Irlands Whisky-Frauen - ein Leben zwischen Elend und Überfluß

Kennt ihr das auch? Man läuft Tag für Tag im gleichen Trott, hat sich im Laufe der Zeit seine vorgefestigte Meinung gebildet und denkt, dass man ziemlich gut Bescheid weiß über dieses und jedes. Über Whisky zum Beispiel. Und dann stößt man zufällig auf eine Kleinigkeit. Einen Satz. Ein Etikett. Ein Bild. Und plötzlich öffnen sich unbekannte Einblicke, die das Leben in einem ganz neuen Licht zeigen.


Cassidy's Distillery. Quelle: the Irish Whiskey Trail

Ich habe die vergangenen Monate für meinen zweiteiligen Artikel im Whiskybotschafter viel über irischen Whisky recherchiert. Bei diesen Recherchen bin ich auf zwei Bilder gestoßen, wie sie gegensätzlicher kaum sein könnten. Zwei Bilder, die die Geschichte des Irischen Whiskys in einem ganz neuen Licht zeigen. Zwei Bilder, die das ganze Elend und die ganze Größe dieser Nation auf wenigen Quadratzentimetern zusammenfassen.


Das erste Bild war das Photo eines jungen Mädchens aus Kerry, das gegen Ende des letzten Jahrhunderts in der Gap of Dunloe Poitín an Touristen verkaufte. Das andere Foto war das Wohnhaus einer reichen Whisky-Erbin, die ungefähr zur gleichen Zeit lebte.

Zwei Bilder nur, und doch erzählen sie die Geschichte vom Drama einer ganzen Nation. Denn Whisky war traditionell ein wesentlicher Bestandteil des irischen Alltags und der irischen Kultur. Die Geschichte des irischen Whiskys ist auch die Geschichte eines ganzen Volkes. Und Frauen sind ein wichtiger Teil dieser Geschichte.

Armut....


Poitín-Verkäuferin in der Gap of Dunloe, ca. 1880.

Das erste Foto (oben) zeigt Mary O'Sullivan, eine von mehreren Poitín-Verkäuferinnen in der Gap of Dunloe. Das Bild ist vermutlich um 1880 entstanden und befindet sich heute in der fotografischen Sammlung der National Library of Ireland.  Erst seit kurzer Zeit kennt man den Hintergrund dieses Bildes. Doch das Bild wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet.

Jahrzehntelang haben Frauen am Ring of Kerry illegal gebrannten Whisky an Touristen verkauft. Die Not war damals groß in Kerry, vor allem während der Zeit der Famine, der Hungerskatastrophe. Poitín-Verkauf war eine wichtige Einnahmequelle, um dem Hungertod zu entgehen, und für diese Mädchen wahrscheinlich die einzige.

Poitín-Verkäuferin am Mangerton, ca. 1840. Gemischt wurde das hochprozentige Lebenswasser meist mit Ziegenmilch.

Der Tourismus hat übrigens in jener Zeit nicht gelitten. Nahrungsmittel gab es genug, den Touristen hat es auch in den schlimmsten Hungerjahren an nichts gefehlt. Statistiken aus der damaligen Zeit belegen, dass vom Hafen in Cork aus wöchentlich große Ladungen an Lebensmitteln ins Land hinein gelangten, während gleichzeitig Whisky, Schafe und Ziegen den Hafen als Exportgut verlassen haben.

Gehungert haben vor allem die armen Crofters, deren Kartoffelernte über mehrere Jahre hinweg so gering war, dass sie in eine Schuldenfalle von ungeahnten Ausmaßen gerieten. Geholfen hat ihnen kaum jemand. Wenn das letzte Möbelstück verkauft war, gab es nichts mehr, was diese Menschen damals retten konnte. Tausende von Menschen sind im strukturschwachen Kerry in jener Zeit auf der Straße verhungert, weil sie kein Geld mehr hatten, um sich etwas zum Essen zu kaufen. Der Handel mit schwarz gebranntem Whiskey war für viele der letzte Strohhalm, um überleben zu können.

Poitín-Verkauf vor der Hütte von Mrs Moriarty, Gap of Dunloe, ca. 1880

Ich habe inzwischen zahlreiche Reisedokumente aus der Zeit von 1830-1900 aufgespürt, in denen die Touristen diese Frauen und ihr Verkaufstalent beschreiben. Und alle erwähnen immer wieder, dass es sich um Poitín handelte, schwarz gebrannten Whisky. Auch vor der bescheidenen Hütte von Mrs Moriarty, die sich am Wegesrand in der Gap of Dunloe befand, wurde Poitín angeboten, wie viele noch heute erhaltene Postkarten eindrucksvoll belegen.

Doch wo kam dieser illegale Whisky her? War es ein lokales Produkt? Oder gab es weitreichende Handelswege? Wie viele Menschen waren in die Produktion eingebunden? Waren die illegalen Brenner Einzeltäter - oder waren sie zu größeren Banden organisiert? Bis heute habe ich keine Antworten auf diese Fragen erhalten können. In den Dokumenten jener Zeit findet sich schlichterdings - nichts! Doch genau das ist vollkommen unerklärlich.

Wie konnte es sein, dass unzählige Reiseberichte, Touristenführer und Zeitungsartikel immer wieder über den Verkauf des illegalen Poitín berichten und öffentlich beschreiben, und gleichzeitig hunderte von Soldaten in Irland stationiert waren, die genau das verhindern sollten? Deren Aufgabe in nichts anderem bestand, als illegale Brennblasen aufzuspüren!

Touristen trinken Poitín in der Gap of Dunoe
Wie konnte es sein, dass im Norden von Irland pro Woche bis zu drei Razzien erfolgreich durchgeführt wurden und die Zeitungen jener Tage voll sind von erfolgreichen Beschlagnahmungen der illegalen Brennblasen, während im Süden, in Kerry, nie irgendetwas gefunden wurde?

Wie konnte es sein, dass der Norden als Hochburg für Poitín berüchtigt war, während in offiziellen Parlamentsdokumenten Kerry als Region bezeichnet wurde, in der es keine illegale Whisky-Produktion gab - wenn gleichzeitig über Jahrzehnte hinweg der Poitín-Genuß zum Standard-Ritual eines jeden Touristen gehörte? Wie konnte es sein, dass die örtliche Polizei dem Treiben tatenlos zusah?

Waren die Schwarzbrenner im Süden besser organisiert? Hatten sie durch den Tourismus mehr Geld, um besser bestechen zu können als die armen Verwandten im Norden? Hatten hier die Geheimbünde, die es damals im Süden des Landes gab, zu viel Macht? Wurden hier die Grundstrukturen für jene Mafia-Organisationen gelegt, die später irische Auswanderer nach Chicago und Großbritannien bringen sollten?

Die Geschichte der Poitín-Frauen von Irland ist über die Jahrzehnte vollkommen in Vergessenheit geraten, und der Handel mit illegalem Whiskey scheinbar ebenso. Die Mauer des Schweigens muss enorm gewesen sein.



...und Reichtum


Das zweite Foto habe ich auf der Internetseite eines Immobilien-Händlers entdeckt. Es zeigt Togher House, ein herrschaftliches Anwesen in der Nähe des Ortes Monasterevin, Anfang der 1990er Jahre. Welch einen Unterschied dieses Anwesen doch darstellt zur kümmerlichen Hütte von Mrs. Moriarty!

Hier hatte ab 1893 Guendella Cassidy, geborene de Bellairs, mit ihrer Familie gelebt. Guendella war die Ehefrau eines der reichsten  Whisky-Barone Irlands, Robert Cassidy. Zur gleichen Zeit, als Mary O'Sullivan und Mrs Moriarty in der Gap of Dunloe auf Touristen warteten, um ihnen für zwei Shilling ein Glas Geißenmilch und Poiteen zu verkaufen, führte Guendella in Togher House den Lebensstil des niederen britischen Landadels - mit Bällen, Jagdgesellschaften, Polospielen und edlen Pferden. Unterstützt wurde sie im Haus von vier Dienstmädchen, zwei Kammerzofen und einer Köchin.

Einen ähnlich feudalen Lebensstil pflegten auch die Besitzer der übrigen großen Brennereien in Irland, wie etwa die Dalys in Tullamore, und Lockes in Kilbeggan. Drei Jahrzehnte später brach alles zusammen. In der neuen Republik gingen die alten Strukturen unter - und mit ihnen die Menschen, die diese Strukturen nach oben gebracht hatte.

Die letzten Erbinnen von Cassidy's und Locke's Distillery waren erzogen worden, um sich auf dem gehobenen gesellschaftlichen Parkett behaupten zu können. Aber vom Brennen hatten sie keine Ahnung. Sie wurden am Ende zu tragischen Gestalten, deren Leben jeder Hollywood-Verfilmung eine grandiose Vorlage für ein glanzvoll-dramatisches Drehbuch liefern würde.

Auch die irischen Whisky-Brennereien gerieten in diesen Abwärts-Sog, und viele Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Es sollte fast einhundert Jahre dauern, bis sich die irische Whisky-Industrie von diesem Zusammenbruch wieder erholte.

Können wir aus der Geschichte lernen? Eine Hungersnot werden wir in Europa so schnell nicht befürchten müssen. Aber wir könnten durchaus an unserem Reichtum und unserer Überheblichkeit zugrunde gehen...

Mehr über die Irischen Whisky-Frauen und den Untergang der Irischen Whisky-Industrie könnt ihr in meinem Artikel im derzeitigen und im kommenden Whisky-Botschafter lesen.

Bildergebnis für whisky botschafter

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