Alt-Enderle. Interview mit einem Besessenen. Teil II

Als ich vor kurzem Joachim Alt und Michael Enderle in ihrer Brennerei in Rosenberg-Sindolsheim besuchte,  wollte ich eigentlich nur ein bißle was über ihren neuen Grünkern-Whisky wissen. 

Doch dann entwickelte sich mein  Plausch mit Joachim Alt zu einem leidenschaftlichen Plädoyer für den deutschen Whisky und die deutsche Brennkultur.
 
MargareteMarie im Gespräch mit Joachim Alt. Foto: privat

Hier sind einige Auszüge aus unserem Gespräch.



MargareteMarie: Fehlt uns in Deutschland die Tradition zum Whiskymachen?

Joachim Alt: Eigentlich haben wir Deutsche eine viel größere Tradition als die Schotten, das wird nur immer untergebuttert. Wir brennen bereits seit dem 17. Jh. Getreide. Und damals gab es noch keine Edelstahltanks. Also wurde damals doch auch schon in Holzfässern abgelagert.

Das gleiche gilt für Gin. Wir haben doch schon vor 25 Jahren einen Wacholder gehabt, "Steinhäger", da hätte sich keiner getraut, "Gin" drauf zu schreiben. Dann kam Monkey 47. Und dann kam das Phänomen, dass wir heute 3.000 Brennereien haben und die haben alle ein Gin-Rezept. Heute wird viel über Monkey 47 geschimpft. Aber ich denke immer, Leute, ihr habt es dieser Firma zu verdanken, dass wir überhaupt Gin verkaufen können. Dass wir nicht mehr "Wacholder" aufs Etikett schreiben.

Deswegen denke ich auch, ist es unfair, wenn viele Kollegen jetzt über Slyrs schimpfen. Es ist heute eine gigantische Firma, aber was meine Kollegen oft vergessen: dieser Firma haben wir es zu verdanken, dass wir heute in Deutschland Whisky haben. Slyrs waren die Vorreiter, die dieses Produkt erst marktfähig machten. Slyrs war der Eisbrecher für alle anderen.

Foto: MargareteMarie


MM: Wohin wird sich die deutsche Whisky-Szene entwickeln?

J.A.: Ich weiß es nicht. Ich selbst verlasse mich auf den Whisky nicht. Ich sag immer, wir sind so ein bißle eine Hurenbrennerei. Wir machen von allem etwas, weil's mir Spaß macht. Wir haben vor 8 oder 9 Jahren schon ziemlich viel Rum destilliert, da habe ich mal eine Charge Zuckerrohr-Saft in konzentrierter Form kaufen können, aus Ägypten.

Mittlerweile sind wir ganz gut dabei mit Rum brennen. Mit dem Gin-Hype, das wird wohl noch so ein, zwei Jahre gehen. Vielleicht auch drei. Das war beim Absinth auch so. Ende der 90er war Absinth der absolute Hype. Heute redet kein Mensch mehr davon.

Beim Whisky könnte ich mir vorstellen, dass er bedingt abgelöst wird durch Rum. Die einen sagen, die Whisky-Umsatzzahlen nehmen zu. Die anderen sagen, sie haben abgenommen. Ich bewundere Leute wie Fink, die alles auf eine Sorte setzen. Also die Nerven hätte ich nicht.


Foto: MargareteMarie

MM: Die schottische Whisky-Industrie erwartet einen gigantischen Boom in den nächsten Jahren und viele Brennereien rüsten derzeit massiv auf.  Werden wir das auch in Deutschland spüren?

J.A.: Das hängt wohl zusammen mit den Spekulationen, dass man bald mit Indien ein liberaleres Verhältnis hat. Wenn jetzt tatsächlich mal die Einfuhrsteuer sinkt, dann ist das natürlich ein Milliarden-Markt für die Alkohol-Industrie. Die werden ganze Schiffsladungen dahin schicken. Eine andere Geschichte, die irgendwann für die Großbetriebe kommen wird, ist China. Das ist zum Beispiel auch ein Thema, wenn es darum geht, bewusstes Essen herzustellen - es interessiert in Deutschland niemand mehr, ob wir heute alle Vegetarier werden oder nicht.

Wir haben in China mittlerweile eine Milliarde Menschen, die das Fleisch entdeckt haben. Und ich glaube, wir machen hier im Jahr schon 25 Millionen Schweine nur für den chinesischen Markt. Und jeden Tag wird es mehr. Egal wie die Tierschützer donnern und machen und tun, egal wie wir haushalten, die Schweinemastbetriebe, sie werden explodieren. So. Ich kann bei diesen Größenordnungen eh nicht mithalten, wir sind ein kleiner 2- bis 3-Mann-Betrieb. Vom Absatz her bin ich sehr zufrieden.

Foto: MargareteMarie

MM: Brauchen wir für Deutschen Whisky eine geschützte Ursprungsbezeichnung, so wie er für Scotch oder Bourbon auch besteht?

J.A.: Es wird in Deutschland nicht funktionieren. Die Deutschen sind meistens habgierig und neidisch, sie gönnen einem nicht die Wurst auf dem Brot. Wenn heute in Italien jemand in einem Bergdorf einen Maserati kauft, machen die eine Woche lang eine Party und freuen sich für denjenigen. Wenn ich mir einen Ferrari auf den Hof stellen würde, wäre nach zwei Stunden der Spiegel abgebrochen vor Neid. Das ist der Unterschied.

Und auch der deutsche Whisky-Verband hat nach vier Jahren noch immer nichts auf die Füße gestellt außer dass sie ab und zu mal einen Ausflug machen - ansonsten ist das ein ganz trauriges Kasperle-Theater. Und wenn man dann mal die Wahrheit sagt, sind sie beleidigt. Jetzt geht man auf die Hammerschmiede los. Ich sag immer: lasst den Mann doch machen, er hat Erfolg und trägt mit zur positiven Entwicklung bei.

MM: Vielleicht ist das aber das Problem, dass in Deutschland jeder Whisky machen kann wie er will?

J.A.: Ich würde sagen, es ist gut, dass jeder machen kann, was er will. Der Markt entscheidet selbst, und die Kunden sind sehr, sehr kritisch. Ich denke, wir haben schon viel zu viele Gesetze.

Die meisten der Whisky-Betriebe haben eine tolle Philosophie. Fitzge Kleinbrennerei beispielsweise: drei Jahre gelagert, dann raus aus dem Fass, damit man das Getreide auch noch erkennen kann. Diese Brennerei ist permanent ausverkauft. Also hat er doch Erfolg. Das wird der Markt regulieren, wer gut ist oder wer nicht gut ist. Der Kunde ist heute sehr belesen und sehr gut informiert, auch bei Nahrungsmitteln.

Ich finde die Getreidevielfalt toll, es hat kein Land auf der Welt eine solche Getreidevielfalt wie wir. Die Schotten haben ihre Gerste, aber wir haben auch noch Weizen, wir haben Dinkel, wir haben Grünkern. Wir haben all das. Und deshalb finde ich es ok, wenn wir all das auch zu Whisky verarbeiten können.

Foto: MargareteMarie


MM: Hat Deutscher Whisky langfristig eine Chance?

J.A. Wir sind hier in Deutschland und sollten uns nicht unbedingt an den Schotten ein Vorbild nehmen. Mich ärgert immer, wenn jemand sagt: "der Whisky schmeckt nicht wie bei den Schotten". Nein! Wir sind hier in Deutschland! Es wäre schlimm, wenn unsere Whiskys nach Schottland schmecken würden. Wir haben ein anderes Klima! Wir haben andere Sorten!

Wir haben hier auf der Schwäbischen Alb Betriebe, die machen Alb-Dinkel. Das ist doch eine gigantische Sache. Ein einheimisches Produkt. Wir haben hier einen Bio-Betrieb mit 180 ha Emmer. Und neulich konnte ich eine Ladung Weizen kaufen von der Sorte "Schwarze Madonna". Es gibt heute vielleicht noch zwei Betriebe in ganz Deutschland, die noch "Schwarze Madonna" haben. Das muss man doch mal probieren! Wir haben doch eine ganz andere Vielfalt!

Die Kehrseite ist natürlich - interessiert das überhaupt jemanden? Es wird oft behauptet, dass deutscher Whisky wie ein Obstler riecht. Wenn ich einen Emmer abdestilliere, der riecht wie ein Bauern-Müsli mit viel Frucht und Banane. Es wäre schlimm, wenn ein Getreide nicht fruchtig riechen würde. Das wissen aber nur die wenigsten Leute. Die Getreidevielfalt, die wir hier in Deutschland haben, das ist das Interessante. Wir sind das einzige Land, wo ich über 700 Brotsorten habe. Wir sind das einzige Land, wo es so eine vielfältige Trinkkultur gibt. Hier hat jedes Kaff seine eigene Blutwurst oder seine eigen Biersorte - aber das schätzt kaum jemand in Deutschland. Das ärgert mich.

Wenn ich meinen 12jährigen Whisky mit am Stand habe, sagt niemand: "Boa, ein 12jähriger Whisky!" Sondern es wird sofort daran rumgemäkelt und schlecht geredet. Es ist auch schön, was Fink macht. Es ist einfach eine schöne Sache, wenn eine Brennerei in Deutschland sich aufmacht um Parole zu bieten und zu sagen: "Hey, wir können es doch auch!" Die Brennkultur hat bei uns eine sehr lange Tradition. Aber in Schottland oben hat halt noch nie ein Obstbaum eine Chance gehabt.



MM: Was ist das Besondere am Whisky von Alt-Enderle?

J.A.: Oh je, da fragen sie jetzt einen Mann, der keine Ahnung hat. Ich habe eine bestimmte Fasspolitik, erst Bourbon Fässer, dann Sherry- oder Portwein-Fässer. Ich versuche, die Leute auf eine Reise mitzunehmen, auf ein Geschmackserlebnis. Ob wir toll sind oder nicht, kann ich nicht sagen. Die Kunden sind zufrieden. Jim Murray hat mal geschrieben, die Whiskys von Alt-Enderle seien die schönsten und filigransten Deutschen Whiskys, die er je probiert hat. Ob man ihn auch ernst nehmen kann, das sei mal dahingestellt. Unsere Whiskys sind sauber, sie haben eine schöne Nase, ich lege Wert auf ein tolles Aroma.

Viele fragen, wie macht ihr das. Das ist so einfach wie die schwäbische Küche. Jeder sagt, die schwäbische Küche sei einfach und nicht so hochwertig. Das mag sein, aber die schwäbische Küche verzeiht dir nichts. Einmal ein Stückle Rostbraten in der falschen Reihenfolge gewürzt - zack, man kann es nicht mehr essen. Was wir machen, ist einfach. Es gibt ein paar Spielregeln, das fängt beim Einkaufen an. Die Zutaten sind sauber, nicht schimmelig, nicht faulig, da legen wir Wert drauf. Eine saubere Betriebsführung, saubere Geräte - ansonsten habe ich kein besonderes Rezept.

Ich habe Rum-Fässer, Bourbon-Fässer, Sherry-Fässer, Portwein-Fässer. Meine Sherry-Fässer waren ursprünglich mal 700-l-Fässer, die sind umgebaut worden auf 250-l-Fässer. Wir haben auch Portwein-Fässer auf 50-l-Fässer umbauen lassen, weil ein kleines Fass noch mal einen besonderen Kick gibt. Mein Grünkernwhisky kommt drei Jahre in ein großes Fass, dann hat er die Mindestlagerzeit erreicht und dann kann er noch mal für vier Monate in ein 50-l-Fass. Die Fasspolitik macht viel aus.

Ich halte von Kolonnenbrennerei nichts. Die Arbeit mit Rau- und Feinbrand ist die schönste, aber auch die teuerste Variante. Natürlich möchte ich von meinen Kunden Geld. Wir sind nicht die billigste Schnapsbude in Deutschland. Dafür hat der Kunde das Recht, das Beste vom Besten zu erwarten und zu bekommen. Und so arbeiten wir.

Wir respektieren die Natur, wir respektieren das Produkt, wir gehen damit nicht leichtfertig um. Wir wissen, wir produzieren einen Luxus-Artikel. Es ist ja schon dekadent, was wir machen. Irgendwo in Afrika hungern Menschen, die wären froh, sie hätten 2 Sack Getreide, um ihre Familie zu ernähren. Und wir verarbeiten hier tonnenweise Getreide in der Brennblase, saufen uns dann voll und riskieren, dass man uns den Führerschein wegnimmt. Das ist Luxus. Wir sind keine Weltverbesserer. Aber man muss sich dessen bewußt sein, dass wir mit sehr wertvollen Rohstoffen arbeiten.


Foto: MargareteMarie

MM: Welche neuen Whisky-Projekte können wir von Alt-Enderle in naher Zukunft erwarten?

J.A.: Mich würde es unheimlich reizen, einen klassischen Whisky zu machen aus 100% Hirse. Ich kenne eine Brennerei in Amerika, die das macht, es ist der Hammer vom Geschmack. Solche Sachen reizen mich. Wir haben noch ein paar Getreidesorten, die sehr aromareich sind, die sehr gehaltvoll sind, zum Beispiel schwarzer Hafer. Den bekommt man aber nur ganz selten. Wir haben hier einen Bio-Bauern, der lebt seine Kultur und seine Philosophie, und der versorgt mich. Der hat rote Gerste. Ich würde gerne versuchen, verschiedene Gerstensorten zu verschneiden. Nicht nur die klassische Gerstensorte, sondern verschiedene Arten.

Wir haben auch mal klassischen Dinkel im Spelz gelassen. Einfach die volle brutale Schale. Da hockt ja wahnsinnig viel Aroma drin. Es kann natürlich auch sein, dass der Versuch nach hinten kippt, dass es total bitter wird. Wir experimentieren schon immer wieder mal rum. Die Frage ist nur, akzeptiert das auch der Kunde. Wenn ich einen Aufwand habe von vier Wochen, damit es funktioniert, und am Ende habe ich gerade mal ein Fass voll, da kann ich nicht davon leben. Ich spiele auch gerne mit meinen Likören, da gibt es noch ganz viele Möglichkeiten. Beim Whisky ist das meiste erreicht. Außer bei den Fässern. Da hat man natürlich Spielraum ohne Ende. Aber die Frage ist immer, wo ich hin will. Und ob das eigentlich nötig ist, was man macht.


Joachim Alt, Michael Enderle.       Foto: MargareteMarie







Kommentare

  1. Beide Teile habe ich mit großem Interesse gelesen. Du hast wirklich eine tolle Schreibe!

    Joachim fragte "Interessiert das überhaupt jemanden?" Ja. Und wenn nicht, muss man das Interesse wecken. Daran arbeitet er mit dem Enderle doch auch. Nur, weil man denkt, dass alle Discount kaufen, muss man nicht Discount machen.

    Liebe Grüße aus Delitzsch!

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    1. Liebe Füchsin,
      ich sehe das genau so wie du. Sogar die Schotten fangen jetzt wieder an, mit lokalen, traditionellen Gerste-Sorten zu experimentieren, z.B. Bruichladdich oder Glenmorangie. Gerade in der regionalen Vielfalt in unserem Land liegt auch ein unglaubliches Potential, das man nicht ignorieren sollte.

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