Whiskygedanken: Über Jäger und Sammler

Bowmore Devil's Casks, Balvenie Tun 1401,  Ardbeg Supernova - so unterschiedlich diese Whiskys auch sein mögen, sie haben alle etwas gemeinsam: Sie lassen das Herz der Fans höher schlagen, sie sind heiß begehrt, nur schwer zu bekommen und verschwinden zum großen Teil in den Vitrinen von Whisky-Sammlern.

Sehr zum Leidwesen all jener, die sie gerne trinken würden und den Sammlern die Schuld an den astronomischen Preisen geben, die oft  für diese Abfüllungen bezahlt werden müssen. Wer in Whisky-Kreisen öffentlich zugibt, dass er eine Flasche nicht zum trinken, sondern zum Sammeln erworben hat, muss mit Zorn und Häme rechnen, wird als Kapital-Maximierer und Preis-Zerstörer beschimpft.  
 
Bekennender Sammler: Bernhard Rems.    Foto: MargareteMarie

Doch ist es wirklich so verwerflich, wenn man Whisky nicht nur trinkt, sondern auch sammelt? Bernhard Rems von den Whisky Experts wagt als Gastschreiber heute ein „Coming-out“ und bricht eine Lanze für die oft Geschmähten. 


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"Ich möchte eine Lanze für eine Spezies brechen, die unter Whiskyfreunden wie ein Paria behandelt wird, obschon sie selbst zur Gattung der Whiskyfreunde gehört – eine Lanze für Menschen, die sich andauernd öffentlich selbst verleugnen müssen und die ihre Liebe nur im Verborgenen ausleben dürfen. Ja, das geht manchmal sogar so weit, dass sie in Gesprächen unter Gleichgesinnten über jene die Nase rümpfen, die so sind wie sie – nur um unerkannt zu bleiben und in Frieden ihrer Passion nachgehen zu können.

Ich spreche von den Whiskysammlern. Und ich bin einer von ihnen.

Wir Whiskysammler frönen dem Wahnsinn in Maßlosigkeit. Wir lieben nicht mit Verstand, sondern mit Hingabe. Um ein Zitat von Bert Brecht zu verunstalten: „Ich kann gar nicht so viel trinken, wie ich kaufen möchte“. Und das ist gut so. Unser Appetit auf Whisky übersteigt die Einkaufsvernunft bei weitem. Gleichzeitig sind wir nicht selbstmörderisch genug, im Trinken alle Grenzen zu vergessen.

Es ist doch so: Würde jede Flasche Whisky, die weltweit verkauft wird, auch zügig getrunken werden, ich schätze, wir hätten ein unbeschreibliches Alkoholproblem und ganze Landstriche mit Menschen mit einer Leber aus Stein. Ich selbst hätte meinen Job verloren, meine Partnerschaft zerstört und nur mehr vereinzelte Sozialkontakte. Ja, wäre Whisky wie Buttermilch, könnte man ihn verkosten wie Erdbeeren oder verschiedene Gemüsesorten – keine Flasche müsste ungeöffnet auf ihre Stunde harren, kein Schrankbrett hätte sich unter schwerer Last zu biegen. Aber so? Als Gourmet muss man vorsorglich ein einkäuferischer Gourmand sein, denn die Ware ist begrenzt, die Konkurrenz ist groß und die kindliche Freude am Haben ist nicht zu unterschätzen.

Whiskysammler kaufen, so sie von der Liebe zum Wasser des Lebens beseelt sind, nicht für Wertsteigerung; sie kaufen, um beim Öffnen der Flasche und Einschenken jenen Moment des kleinen Todes (eine von den Franzosen in hingebungsvoller Beobachtungsgabe ersonnene Umschreibung des zeitlosen Augenblicks namens Orgasmus) hinauszuzögern, zu vervielfältigen, an den Horizont der Sehnsucht zu verschieben. Sie kaufen und sammeln, weil sie Phantasie haben.

Sammler-Glück.                Foto: MargareteMarie

Und selbst jene, die es des schnöden Mammons wegen tun, die Whiskyflaschen als Wertanlage betrachten – auch sie sind Nützlinge im Whiskybiotop. Sie sind es, die denen, die den Genuss suchen, diesen erst ermöglichen.

Und das kommt so: Würde jede Flasche, die die Abfüllanlagenverlässt, auch sofort getrunken und nicht zum Teil gebunkertwerden, wir würden das kollektive Whiskygedächtnis verlieren. Kein Mensch könnte heutzutage kosten, wie ein Whisky aus den Sechzigern geschmeckt hat. Kein Mensch würde den überwältigenden Geschmack alter Blends entdecken können. Niemand könnte mit dem Begriff „Cadenhead’s Dumpy Bottle“ etwas anfangen. Es gäbe sie einfach nicht mehr, oder nur auf Bildern und in Erinnerungen.

Jeder Sammler ist ein Archivar der Whiskygeschichte. Ein Bewahrer des Gewesenen und ein Befruchter der Gegenwart und der Zukunft. Ihr Tun mag von Egoismus getrieben sein, aber ihr Wirken ist altruistisch wie das von Philanthropen. Denkt daran, bevor ihr sie beschimpft. Und wenn ihr den Sammler in euch kennt und akzeptiert, lasst ihn mit Stolz ans Tageslicht treten. Er ist ein Freund."

Bernhard Rems (51), ist Gründer und Leiter von Whiskyexperts.net, der größten spezialisierten deutschsprachigen Nachrichtensite über Whisky und Whiskey. Er bezeichnet sich selbst als trinkenden Sammler – seine Flaschen sind für ihn eine Wertanlage in Genuss.

Foto: MargareteMarie

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