Whiskey zwischen Betrug und Marketing: Der Fall Templeton

Die amerikanische Firma Templeton Rye Spirits LLC. steht seit kurzem  wegen irreführender Marketing-Praktiken vor Gericht. 

Für Templeton steht dabei viel auf  dem Spiel: ein Kernpunkt des Rechtsstreits ist die Frage, ob die Konsumenten bisher zu viel für  Templeton Rye Whiskey bezahlt haben.

Jetzt haben die  Firmen-Gründer Keith Kerkhoff und Scott Bush zur Verteidung den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt. Doch ihre Argumente sind alles andere als beruhigend. 
 
Foto: margaretemarie



Das Etikett auf der Flasche des Templeton Rye Whiskey ist klug gestaltet: der Name Templeton, ein Foto wie aus den dreißiger Jahren, der Zusatz "Small Batch", und dann in roten Lettern der Hinweis "Prohibition Era Recipe" - Rezept aus der Zeit der Prohibition.

Ein solches Etikett hat Suggestiv-Kraft. Doch darf ich als Kunde auf der Grundlage dieses Etiketts auch Rückschlüsse auf den Inhalt ziehen? Darf ich darauf vertrauen, dass der Whiskey tatsächlich aus Templeton  stammt? Die amerikanische Staatsanwaltschaft bejaht diese Frage und hält das Etikett für einen Betrug am Kunden. Denn die Firma Templeton brennt ihren Rye Whiskey nicht selbst, sondern bezieht ihn von der Brennerei MGP.

Im Klartext: der Whiskey stammt nicht aus der amerikanischen Stadt Templeton  in Iowa, sondern aus Lawrenceburg, Indiana. Er wird industriell mit modernster Technologie in großen Mengen produziert und die Mashbill ist ausgesprochen neuzeitlich. Ursprünglich wurde der Whiskey vom früheren Besitzer der Brennerei, Seagrams, für die verschiedenen Blends der Firma, wie z.B.  Crown Royal, produziert.

Nachdem bereits zwei Klagen wegen Verletzung von Herkunftsrechten anhängig waren, kommt nun eine dritte Anklage hinzu, die am Polk County District Court verhandelt wird: Templeton täusche die Konsumenten durch den Hinweis auf ein Rezept aus der Prohibitionszeit.

Doch die Firma wehrt sich gegen die Vorwürfe. Wie das online-Magazin desmoinesregister.com berichtete, haben die  Firmen-Gründer Keith Kerkhoff und Scott Bush vor zwei Tagen in einem Interview erklärt, dass sie zwar als Ausgangsmaterial den Rye Whiskey von MGP verwenden, diesen aber nicht unverändert abfüllen.

Angeblich existiere tatsächlich ein altes Rezept aus der Zeit der Prohibition, das aber nicht zur Produktion eines Rye-Whiskeys eingesetzt werden könne, weil der Roggen-Gehalt (Rye) nicht hoch genug sei, um den gesetzlichen Vorgaben zu entsprechen.

Stattdessen habe man 2006 zwei Geschmacksproben des MGP-Whiskeys und des Prohibitions-Rezepts an die Firma Clarendon Flavour Engineering in Louisville, Kentucky, übergeben.  Diese habe dann einige Zutaten empfohlen, mit deren Hilfe ein "Prohibitions-Geschmack" erreicht werden könne.

Zudem wolle man zukünftig für mehr Klarheit sorgen und "the most transparent company in the whole industry" werden. Man werde ein neues Label entwerfen. Über die genaue Zusammensetzung der  "Zutaten" wollten die Firmeninhaber jedoch keinerlei Angaben machen.



MargareteMarie meint: 


Mag sein, dass Templeton aufgrund der neuen Informationen vor Gericht straffrei ausgehen wird. Doch die Verbraucher werden sich auch weiterhin getäuscht sehen. Ein Whiskey, der seinen besonderen Geschmack nur durch Hinzufügen von zusätzlichen Stoffen erreicht, hat eine ganz andere Wertigkeit als ein naturbelassenes Produkt.

Templeton ist nicht das einzige "schwarze Schaf". Für viele amerikanische Abfüller war es bisher üblich, die Herkunft ihres Whiskeys zu verschleiern und eine wunderschöne Geschichte über vererbte Familien-Rezepte,  heroische Whiskey-Dynastien und uralten Pionier-Geist drumherum zu stricken.

Man denke nur etwa an James Pepper 1776 Rye, George Dickel Rye oder auch an Bulleit Rye, die ebenfalls aus der Brennerei MGP stammen. Viele der sogenannten Craft Distilleries stehen auf der Kundenliste von großen Brennereien. Aber auch die Small-Batch-Abfüllungen von Jim Beam (Knob Creek, Booker's, Baker's, Basil Hayden's) stehen plötzlich in einem ganz anderen Licht da. Dass solche Geschichten durchaus Marketing-Potenzial haben, zeigt deutlich das Beispiel des Bulleit Rye, der erst vor wenigen Tagen in Berlin zur Spirituose des Jahres 2014 gewählt wurde.

Der Fall Templeton könnte ein Präzedenzfall werden. Nicht nur für Templeton, sondern auch für andere amerikanische Destillerien steht viel auf dem Spiel: es geht um das Vertrauen der Verbraucher in die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche.


Mehr zum Thema:


American Craft Distillers in Berlin

Legende und Wirklichkeit: James E. Pepper 1776  Straight Rye Whiskey

Bourbon and Rye: Whiskey im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

PS: Keith Kerkhoff hat inzwischen auch auf youtube Stellung bezogen. In seinem Video bezeichnet er den Rye Whiskey von MGP als "one of the ingredients". Über die restlichen Bestandteile schweigt er sich auch diesmal aus. Schade.

https://www.youtube.com/watch?v=p_d56otHSVw


 

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