Raritäten-Tasting in Siedenbüssow. Teil I.

Manchmal liegt das Paradies ganz weit im Osten. In Siedenbüssow, zum Beispiel. 
Einmal im Jahr wird "Das Gutshaus" in diesem kleinen Weiler am Rande der Mecklenburgischen Schweiz zum Schauplatz eines ganz besonderen Vergnügens: 
dem Öffnen und Trinken von alten, schottischen Whisky-Raritäten.
Foto: MargareteMarie


Wenn Uwe Wagmüller zum Raritäten-Tasting nach Siedenbüssow lädt, darf man große Erwartungen haben. Denn der Whiskyhändler aus Berlin ist bekannt dafür, dass er eine feine Nase hat, wenn es um das Aufspüren von alten Whiskys aus vergangenen Jahrzehnten geht.

Doch wer hat schon das Geld, sich mal so eben einen Macallan von 1965 oder einen Ardbeg von 1974 zu kaufen? Wohl die wenigsten von uns. Da werden schnell hunderte von Euro fällig, wenn man sie überhaupt bekommt.  Aber probieren würden wir alle solche begehrten Tropfen gerne mal. Ich auch.

Foto: MargareteMarie

In diesem Jahr hatte ich Glück, der Termin hat gepasst. Und so bin ich letztes Wochenende kurzerhand Richtung Osten  gefahren, ins Raritäten-Paradies von Siedenbüssow.

Zwischenstop in Delitzsch


Da ich aus dem Westen komme, habe ich mir die lange Anfahrt etwas kurzweiliger gestaltet und bin schon donnerstags losgefahren. Zwischenstopp war dann in einer der besten Whisky-Stuben der Republik: die Altstadtkneipe Nr. 2  in Delitzsch in der Nähe von Leipzig.

Und Jens hat diesmal eine besondere Überraschung für mich gehabt: in einem der hinteren Winkel versteckt hatte er noch eine kleine Fass-Probe des Fischky - dem Whisky, der im Heringsfass reifte. Natürlich blieb es nicht bei einem Dram, der Abend ist lang geworden. Aber eine bessere Einstimmung auf das Wochenende, das vor mir lag, hätte ich mir kaum wünschen können.

Das Gutshaus


Ziel meiner Reise war "Das Gutshaus" in Alt-Tellin/Siedenbüssow, das ich schon am frühen Nachmittag erreichte. Das Gutshaus heißt Gutshaus, weil es tatsächlich einmal ein altes Herrenhaus samt dazugehörigem Gutsbesitz war. Die malerische kleine Parkanlage und die großen Freitreppen lassen noch immer ahnen, dass hier einstmals der herrschaftliche Mittelpunkt der umliegenden Dörfer gewesen sein muss.

Foto: MargareteMarie


Heute geht es entspannter zu im Gutshaus. Seit etwa 10 Jahren betreibt Nils Werner hier in den Sommermonaten ein einfaches Biker-Hotel. Doch jetzt im Spätherbst ist die Motorrad-Saison zu Ende und an diesem Wochenende gehört das Gutshaus nur uns Whisky-Geeks.

Die Zimmer sind einfach, aber modern und sauber. Ein Luxus-Appartment braucht hier ohnehin niemand, denn an einem solchen Wochenende bleibt keiner allein auf dem Zimmer. Ein großes Foyer, ein ebenso großer, gemütlicher Speisesaal und Aufenthaltsraum und eine kleine, kuschelige Bar sorgen für ein stimmungsvolles Ambiente und bieten reichlich Gelegenheit, sich mit den übrigen Teilnehmern zu treffen und über Whisky und andere wichtige Dinge im Leben zu fachsimpeln.

Foto: MargareteMarie

Ausflüge

 

Abendessen gab es an beiden Tagen um 20 Uhr, so dass mir genügend Zeit blieb, auch die Umgebung zu erkunden. Die Märkische Schweiz ist nicht weit, aber auch bis zur Insel Usedom, nach Rügen oder nach Greifswald ist es nur ein Katzensprung. 

Foto: MargareteMarie

Wer keine Lust hatte, durch die Gegend zu fahren, konnte auch im Gutshaus bleiben und sich die Zeit mit einem Blind Tasting vertreiben, das Uwe organisiert hatte. Aber mir war das Wetter  viel zu schön, um in der Stube zu hocken, ich habe mich an beiden Tagen für das Meer entschieden.

Der südliche Teil von Usedom liegt dicht an der polnischen Grenze, und hier findet man noch ursprüngliche Dörfer, schmale Straßen und keine Hotels. Je weiter nördlich man fährt, desto besser sind die touristischen Zentren ausgebaut. Ab Heringsdorf findet sich ein Seebad nach dem anderen an der Schnellstraße aufgereiht.

Mit Heringsdorf verbindet mich noch eine ganz besondere Geschichte. Denn dort befindet sich das größte Osterei der Welt, das vor vielen Jahren in Lauterbach in Hessen erschaffen worden war. Leider habe ich dieses Mal keine Zeit gehabt, mir dieses Kunstwerk aus der hessischen Heimat anzuschauen.

Greifswald.                   Foto: MargareteMarie

Schöne Ausflugsziele sind auch Stralsund, wo einige Teilnehmer eine Brauerei besichtigten, und Greifswald mit dem vorgelagerten Fischerdorf Wieck. Ich habe mich samstags für letzteres entschieden und spazierte bei traumhaft sonnigem Wetter am beinahe menschenleeren Stand am Greifswalder Bodden entlang. Und Kurt hat's auch prima gefallen.


Foto: MargareteMarie

Foto: MargareteMarie

Foto: MargareteMarie


Abendessen


Wer Whisky trinkt, braucht eine gute Grundlage. Die Putenbraten und das Wildschwein , die Nils an beiden Abenden am Grill für uns zubereitet hat, waren genau das Richtige. Selbst Kurt und Zorro, die sich ansonsten eher mißtrauisch beäugten, standen einträchtig und hungrig bei Nils am Grill. Zu kurz kam keiner von den beiden. Und die zweibeinigen Gäste natürlich auch nicht.

Auch die übrige Zeit hat Nils uns mit allem super gut versorgt. Selbst als ich am Samstag Morgen mit einer halben Stunde Verspätung am Frühstückstisch eintraf, hat Nils für mich noch einen Kaffee gehabt. Und ohne mich mit einem dummen Spruch zu quälen. Ich bin ein eingefleischter Morgenmuffel, und für diesen Service bedanke ich mich ganz besonders!


Foto: MargareteMarie

Foto: MargareteMarie

Foto: MargareteMarie


Whisky am Freitag-Abend: bring your bottle


So schön die Nachmittage auch waren, das eigentliche Ziel meiner Begierde waren an diesem Wochenende die Whisky-Raritäten. Schon freitags gab es nach dem Abendessen einen grandiosen Auftakt. Jeder Teilnehmer brachte eine Flasche mit, und frei nach dem Motto: "Läßt du mich trinken, lass ich dich trinken", wurden dann die tollsten Abfüllungen aufgetischt.

Die ganz besonderen Abfüllungen kamen auf einen besonderen Tisch, der dann auch permanent umringt war. Von dem Avonside habe ich leider nichts mehr abbekommen, da war ich einfach zu langsam. Aber wenn die glücklichen Teilnehmer, die ihn probieren konnten, mir und meinen Lesern ihre Eindrücke mitteilen wollen, können sie das gerne über die Kommentarfunktion tun...

Foto: MargareteMarie

Mehr als zwei dutzend Flaschen kamen an diesem Abend zusammen, und ich wußte vor lauter Begeisterung gar nicht, wo ich überhaupt anfangen sollte. Immerhin, bei den ersten drei habe ich es noch geschafft, meine Tasting Notes aufzuschreiben.

Foto: MargareteMarie


Besonders spannend, wenngleich etwas schräg fand ich den Dufftown Glenlivet, 8 Jahre, denn wir waren uns alle einig, dass die Fruchtnoten doch sehr versteckt sind und er muffig, nach Werkstatt, altem Arbeitskittel eines Auto-Mechanikers, Benzinkanister, alten Autoreifen und Gasleitungen riecht. Im Geschmack war er wachsig, ölig, mild und nussig. Im Nachklang war er äußerst kurz, er blieb faul auf der Zunge liegen.

Foto: MargareteMarie


Deutlich angenehmer fand ich dann schon den Tomatin 1973, bottled Sept. 2005, Cask 25604.
Sein tolles Aroma nach Sherry, Pflaume, und Omas altem Holzschrank hat mich begeistert, und auch im Geschmack hatte er  würzige Holznoten, Anis, Schokolade, Tabak und Sherry.

Foto: MargareteMarie

Als nächstes wagte ich mich an den Glen Elgin, 35, Nectar of the Daily Dram. Trotz des hohen Alters war sein Aroma immer noch frisch und seidig, mit viel gelbem Dosenobst, aber auch einer leichten Benzin-Note.  Im Geschmack war er dunkel, holzig, würzig, und unglaublich kompakt. Sein Nachklang war lang und warm die Kehle hinunter, wunderbar.

Foto: MargareteMarie

Auch eine Glenmorangie Jeroboam kam auf den Tisch. Ich bin ja großer Fan des Glenmorangie 10, aber bei der Großflasche habe ich den Verdacht, dass sie wohl eher zu Dekorationszwecken oder Party-Belustigung gedacht ist. Die wunderbaren Frucht- und Vanille-Aromen, die ich am Glenmorangie Original so schätze, habe ich jedenfalls an diesem Abend nicht gefunden. 

Foto: MargareteMarie

Gute Erinnerungen habe ich aber an den Glenlossie 25 von LMDW, der mir vor allem durch sein unkonventionelles Etikett auffiel. Das Foto davon findet ihr etwas weiter unten. Naja, und ab dem vierten Whisky schmecken dann eigentlich immer alle.



Foto: MargareteMarie

Ich selbst hatte den Black Art 3.1 von Bruichladdich mitgebracht, aber den bespreche ich ein andermal. Es war unmöglich, alles zu probieren, was da auf den Tischen zusammenkam. Also für mich jedenfalls. Der Abend wurde dennoch sehr lang und sehr schön, und am nächsten Morgen habe ich dann erst mal gründlich verschlafen. Aber wie gesagt, Nils hat mir zum Glück noch Kaffee aufgehoben.

Der Auftakt am Freitag war schon ein Erlebnis für sich. Wie es am Samstag Abend dann mit den Raritäten aus den 60er und 70 Jahren  weiter ging, erfahrt ihr in ein paar Tagen in Teil II. Nur so viel verrate ich schon: ein Ardbeg und ein Macallan waren auch dabei. Und einer von beiden ist auch der Publikumsliebling des Abends geworden...

Foto: MargareteMarie

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