Malt oder Grain: zwei Raritäten aus dem Hinterzimmer

Kaum jemand kennt heute noch die Brennerei North of Scotland. Nur wenig mehr als zwei Jahrzehnte war sie in Produktion, ehe sie 1980 für immer schloss. Abfüllungen von North of Scotland sind mittlerweile sehr alt und sehr selten. 

Und deshalb sind sie genau das richtige für Uwe Wagmüller. Der Liebhaber von schönen Etiketten und Inhaber eines Whisky-Ladens in Berlin ist Spezialist für seltene Abfüllungen und Whisky-Raritäten. 

 
 
foto: margaretemarie

Auch als Abfüller von ungewöhnlichen Fässern hat er sich inzwischen einen Namen gemacht, und sein Ladengeschäft "Finest Whisky" in der Winterfeldtstraße ist ein El Dorado für Liebhaber alter Whiskys geworden.

foto: margaretemarie
In seinem berühmten Berliner Hinterzimmer habe ich zwei ganz besondere Schätze entdeckt und zusammen mit Marco, Whiskyfan und Teilnehmer der illustren Berliner "Loft-Tage", verkostet.


Berliner Loft-Tage.  foto: margaretemarie


North of Scotland, Single Grain, 1970-2012, 42 Jahre,  cask 5,  146/234 Fl., 47.1%


1958 wurde die Brennerei unter dem Namen Strathmore auf dem Gelände einer ehemaligen Bierbrauerei gegründet. Ursprünglich war die Anlage als Malt-Brennerei konzipiert, doch eine Besonderheit war, dass die gemälzte Gerste in einer Coffey-Still gebrannt wurde.

Nach nur zwei Jahren ging man jedoch zur Grain Destillation über und änderte auch den Namen. Bereits 1980 wurde die Brennerei geschlossen und 1993 abgerissen. Die Lagerhäuser blieben jedoch erhalten und befinden sich inzwischen im Besitz von Diageo. Abfüllungen von North of Scotland findet man heute nur sehr selten.

Die Abfüllung von Finest Whisky stammt aus dem Jahr 2012, und insgesamt ergab das Fass 234 Flaschen. Das Etikett nach einem Motiv von Carl Spitzweg verdient ganz besondere Aufmerksamkeit: die Anspielungen auf Uwe, einen Köpeniker Getränke-Handel  und eine berühmte Whisky-Persönlichkeit aus dem Elsaß sind unübersehbar:-)


foto: margaretemarie

Farbe:

gold-gelb

Aroma:

schon der erste Eindruck bringt eine große Überraschung: das Aroma erinnert sehr stark an einen tollen Bourbon oder auch an einen erstklassigen Rum. Lösungsmittel, Dillgurke, eine sehr angenehme Honig-Süße, Blütenduft, Rum-Rosinen, Marzipan, leichte Vanille. Für sein Alter überraschend wenig Holz.

Geschmack:

immer noch die Rum-Rosinen, aber jetzt zeigt sich auch das Alter. Viel Holz, Tabak, Leder, Pflaumen  und Bittermandel. Die Süße ist komplett verschwunden, er ist würzig, dunkel und sehr trocken. Dennoch sehr süffig. Im Vergleich zu Malt Whisky ist er allerdings eher schlicht und schlank.

Nachklang:

lang, angenehm und wärmend. 

Fazit:

Dieser North of Scotland ist rund, harmonisch und nicht mehr reproduzierbar. Denn er entstand noch ganz in Handarbeit. Er ist ein Gruß aus der Vergangenheit, als es noch keine Computer gab. Mich erinnert dieser Grain-Whisky  an eine alte, gut erhaltene  S-Klasse: edel, stilvoll, beeindruckend,  und  ohne die modernen Extras.  Er hat ganz große Klasse und lässt sich super fahren. Aber ohne Sitzheizung und Navigator. Ein toller Whisky für Liebhaber und Kenner.

Punkte: 9.3 von 10 (Grain)


foto: margaretemarie


Glen Keith, Single Malt, 1991-2013, Bourbon Cask,  34/78 Fl.,  22 Jahre, 47.8%



Die Abfüllungen von Uwe tragen oft Etiketten mit einem persönlichen Bezug. Eine ganz besondere Serie ist seinem Tasting-Room gewidmet - dem Hinterzimmer seines Ladens, in dem die sogenannte "Hinterzimmer-Bande" besonders gern zusammen kommt. Ein Mitglied dieser Gruppe hat es sich zur Aufgabe gemacht, besondere Ereignisse in Comic-Form festzuhalten. Seine Zeichnungen bilden die Grundlage der Reihe "Stories aus dem Hinterzimmer".



foto: margaretemarie

Folge 1 war einem Littlemill und der Frage nach der Relativität von Zeit gewidmet. Folge 2  behandelt Glück, Unglück und die Kunst des Überlebens und ist sinnigerweise mit einem Glen Keith gefüllt. Denn ebenso wie Uwe hat die Speyside-Brennerei in Besitz von Pernod-Ricard  ihr Ende vor Augen gehabt. Und hat knapp überlebt. Nach 14 Jahren Stillstand  wurde im April 2013 die Produktion in Glen Keith wieder aufgenommen.

foto: margaretemarie

Farbe:

sattes Weißweingelb

Aroma:

Man muss etwas leise reden, damit man diesen Glen Keith auch hört, denn er ist sehr dezent, zart, filigran, aber auch überraschend frisch und junggeblieben. Es dominieren Fruchtnoten von eingekochten Äpfeln und Birnen sowie zarter Blütenduft. Nichts sticht in der Nase, er ist sanft und angenehm harmonisch. Ein Whisky wie der Frühling, zart, mit leichter Honignote, weder alt noch muffig, sondern eher ein moderner Altbau, frisch, kompakt und dicht.

Geschmack:

erst jetzt wird das Alter erkennbar, er schmeckt dunkel und ölig, nach Leder und Tabak, die Fruchtnoten sind verschwunden, statt dessen zeigt sich eine kräutrige Würze.

Nachklang:

nicht sehr lang, aber nachhaltig, er strahlt noch lange in die Kehle und im Mundraum aus. 

Fazit:

Ein  eleganter, drahtiger Single Malt, mit klassischer Eleganz, ein Chesterfield-Sofa im modernisierten Altbau. Oder auch eine elegante ältere Dame mit Stil, die sich ihren jugendlichen Charme erhalten hat und immer noch Männer zu begeistern weiß. Old School. Ein Whisky für ruhige Momente.

Punkte:  8.9 von 10 (Malt)


mehr zum Thema:


Botschaften aus dem Hinterzimmer: Ardbeg eröffnet neue Embassy in Berlin

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Wie gut ist alter Whisky wirklich?

Lowlands: diese 10 Brennereien musst du besichtigt haben

Deutschlands beliebtester Single Malt

Whiskymesse The Village Nürnberg 2017

Longmorn 16 Jahre, 48%, OB-Bottling von 2014