Lost Distilleries: Elizabeth Harvie and the Paisley Connection Teil III

1799 steht die schottische Whisky-Industrie am Wendepunkt. Auch in Paisley sind sechs Männer und eine Frau zusammengekommen, um über die Zukunft der Branche zu beratschlagen. Ihre Ideen könnten nicht unterschiedlicher sein. Teil III meiner Reise zu den Wurzeln der Macht.




1799 gibt es sieben aktive Brennereien in Paisley. Die größte von ihnen gehört der Firma Brown, Gourlay & Co., die in diesem Jahr 31.767 Gallonen Malt Whisky produzieren. Peter Wright kommt immerhin auf 14.558 Gallonen, Elizabeth Harvie, die einzige Frau in der Runde, liegt mit 12.868 Gallonen auf Platz drei, dicht gefolgt von Robert Menzies & Co. mit 12.128 Gallonen.  Die Schlußlichter der Gruppe sind  James McFarlane,  11.989 Gallonen,  Daniel McFarlane,  11.708 Gallonen, und Harvey & Co., 11.399 Gallonen. Doch diese Rangfolge soll sich schon sehr bald ändern, und einer von ihnen wird später den Grundstein zu einer der größten Brennereien des Landes legen.

4. James MacFarlane

Am ersten April 1798 kommt es in Paisley in der Brennerei von James Macfarlane zu einem tödlichen Unfall. Wie der "Observer" berichtet, war einer der Arbeiter im Begriff, eine Ladung Malz in einen Tank mit brühend heißem Wasser zu gießen, als er von einem Besucher zur Begrüßung einen Schlag auf die Schulter erhielt. Der Arbeiter verlor das Gleichgewicht, und beide Männer fielen in den Tank hinein. Sie verstarben innerhalb von wenigen Stunden. Leider erwähnt diese traurige Mitteilung nicht den genauen Standort der Brennerei.  Vielleicht gibt aber ein  Eintrag in einer Subscribtions-Liste von 1791 einen entscheidenden Hinweis:

 “McFarlane, James, Smithhills & Abbeycloss, Paisley, distiller” 

In Smithhills befindet sich wahrscheinlich die älteste Brennerei der Stadt. Sie wird bereits 1765 erwähnt, wenngleich der Anlass einen Grund zum Schaudern gibt. Alexander Provan, "distiller in Smithhills of Paisley", wird am 7. November hingerichtet, weil er seine Frau ermordet hat. Zuvor wird ihm noch die Hand abgehackt. Entdeckt wurde die Tat durch einen grausigen Zufall. Als er einigen Besuchern einen Whisky einschenken will, fließt stattdessen Blut ins Glas. Da waren ihm wohl die Flaschen durcheinander geraten.

In den Chroniken der Stadt finden sich auch freundlichere Ereignisse. Am 8. November 1768 bestellt der Stadtrat bei George Neilson ein Boll Malz, um daraus für das Krankenhaus Aquavitæ zu brennen. Die Maßnahme scheint erfolgreich gewesen zu sein, mehr als sechzig Jahre später verfügt das Krankenhaus noch immer über den gesunden Trank. Als während der Cholera-Epidemie ein Aufstand in der Stadt ausbrach, gelang es einigen der Männer, in den Medikamenten-Raum des Krankenhauses einzudringen, wo sie einen Krug Whisky entdecken. Kurze Zeit später konnte die Polizei die Männer und auch den Hausmeister des Krankenhauses problemlos verhaften. Sie waren alle sturzbetrunken.


Heute liegt Smithhills mitten in der Innenstadt, doch damals lag der Bereich außerhalb des Stadtgebietes, auf der anderen Seite des Flusses, und war Teil der sogenannten Abbey Parish, zu der auch ein großer Teil des Stadtumlandes gehörte. Ab 1750 begann sich der Bereich um die ehemalige Klosterabtei rasch zu entwickeln. Nur einen Straßenzug weiter befanden sich die Brauereien von Matthew und Allan Brown. Es soll oft sehr heiter in diesem Viertel zugegangen sein, und der lokale Dichter Tannahill  hat  Allan Brown 1799 sogar ein Gedicht gewidmet: Allan's Ale.  Die Töchter von Allan sollen damals gar allzu gerne im Fluss hinter der Brauerei geschwommen sein, und im Fluss gab es noch jede Menge Forellen und Lachse.

1802 ist für Allan Brown ein hartes Jahr. Durch die Mißernte im Jahr zuvor schnellen die Getreidepreise in die Höhe. Allan geht pleite und muss verkaufen. Die großzügige Anlage, die sich in der Croft Street am südöstlichen Ende der Sneddon Bridge befand,wird am 7. Januar öffentlich versteigert. In der Ausschreibung erfahren wir, das das Anwesen viele Jahre lang dem "brewing and distilling business" gewidmet war. Gab es in Smithhills mehr als nur eine Brennerei? Das ganze Gelände geht schließlich in den Besitz von Matthew Brown über.


Paisley. Brücke über den Cart

Auch Duncan Macgrigor wohnte 1783 in diesem Viertel, und betrieb vermutlich in der Gauze-Street zusammen mit dem Lebensmittelhändler John Neilson eine Brennerei. Es ist durchaus denkbar, dass es Johns Vater war, der einige Jahre zuvor das Malz für den Krankenhaus-Whisky geliefert hat. 1790  haben John und Duncan leider Konkurs angemeldet. Vielleicht hat James Macfarlane die Brennerei von Macgrigor und Neilson in Smithhills übernommen.

James Mcfarlane betreibt seine Brennerei nicht allein. Auf einer Versammlung der Lowland-Brenner in Falkirk am 25. August 1797 wird er von James Bachop vertreten, der wahrscheinlich sein Geschäftspartner war. Einige Jahre zuvor hatte Bachop noch zusammen mit William Fleming eine Brennerei betrieben, doch die Firma war am 31. Juli 1793 in Konkurs gegangen.

1807 ist James noch immer - oder wieder - im Geschäft, wie ein Brief belegt, den er am 13. Februar an George McLagan, Distiller in Underwood, sendet. Ein Jahr später tritt erneut ein Brennverbot für Getreide in Kraft, und in Zukunft tritt James Mcfarlane nur noch als Whisky-Händler in Erscheinung.

Die Namensgleichheit mit Daniel Macfarlane macht es jedoch schwierig, in der nächsten Generation eindeutig den Durchblick zu behalten.

1837 wird die nur vier Jahre zuvor gegründete Glenpatrick/Gleniffer Distillery von einem James Macfarlane gepachtet, der angeblich 1845 die Glenpatrick Distillery wieder verlassen hat, um die Loanwells Distillery zu übernehmen, die angeblich wegen einem Todesfall des Vorbesitzers frei geworden war. Dieser Vorgänger soll ebenfalls ein Macfarlane gewesen sein - aber welcher? Und wer ist hier wer?


5. Daniel Macfarlane

Die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen James und Daniel Macfarlane habe ich nicht entschlüsseln können, denn der Name Macfarlane ist 1799 in Paisley recht verbreitet.  Daniel Macfarlane hat das seinige dazu beigetragen, damit das auch in der nächsten Generation so bleibt. Ein Grabstein auf dem alten Friedhof von Paisley hilft uns hier weiter: 13 Kinder haben Daniel und seine Frau Janet Harvey, und sie sind später alle in der Spüirituosenbranche tätig. 1791 wohnt die Familie in Well Meadow. Bis zur Lonewell bzw. Loanwell Street sind es von hier nur wenige Schritte.



Früher befand sich an dieser Stelle eine Passage - eine sogenannte "Loan", oder auch "Lone" - durch die das Vieh zur Tränke getrieben wurde. Die Quelle lag auf der Grenze zwischen Stadtbezirk und den Ländereien von Wodesyde. 1795 wurde an dieser Stelle eine Brennerei errichtet: die Lonewell Distillery.  Hat Daniel Macfarlane 1799 hier gebrannt?

Paisley, Well Meadow

Daniel Macfarlane ist einer der drei Männer, die sich bei der bedeutsamen Zusammenkunft in Paisley für große Brennblasen stark gemacht haben. Auch er sieht die Zukunft der schottischen Whisky-Industrie in den Händen von Groß-Unternehmern. Noch ist er ein kleiner Fisch im Whisky-Teich, doch das soll sich schon bald ändern.

Irgendwie übersteht er die ersten, schwierigen Jahre des 19. Jahrhunderts, und auch das Brennverbot für Getreide von 1808 kann ihn nicht stoppen. Ebenso wie Matthew Brown und Robert Menzies steigt  Daniel Macfarlane auf Zucker um, wie alte Unterlagen belegen. Das ermöglicht ihm das wirtschaftliche Überleben.

Im Vergleich zur Saucil Distillery gerät die Lonewell Distillery jetzt ins Hintertreffen. Der Übersee-Zucker muss mühsam vom Fluss quer durch die ganze Stadt mit Pferde- oder Handkarren transportieren werden. Das verursacht nicht nur zusätzliche Mühen, sondern auch Kosten, und schränkt die Verfügbarkeit ein.

Ein Treidelboot kurz vor der Anlegestelle an der King Street, Paisley. Rechts Saucel Brewery und Distille


Schon seit 1805 gab es Pläne, einen Kanal von Glasgow über Paisley nach Ardrossan zu bauen. 1810 ist die Teilstrecke nach Paisley fertig, der Kanal wird feierlich eröffnet. Für die Zuckerbrennereien in Saucel und Loanwells bedeutet dies eine große Erleichterung. Doch die Treidelboote, die den Kanal befahren können, haben nur beschränkte Ladekapazitäten. (Quelle: Hidden Glasgow)

Als das Brennverbot wieder einmal verlängert wird, hat Daniel genug: 1811 baut er zusammen mit Sohn Robert eine neue Brennerei in Port Dundas, am Forth-and Clyde-Kanal, der Glasgow mit Edinburgh verbindet. Port Dundas kann von den Zuckerschiffen ohne Probleme beliefert werden. Robert ist zu diesem Zeitpunkt bereits 28 Jahre alt, und wird der Hauptgeschäftspartner. Die Port Dundas Brennerei beginnt ihre Kindertage als Zucker-Destille.

Im Gegensatz zu Gourlay ist Daniel eng mit Paisley verbunden. Am neu errichteten Kanal in Paisley erwirbt er Land und baut sich ein schönes Haus. Als Landbesitzer darf er sich von nun an "Daniel Macfarlane of Canal Bank" nennen. Sohn Robert hingegen zieht nach Port Dundas.

"Canal Bank" (rechts), das Anwesen von Daniel Macfarlane of Canal Bank

Die übrigen Kinder profitieren ebenfalls vom Reichtum des Vaters: Sohn James Macfarlane übernimmt die Loanwell Brennerei. Vielleicht betreibt er auch zusätzlich von 1837 bis 1845 die nahegelegene Glenpatrick Distillery. Sohn Thomas H. erhält das Anwesen "Canal Bank" und wird Spirit Merchant, sein Geschäft befindet sich in der Lady Lane.  John finden wir 1838 als "Spirit Dealer" in Causey Side. Tochter Catherine heiratet, doch die übrigen vier Mädchen, Helen, Agnes, Janet, und Elizabeth, bleiben bei Vater und Bruder Thomas in Canal Bank wohnen.


1828 stößt die Loanwell Distillery an ihre Grenzen; die Wasserkapazitäten reichen bei weitem nicht mehr aus. James läßt eine Rohrleitung vom der Brennerei zum Kanal verlegen, die durch die Castle Street führt. Dabei stoßen die Arbeiter auf eine uralte Begräbnisstätte, und die Zeitung berichtet am 20. September darüber.

Die besten Tage der Loanwell Distillery sind jedoch vorbei.  1838 sind "James Macfarlane and Company, distillers, Loanwells, Paisley", bankrott. Das Gelände wurde vermietet und eine Farbholz-Mühle zog ein, die ausgedehnten Malzlager wurden von der Saucel Distillery genutzt. 1852 hatte die Brennerei endgültig ausgedient und wurde mehrmals zum Verkauf angeboten. Sie war damals schon eine ganze Weile außer Betrieb. Die Verkaufsannoncen gibt uns jedoch eine ganz gute Vorstellung von der größe der alten Lonewell Distillery: In Haus Nr. 9 und 10 waren Spirit Cellar (Spirit Shop) und Wohnhaus untergebracht, die eigentliche Brennerei befand sich in Haus Nr. 12. Dazu gehörten auch die Getreidespeicher,die sich auf beiden Seiten der Straße erstreckten, zwei Dampfmaschinen und ein drei Acre großes Grundstück zwischen Loanwell Street und King Street.

Die Zeitungsannocen verraten uns nun endlich auch, in wessen Besitz sich die Brennerei damals  befand: Ansprechpartner ist Mr T. H. Macfarlane, aus der Lady Lane. Die Loanwell Distillery gehört der Familie von  Daniel Macfarlane of Canalbank.

Endstation des Kanals in Johnstone: die Fracht wird entladen
 
Als Daniel Macfarlande 1849 stirbt, erben die vier Töchter nicht nur zwei Wohnhäuser, die sie vermieten können, sondern auch die Bankier Distillery, die ihr Vater 1827 am Forth-and-Clyde Canal errichtet hatte.  Die Damen wurden uralt und sind später nach Edinburgh gezogen. Die Brennerei befand sich bis mindestens 1862 in ihrem Besitz. In Bankier Distillery konnte Daniel Macfarlane seinen Traum von großen Brennblasen endlich verwirklichen. Die Wash Still soll ngeblich 6.500 Gallonen gefasst haben.

Ein Treidelboot wird von Pferden den Kanal entlang gezogen. Im Hintergrund Paisley.

Während Daniel und seine jüngeren Brüder in Paisley wohnhaft bleiben, ist Robert mit seiner Familie nach Port Dundas gezogen. Doch er blieb nicht lange allein. Zwei Jahre später hat auch John Gourlay dort seine Brennerei errichtet. Zwischen Robert und John gibt es schon bald eine enge Beziehung. Verlassen wir also Paisley für einen kurzen Augenblick und begeben wir uns endlich an den Forth-and-Clyde Kanal.

Anfang verpaßt? Hier geht's zu Teil 1

Anschluß verpass? Hier geht's zu Teil 2

Hier geht's zu Teil 4 (Schluss)

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