Ardbeg Kildalton und die Frage nach der Wertigkeit

Im nächsten Jahr wird Ardbeg sein 200jähriges Jubiläum feiern. Als Vorbote hat Ardbeg schon in diesem Jahr gleich drei neue Abfüllungen auf den Markt gebracht. 

Doch während Ardbeg Auriverdes und Supernova noch Beifall fanden, musste die jüngste Abfüllung, Ardbeg Kildalton, herbe Kritik aus der Blogger-Szene einstecken. Keines gutes Omen für das kommende Jubel-Jahr.
 
Foto: MargareteMarie




Phillip Hills hat im Vorwort zu seinem Buch "Appreciating Whisky" einen wichtigen Satz gesagt. Vielleicht sogar den wichtigsten im ganzen Buch:

"To appreciate a thing is to evaluate it, to know its worth. That is not the same as knowing its price. (...) Appreciating whisky is about knowing the worth of whisky."

"Eine Sache zu schätzen, bedeutet, ihren Wert zu kennen. Das ist nicht das gleiche wie den Preis zu kennen. (...) Whisky wertzuschätzen bedeutet, den Wert von Whisky zu kennen."

Es ist diese Wertschätzung, warum Whisky-Freunde auf der ganzen Welt Unsummen für ihre Sammlungen ausgeben und Whisky-Flaschen zu Preisen erstehen, über die andere Menschen nur ungläubig den Kopf schütteln können. Nicht das Alter entscheidet, ob ein Whisky begehrt ist. Und auch nicht der Preis oder der Geschmack. Sondern die Wertigkeit, die ein Whisky hat.


Wertschätzung und Wertigkeit



Nehmen wir beispielsweise Glenfiddich 18. Er hat ein ordentliches Alter, er schmeckt fantastisch und zu meiner großen Freude ist er in diversen Online-Shops noch für unter 50 Euro zu haben. Man stelle sich einen solchen Preis einmal für einen Ardbeg 18 vor: Nicht auszudenken. Was Ardbeg nicht schafft, ist für Glenfiddich kein Problem. Denn der Glenfiddich hat im Vergleich zum Ardbeg eine deutlich niedrigere Wertigkeit. Niemand käme auf die Idee, bei einer Auktion über 200 Euro für ihn zu bieten. Trotz seiner 18 Jahre.

Andererseits hat es in der Vergangenheit genügend Beispiele gegeben von sehr jungen Whiskys, die mit großem Beifall aufgenommen wurden. Der Kilchoman Port Cask kommt mir da etwa in den Sinn. Ganze drei Jahre als ist er und schmeckt trotzdem fantastisch. Der neue Bruichladdich Octomore 6.3 bringt es immerhin auf 5 Jahre. Dafür kostet er dann auch über 200 Euro. Falls man ihn überhaupt bekommt. Und alle jubeln. Weder das Alter noch der Preis haben bisher die Freude an diesen Whiskys schmälern können. Und auch für die diversen Abfüllungen von Ardbeg werden bei Auktionen enorm hohe Preise geboten.

Warum das so ist, gehört zu den vielen Mysterien, auf die man immer wieder stößt, wenn man sich mit Whisky befasst. Eine mögliche Erklärung liegt in der Produktionsmenge: 14.000.000 Liter Alkohol pro Jahr bei Glenfiddich stehen nur 1.300.000 Liter bei Ardbeg gegenüber. Ein Glenfiddich 18 ist nahezu ubiquitär vorhanden, ein Ardbeg Kildalton ist nur sehr begrenzt erhältlich. Ein Glenfiddich 18 ruft wohlwollende Zustimmung hervor. Ein Ardbeg im Glas bringt Glanz in die Augen des Betrachters.

Doch die Wertigkeit einer Marke ist keine unabdingbare Größe, sie kann sich ändern, wenn sich die Faktoren ändern. Weder der Preis an und für sich noch das Alter sind ausschlaggebende Kriterien. Die entscheidende Frage lautet viel mehr: "Bin ich bereit, für diesen Whisky dieses Geld auszugeben? Ist er mir das wert?" Und immer mehr Fans beantworten diese Frage in letzter Zeit mit NEIN. Gemurrt wird in der Whisky-Szene schon seit längerem. Besonders heftig hat die Kritik aus der Blogger-Szene jetzt den Ardbeg Kildalton getroffen.

 

Kildalton


Vordergründig scheint es vor allem der Preis und das Alter zu sein, was so manchen Blogger plötzlich erboste. Von vier Jahren spricht der eine, von zehn Jahren ein anderer. Und sogar heimlich abgerissene Fassetiketten aus der Brennerei tauchen als Beweismittel auf. Ob die Vorgehensweise eines solchen "Enthüllungsjournalismus" überhaupt der Sache angemessen ist, soll hier nicht das Thema sein. Wenden wir uns stattdessen der Frage nach der Wertigkeit zu. 

Foto: MargareteMarie

Seit Sommer letzten Jahres ist der Kildalton bereits in der Brennerei als "Distillery-only" Abfüllung erhältlich. Nicht verwechselt werden sollte er jedoch mit einer ungetorften Variante des Ardbeg, die früher für den Blend von Glenmorangie und Glen Moray produziert wurde und den gleichen Namen trug.

Ende November war der Kildalton für kurze Zeit zum Preis von 150 Euro auch online erhältlich. Damit hat sich der Preis gegenüber der Vorgänger-Abfüllung Supernova fast verdoppelt. Bei gleichbleibender Qualität.

Mit dem Verkauf des Kildalton will die Brennerei in Zusammenarbeit mit der North Highland Initiative (NHI) den Bau eines Gemeindezentrums in Port Ellen unterstützen. Was die Pressemitteilung leider nicht kommuniziert, ist die Höhe dieser Unterstützung pro verkaufte Flasche.

Auch über die Auflagenhöhe wird wie immer geschwiegen. Doch bei einem Besucheransturm in der Brennerei von über 20.000 Gästen pro Jahr kann man bei einer Distillery-only-Abfüllung durchaus mit einer fünfstelligen Zahl rechnen.

Die Angaben der Pressemitteilung  über den Whisky selbst sind eher vage, doch es ist das übliche Rezept bei Ardbeg: verschiedenartige Fässer verschiedener Altersstufen werden miteinander vermählt.

„Ardbeg Kildalton ist ein recht spezieller Whisky, eine interessante Zusammensetzung aus mehreren Fässern. Premium-Whiskys gegensätzlicher, aber dennoch zueinander passender Stile aus zwei sorgfältig ausgewählten Jahrgängen wurden zusammengebracht: ein fester, rauchiger, aber auch cremiger Ardbeg aus Bourbonfässern und relativ rassige, würzige Anteile aus neuen und Refill-Sherryfässern. Sie verschmolzen zu einer harmonischen Einheit markanter, vielfältiger Geschmacksnuancen. Welcher andere Single Malt Whisky bringt den kraftvollen Geschmack von Teerseife mit weichem, süßen Gerstenmalz in Einklang? Ardbeg Kildalton ist ein wahrlich königlicher Whisky!“

Im großen und ganzen unterscheidet sich der Kildalton also nicht von den anderen Abfüllungen der jüngeren Vergangenheit. Er ist nur begrenzt verfügbar, er hat eine gute Qualität und ein interessantes Aroma-Profil. Objektiv lässt sich der drastische Preissprung deshalb nicht rechtfertigen. Vielmehr scheint mir, als wolle die Marketing-Abteilung austesten, wie hoch die Wertigkeit von Ardbeg denn tatsächlich liegt.

Bei einem Preis von 150 Euro hat man mit dem Kildalton in Deutschland wohl einen kritischen Punkt erreicht. Der Konzern sollte das Murren der Fans ernst nehmen. Nichts wäre trauriger als ein Verlust der hohen Wertigkeit und ein Absinken ins Mittelmaß im Jahr der Jubel-Feiern.


Was also wünsche ich mir für das Jubiläums-Jahr von Ardbeg? 


1. Hört auf, Ardbeg wie einen Blend zu vermarkten und schickt eure Marketing-Abteilung für eine Woche nach Islay. Denn dort liegt die Seele der Brennerei. Nicht im Weltall.

2. Haltet die Freunde von Ardbeg nicht für thumbe Toren, die sinnlose Spiele spielen. Sie sind erwachsene Menschen, die gelernt haben, das Leben zu genießen und sich ihre Träume zu bewahren.

3. Besinnt euch auf alte Werte und öffnet die Malting Floors wieder. Mag sein, dass es sich wirtschaftlich nicht rechnet. Aber andere Brennereien gönnen sich und ihren Fans auch diesen Luxus. Denn der Wert eines Whiskys lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken.

4. Werdet demütig. Und bringt mal wieder einen Ardbeg, der die Augen glänzen lässt.



Foto: MargareteMarie


Und hier meine Tasting-Notes:


Ardbeg Kildalton, 46 %, nicht kühlfiltriert


Aroma:

Ich liebe Ardbeg. Ardbog, Uigeadail, Supernova - ganz egal welche Abfüllung, die Whiskys von Ardbeg bringen jedesmal ein Lächeln auf meine Lippen. Doch als ich auf der InterWhisky in Frankfurt den  Kildalton im Glas habe, erschrecke ich zum ersten Mal.

Anfänglich ist nichts von der üblichen Süße und Fruchtigkeit zu finden, die sich sonst auf so raffinierte Weise mit Rauch und Torf vermischt. Scharfer Gummigeruch kommt mir entgegen, mischt sich mit Aromen von Metallröhren, Rauch, Teer und alten Lappen. Ich denke an einen Lagerschuppen am Hafenbecken, abgestandene Luft, kaum Licht. Eine staubige Asphaltwüste an einem trüben Tag. Wer hier arbeitet, lächelt nicht.

Es dauert lange, 10, fast 15 Minuten, ehe der Geruch freundlicher wird. Langsam kommt eine zarte Süße zum Vorschein, kombiniert mit frischen Zitrusfrüchten, Mandarinen, etwas Vanille  und gekochten Apfelschalen. Und irgendwann dann auch ein bißchen Pfirsich. Die offiziellen Tasting Notes reden von einem "einnehmenden Bouquet" und "verführerischen, exotischen Noten". Wer so was schreibt, hat einen seltsamen Humor.

Geschmack:

Weich ist er und leicht ölig. Aber auch dunkel. Teer, Anis und Rauch. Sherry? Vielleicht in Spuren. Unglaublich trocken. Der Kerl ist hart im Nehmen.

Nachklang: 

Lang. Frisch. Beruhigend. Fast wie eine Mentholzigarette.

Fazit:

Ich bin immer wieder überrascht, wie unterschiedlich Whisky von Ardbeg schmecken kann, obwohl er stets aus den gleichen zwei Brennblasen kommt. Aufgrund des Preises richtet sich der Kildalton aber wohl eher an die Fans und Sammler.

Punkte: 8.2 von 10


Mehr zum Thema:


Small Batch. Big Business. Warum wir Ardbeg so lieben.

Presse-Foto





Kommentare

  1. Der Supernova hat 120€ gekostet - da sehe ich keine Verdoppelung.
    (Und beim Supernova war keine "wertige Verpackung" dabei und auch kein Spendenversprechen.) - Dafür war er allerdings in Faßstärke und vermutlich limitierter.

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  2. Ardbeg ist das Beispiel für Abzocke und dass LVMH den Gewinn aufs Äußerste treiben will. Ardbeg ist nichts anderes mehr als eine Melkkuh deren "Milch" mit geschicktem Marketing zu überhöhten Preisen immer noch erfolgreich verkauft wird.

    Das guter Whisky günstig zu haben ist, zeigt zum Beispiel der 12jährige AnCnoc, den es in Deutschland für unter 30.-€ zu haben ist.

    Wenn man bedenkt das am AnCnoc, Destillerie, Importeur und auch der Händler was dran verdienen (bei weniger als 30.-€!!), dann den mit dem im Direktmarketing verkauften Kildalton für 150.-€ vergleicht, ist es auch eine schallende Ohrfeige für die ganzen Händler die an diesem Ardbeg Kuchen noch nicht mal einen Krümel abbekommen.

    Sehr egoistisch von LVMH.

    Bei Ardbeg selbst gab es den Kilalton für 120 GBP, maximal 4 konnte jeder Besucher mitnehmen. Ich selbst fand ihn enttäuschend, nichts Besonderes, der Supernova 2014 war dazu im direkten Vergleich besser.

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  3. "...eine schallende Ohrfeige für die ganzen Händler die an diesem Ardbeg Kuchen noch nicht mal einen Krümel abbekommen..."

    Um trotzdem überleben zu können, sind diese Händler gezwungen Limited Editions wie z.B. Bowmore Devil's Casks für brutto 250 EUR zu verkaufen - bei einem Nettoeinkaufspreis von 38 EUR. Ardbeg macht demnach die Bowmorepreise kaputt. Schämt Euch einfach mal!

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