The Sharing Angels: das Privileg, eine Frau zu sein.

Die Sharing Angels haben Geburtstag. Vor einem Jahr haben Petra Milde, Julia Nourney und ich diesen Whisky-Club für Frauen gegründet. Was als sprichwörtliche Schnapsidee bei einem gemeinsamen Tasting begann, hat in kurzer Zeit ein unglaubliches Momentum erhalten. Mittlerweile umfasst unsere Gruppe über 120 weibliche Mitglieder, und es werden immer noch mehr. Seither haben wir viel Zustimmung erfahren - aber auch  Kritik.
 




Neulich habe ich einen lieben Bekannten getroffen, der als ausgesprochener Kenner der Whisky-Szene gilt. "Was ihr macht, ist vollkommen unemanzipiert," hat er gesagt.  Ich habe wohl verstanden, was er meint, und die Frage ist berechtigt. Warum brauchen wir einen whisky-trinkenden Frauen-Club? Warum brauchen wir die Sharing Angels?

Die Idee zu dieser Gruppe kam Petra, Julia und mir während eines gemeinsamen Tastings bei Petra zuhause. Der Schwerpunkt liegt auf dem Wort "gemeinsam". Denn zusammen hatten wir an diesem Abend unglaublich viel Spaß, und diesen Spaß wollten wir wiederholen und an andere Frauen weitergeben. Eine Facebook-Gruppe war schnell gegründet, und nach einer kurzen Brainstorming-Runde mit weiteren whisky-begeisterten Frauen stand der Name bald fest: The Sharing Angels.

Seither haben vor allem Julia und Petra fleißig und unermüdlich auf vielen Whisky-Messen unsere Facebook-Mitglieder persönlich begrüßt und unser Erkennungszeichen, einen auffällig-rosafarbenen Button verteilt. Aus der Männerwelt haben wir bei unserem fröhlichen Treiben vielfältige Unterstützung erfahren. Doch zu unserer großen Überraschung hat unsere Gruppe bei vielen Männern auch zu heftigen Irritationen geführt. Dabei tun wir eigentlich nichts anderes, als das, was Männer schon lange tun: gemeinsam Spaß haben beim Whisky genießen.

Frauenpower im Bündel


Die Motivation, bei den Sharing Angels dabei zu sein, ist bei den meisten Frauen sehr ähnlich. Stellvertretend für viele möchte ich hier nur einen Sharing Angel zitieren: "Ein Sharing Angel zu sein, bedeutet für mich, nicht länger zu einer Minderheit whisky-trinkender Frauen zu gehören, sondern zu einem tollen Haufen whisky-liebender Frauen." Dieser Satz trifft es auf den Kopf. Gemeinsamkeit macht stark. Für viele ist die "Frauenpower im Bündel", wie ein weiterer Angel es nennt, ein schönes Gefühl. Und wenn es um Whisky geht, können wir Frauen genau das verdammt gut gebrauchen.



Ich bin die letzten beiden Jahre landauf und landab gereist, ich habe mit Destillateuren geredet, mit Brennereibesitzern, Master Blendern und Importeuren, mit Brand Ambassadoren, mit Abfüllern und mit Whisky-Freaks. Ich habe viele tolle Frauen und tolle Männer kennengelernt und mit ihnen allen gerne den ein oder anderen Dram getrunken.

Und dennoch habe ich beim Thema Whisky oft das Gefühl, durch ein Zeitloch zu fallen und zwanzig oder dreißig Jahre in der Vergangenheit aufzuschlagen. Es gibt nur wenige Bereiche in unserer Gesellschaft, wo Frauen so zögerlich Fuß gefasst haben wie beim Single Malt.

Dass Frauen so lange über die Randbereiche der Whisky-Szene nicht hinauskamen, liegt keinesfalls in der Natur der Sache, sondern ist vor allem einem traditionellen Rollenverständnis und überholten Konventionen geschuldet, mit denen die Whisky-Werbung seit Jahrzehnten kokettiert und die bis heute nachwirken. Und noch immer braucht man als Frau gelegentlich ein dickes Fell, wenn man mit Männern trinken will.
 
Erst neulich hat ein Destillateur mir voller Stolz die ganzseitige Werbeanzeige für seinen Whisky im Playboy gezeigt. Er hatte es nicht böse gemeint. Direkt neben der Whisky-Werbung prangte das Nacktfoto eines hübschen Modells. Das Werbefoto hat mir gut gefallen. Aber Zielpublikum für diese Werbung bin ich nicht.



Ei oder Flügel


Und auch die vielen Männersprüche nehme ich meist gelassen zur Kenntnis. Wir alle kennen solche Sprüche wie: "Ich mag meinen Whisky alt und meine Frauen jung" oder "Red Bull gives you wings. But Whisky gives you balls". Nun gut. Für einen Mann mag das passen. Aber ehrlich gesagt, mir wären Flügel lieber.

Ich höre sie schon, die Zyniker und Kritiker, die jetzt laut rufen möchten: "Dann trink doch Red Bull". Es ist das typische Totschlag-Argument, das einer Frau nur zwei Optionen lässt: Whisky trinken wie ein Mann oder lieber doch zum Prosecco und Likör-Gläschen greifen. Ich will aber weder das eine noch das andere. Ich bin eine Frau und möchte meinen Whisky dennoch genießen - mit Sinn und Sinnlichkeit, mit Herz und Verstand, ohne Dogmas, aber mit Spaß und in guter Gesellschaft.

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Männer trinken anders. Vielleicht ist das der Grund, warum man sie immer noch findet, die Whisky-trinkenden Männerbünde, die sich jahrzehntelang in exklusiven Vereinigungen zwischen Golfplätzen, Country-Clubs, verschwiegenen Stadthäusern und schlagenden Verbindungen etabliert haben. Auch in unserem Land. 

Der älteste Whisky-Club Deutschlands beispielsweise, The Most Venerable Order of  the Highland Circle,  besteht bereits seit einem Vierteljahrhundert und hat offiziell derzeit über 60 Mitglieder. Männliche Mitglieder. Bis heute wurde keine Frau für würdig genug befunden, um in dieser Männer-Riege Aufnahme zu finden. 

Andere Clubs mögen sich da liberaler geben, doch paritätische Verhältnisse wird man wohl nur selten finden. Und während sich bei den Koch-Blogs gleichermaßen die Männer wie die Frauen tummeln, werden die Whisky-Blogs nach wie vor von Männern dominiert. Von Fachzeitschriften gar nicht zu reden.


Whisky Women


Doch allmählich kommt Bewegung in die alten Clichés. Immer mehr Frauen fassen sich ein Herz und dringen ein in diese urtümliche, ureigene Männer-Domäne. Frauen wie Rachel Barrie (Morrison Bowmore), Stefanie Macleod (Dewar), Dr Kirstie McCallum (Burn Stewart Distillers), Angela D'Orazio (Mackmyra) oder Georgie Crawford (Diageo) gehören längst zur Creme de la Creme im Whisky-Geschäft. 

Destillateurinnen wie Gillian Macdonald (Glenmorangie/Ardbeg) oder Laura Assenmacher (Finch), haben angefangen, sich mit Sachverstand und Fleiß ihren Platz im Establishment zu erobern. Bloggerinnen wie Joanne MacInnes, Whisky Girl Femke Sijtsma, Miss Whisky Alwynne Gwilt, Rachel MacNeill, Ansgar Speller  oder Bourbon Babe Carla Carlton haben weltweit begonnen, ihre Stimme zu erheben und lautstark mitzureden, wenn es um Whisky geht. 

In der Uckermark brennt Cornelia Bohn ihren eigenen Whisky, in Österreich bringt Jasmin Haider frischen Wind ins Waldviertel. Brand Ambassadore wie Karen Fullerton, Cat Spencer oder Georgie Bell geben Whisky auch ein weibliches Gesicht. Und immer häufiger finden Frauen ihren Weg zu Whisky-Tastings. 

In den USA gibt es seit einiger Zeit sogar einen Whisky-Club nur für Frauen: die "Bourbon Women". Gegründet wurde dieser Club 2010 von Peggy Noe Stevens, einer Cousine von Jim-Beam-Enkel Fred Noe. Peggy war viele Jahre Event-Managerin für Brown-Forman, und die erste Frau in den USA, die den Titel "Master Taster" tragen durfte. Seit fünf Jahren engagieren sich die Bourbon Women dafür, Frauen den Zugang zu Bourbon zu erleichtern und berufliche Netzwerke innerhalb der Whisky-Welt zu knüpfen.

Weltweit wollen Frauen beim Whisky nicht mehr nur in der zweiten Reihe stehen. Sie sind engagiert, kreativ, und mit Leidenschaft bei der Sache. Und viele von ihnen sind sehr erfolgreich.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich mag Männer. Die meisten jedenfalls. Und mit den meisten trinke ich auch gerne einen Whisky zusammen. Ich kann sogar nach dem dritten Whisky Zoten reißen, wenn die Stimmung passt. Aber bei den Sharing Angels geht es um mehr. Denn die Sharing Angels sind genau das, was  traditionsreiche Männer-Clubs uns seit Jahrzehnten vormachen: wir sind exklusiv. Wir genießen das Privileg, eine Frau zu sein. Und das ist notwendig und gut so.

Kommentare

  1. Danke Margarete Marie,
    irgendwie hast Du mir da richtig aus der Seele gesprochen!

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  2. Danke Margarete! Aus der Seele gesprochen! Wenn ich nicht schon eine Sharing Angel wäre, würde ich jetzt eine werden!
    LG Kerstin

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  3. Freut mich! Die Sharing Angel liegen mir sehr am Herzen!

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  4. Super geschrieben - mir aus dem Herzen!

    Sigrun

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  5. Ich bin auch in der Engel Gruppe, kann aber glücklicherweise nicht davon berichten, je von den whiskytrinkenden Männern ausgegrenzt oder belächelt worden zu sein. Im Gegenteil!!! ☺ Grüßle Ravenna ��

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  6. Das ist schön zu hören, Ravenna! Ich habe auch schon tolle Whisky-Verkostungen mit Männern gehabt. Und bis auf Jürgen Deibel haben meine Gesprächspartner mich immer ernst genommen.
    Das ändert aber nichts an dem strukturellen Problem, dass Frauen immer noch eine Randgruppe sind, wenn es um Whisky geht. Und das ist weder naturgegeben noch gottgewollt. Und es liegt auch ganz bestimmt nicht daran, dass Frauen ein "anderes Geschmäckle" haben als Männer.

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