber auch mit einer inzwischen beachtlichen Reputation ist der Blog WhiskyNotes.com von Ruben: der Belgier schreibt seit 2008 Whisky-Reviews, und vergibt auch Punkte.

Weniger bekannt ist die Datenbank der MaltManiacs. Unter dem Namen "Whisky Monitor Database" findet man hier ebenfalls viele tausende Whisky-Bewertungen. Leider ist die Seite etwas schwer zu finden, und das Suchfenster ist etwas versteckt  rechts oben in der Ecke. In jüngerer Zeit ist es etwas ruhiger geworden auf der Seite, aber vor allem für ältere Abfüllungen ist sie eine fantastische Quelle.

Darüber hinaus gibt es inzwischen eine unglaubliche Vielzahl von mehr oder weniger bekannten und unbekannten Blogs, die Whisky-Bewertungen vornehmen und auch Punkte vergeben. Und von der Punktevergabe der berühmt-berüchtigten Whisky-Bible will ich an dieser Stelle erst gar nicht reden...



Die Crux mit der Bewertung


Wenn es um die Punkte-Vergabe für einen Whisky geht, klaffen die Vorstellungen ganz schnell auseinander. Das Meinungsbild reicht dabei von "der Typ hat ja keine Ahnung" bis hin zu "Punkte sind mir völlig egal". Dennoch sind Punkte das allererste, was Whisky-Freunde recherchieren, wenn sie sich für eine Abfüllung interessieren. Machen wir uns nichts vor: Punkte sind ein ganz, ganz wichtiges Kriterium, wenn es darum geht, ob wir eine Flasche erwerben oder nicht. Und vor allem: sie entscheiden in großem Maße über den Preis einer Abfüllung auf dem Sekundärmarkt. Denn wir haben nur selten die Möglichkeit, eine (vergriffene) Abfüllung auch vorher zu probieren.

Da ich selbst beruflich tagtäglich mit der Frage nach Bewertung und Punktevergabe konfrontiert bin, betrachte ich die Whisky-Punkte, die derzeit allerorten im Überfluss verteilt werden, nicht nur mit dem Auge des Whisky-Genießers, sondern auch mit einem "professionellen" Blick. Und da drängen sich schnell einige kritische Fragen auf: Wie aussagekräftig sind solche Punkte eigentlich? Wem dienen sie? Und vor allem - wie groß ist die Vergleichbarkeit? Doch genau da liegt so manches im Argen.

Schauen wir uns zur Verdeutlichung die Punkte an, die in der Whisky-Base für den neuen Glenfiddich Winter Storm vergeben wurden. Die Wertungen klaffen deutlich auseinander: die vergebenen Punkte rangieren von recht niedrigen 79 Punkten bis hin zu überschwänglichen 93 Punkten. Und das bei einer Abfüllung, die eigentlich in keinster Weise polarisiert, sondern absolut "straight forward" ist.

Wie kann es zu solchen Unterschieden kommen? Reflektieren sie tatsächlich nur die Unterschiede bezüglich der Frage "schmeckt mir" oder "schmeckt mir nicht"? Oder kann diese große Divergenz auch eine andere Ursache haben?

Das Hundert-Punkte-System hat sich in der Whisky- und Wein-Welt weitgehend durchgesetzt. Doch was mir immer wieder auffällt: obwohl die meisten Punkte-Vergeber die 100-Punkte-Skala anwenden, finde ich bei den wenigsten einen Hinweis, wie diese Skala eigentlich gestaffelt ist. Für eine vergleichbare Wertung wäre es aber unabdingbar, dass wir alle das gleiche Bewertungssystem benutzen. Oder anders herum gefragt: Sind deine 79 Punkte tatsächlich das gleiche wie meine 79 Punkte? Oder bedeuten für dich 79 Punkte etwas ganz anderes als für mich?

Jedem sein eigenes Bewertungs-System?

Die meisten Punkte-Blogger schweigen sich über diesen Bereich aus. Bei Dave's Whisky-Reviews habe ich die folgende Wertungs-Tabelle gefunden:

 0-49 Terrible
50-59 Bad
60-64 Just About OK
65-69 Ok to Good
70-74 Good
75-79 Very Good
80-84 Excellent
85-90 Superb
90+   Magnificent

Mit 79 Punkten wäre ein Whisky demnach "Very good". Doch ich bin sicher, dass viele von euch einen 79-Punkte-Whisky nicht als "very good" empfinden würden, sondern eher als "mäßiger Durchschnitt". Deshalb meine Frage: 

Wie sieht eurer Punkte-System eigentlich aus? Wann ist für euch ein Whisky "gut", wann ist er "sehr gut", wann ist er "excellent"? Was bedeuten bei euch "79 Punkte"? Und vor allem - brauchen wir ein verbindliches Wertungs-System, an das sich alle seriösen Punkte-Verteiler halten sollten?


Meine Meinung zum Thema: 
wenn ich über die Qualität von Whisky diskutiere, muss ich auch die Qualitätsstandards definieren, die ich meiner Bewertung zugrunde lege. Genau das passiert aber nicht. 


Aber jetzt zum "wichtigsten" Teil - meine Bewertung für den Glenfiddich Winter Storm:

Glenfiddich Winter Storm, Experimental Series #03, Ice Wine Cask Finish Experiment, 21 Jahre, 43%: 


Glenfiddich Winter Storm ist ein 21 Jahre alter Single Malt aus Ex-Bourbon-Fässern, der sechs Monate in ehemaligen Eiswein-Fässern aus französischer Eiche des kanadischen Peller Estate Weingutes in Niagara. Die Abfüllung ist der dritte Teil der sogenannten Experimental Series. Winter Storm wird in zwei Chargen auf den Markt kommen, die zweite Charge ist für März 2018 geplant.


Farbe: goldgelb

Aroma:

Die Fruchtnote ist sofort im Glas. Kellergelagerter Winterapfel im Januar, mit der Muffigkeit von alten Holzregalen, dazu brauner Zucker, mit dezentem Vanille-Aroma verfeinert, und der süße Duft von zartem Mürbegebäck. Dann wird die Frucht intensiver: Mirabellen, Quitten, Aprikosen, und immer noch Winteräpfel, gebacken oder zu einem leckeren Kompott eingekocht.

Geschmack:

Sehr ölig, gepaart mit einer ranzigen Wachsigkeit, sehr harmonisch, sehr intensiv, mit einem tiefen, vollen Geschmackserlebnis. Sehr viel weniger süß als erwartet. Den hätte ich gerne mal mit 46% probiert.

Nachklang:

mittellang und mild

Fazit:

Das Eiswein-Finish macht diesen Whisky gefährlich süffig. Die intensiven, fruchtigen Noten des Eisweins gehen eine perfekte Symbiose mit den Fruchtnoten des Whiskys ein. Auf der Zunge ist er erstaunlich nachhaltig und intensiv, mit einer kräutrigen Note, die ihm einen aparten Gegensatz zu der Süße des Duftes gibt. Aroma und Geschmack sind wunderbar ausbalanciert und ergänzen sich vortrefflich. Den hätte ich gerne in jedem Winter - auch ohne die schicke Sammlerflasche.

Das Finish ist perfekt. Noch besser kann man alte Bourbon-Fässer wohl kaum in Szene setzen.  Ein absolut superber Whisky. 89 Punkte



Kommentare

  1. Und die andere Crux beim allseits beliebten 100-Punkte-System: Die Skala fängt eigentlich erst bei 50 an. Warum? Weil dann selbst Katzenpipi nicht mit negativen Zahlen bewertet werden muss und immer noch 10 Punkte bekommen kann? Ist ja schließlich auch flüssig, wie Whisky.

    Und was muss passieren, bis die bekannten Punktezauberer wie Serge, Ruben & Co. mal mehr als 96 Punkte vergeben? Warten sie wirklich darauf, dass ihnen irgendwann die 100 Punkte im Glas landen, damit sie endlich guten Gewissens mit dem Schreiben und Bepunkten aufhören können, weil die Spitze erreicht ist?

    Ganz großer Schwachsinn, dieses System... wenn du mich fragst.

    Ich möchte lieber wissen, ob ein Dram überhaupt schmeckt, wenn ich ihn im Glas habe, und wie er ggf. anderen schmeckt. Lohnt es sich ein wenig tiefer in die Tasche zu greifen und ihn irgendwo nochmal zu kaufen, wenn er gut schmeckt? Ob er dafür völlig tagesformabhängig 79 oder 80 Punkte bekommt, und damit zwischen "sehr gut" und "exzellent" schwankt, hilft mir nur wenig weiter. Ein "sehr gut" oder "sehr lecker" begleitet von ein paar Aromen in Tastingnotes bringt da schon wesentlich mehr.

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