Oster-Special: Klassisch oder Modern - Trendwende bei Talisker? Teil II

Von all den vielen Single Malts in Schottland ist Talisker seit Jahrzehnten einer der wichtigsten. Und einer der erfolgreichsten. Mehr als 1,5 Millionen Flaschen wurden im letzten Jahr verkauft, und die Zahl der Neuerscheinungen ist beachtlich. Doch die Neuen mussten viel Kritik einstecken.  Zeigen sie eine Trendwende an?
Bild: MargareteMarie
 

Mit einer Kollegin habe ich 12 verschiedene Ausgaben von Talisker verkostet. Hier ist Teil II unserer großen Talisker-Testreihe:

7. Distiller's Edition, 1996-2008, TD-S: 5KW, 45.8%vol., 70 cl

In den 90er Jahren wurden Wood-Finishings sehr populär. Seit 1998 erscheint in regelmäßigen Abständen eine Distiller's Edition, die eine Nachreifung im Ex-Oloroso-Sherry-Fass erhält. (Meine Abfüllung stand ungeöffnet seit 2008 in der Bar, interessant wäre auch ein Vergleich mit einer jüngeren Variante.)


Bild: MargareteMarie

Aroma: schwer, robust, Kirsche, Kuchen, würzig, malzig, leicht torfig, nach einer Weile dann auch viel Toffee und Zitrusnoten

Geschmack: floral, zarter Torf, würzig

Nachklang: elegant, lang, warm

Mein Tipp: 
Er ist deutlich runder und eleganter als der 10 oder 12, das Sherry-Fass hat noch einmal eine gute Aromenfracht dazu geliefert. Wunderschöner Dessert-Whisky, für genussvolle und entspannte Momente zu zweit oder auch allein.


Bild: MargareteMarie


8. Talisker 175th Anniversary, limitierte Sonderabfüllung, 45.8%vol., 75 cl

Im vergangenen Jahr kamen mehr als 60.000 Besucher zur Brennerei auf der Insel Skye. Das sind im Schnitt 164 Besucher pro Tag! 2005 feierte die 1830 gegründete Brennerei ihren 175. Jahrestag. Aus diesem Anlass erschien eine Sonderedition aus ausgewählten, handverlesenen, zum Teil sehr alten Fässern. Steht jedenfalls so auf der Kartonage.

Aroma: Karamell, Meeresbrise, etwas rauch, zarte Würzigkeit, leicht ölig, nach einer Weile auch fruchige Noten, insgesamt leicht, eher zart

Geschmack: pfeffrig, floral,

Nachklang: mittellang

Mein Tipp:
keine große Überraschung. Wirkt wie eine Kreuzung aus Talisker 12 und 18. Der Anteil an alten Fässern lässt ihn seidiger werden, aber auch weniger vollmundig als der 12er.

Bild: MargareteMarie


9. Talisker Port Ruighe, 45.8%vol., 70 cl

Einer der Neuen von 2013. Die Pressemitteilung nennt ihn "a combination of spirit that has been matured in American Oak and European Oak refill casks in the traditional manner along with spirit that has been filled into specially conditioned deeply charred casks", also eine Melange aus amerikanischen und europäischen traditionellen Refill-Fässern sowie besonders behandelten, stark ausgebrannten Fässern. Anschließend noch eine Nachreifung in Ex-Port-Wein-Fässern. Benannt nach dem Hafen von Port Ruighe, über den in früheren Zeiten tatsächlich noch Portweinfässer auf die Insel Skye gelangten.

Kreiert wurde der Port Ruighe wahrscheinlich von Maureen Robinson, eine von vier Master Blendern bei Diageo, die auch für Talisker Storm und die Singleton-Serie sowie die jährliche Zusammenstellung der Special Releases verantwortlich ist. Die "specially conditioned deeply charred casks" deute ich als Hinweis, dass auch hier wiederaufbereitete Fässer zum Einsatz kamen.

Aroma: Zunächst nicht auffällig. Braucht eine Weile. Dann rote Früchte, Pflaume,  würzig, komplex, Holz und Earl-Grey-Tea, Bergamotte. Dunkler als 57°North. Und schließlich deutliche Karamell-Aromen.

Geschmack: erst dunkler Kakao, dann ein wow-Effekt: der Whisky geht auf der Zunge plötzlich auf wie die Rose von Jericho bei Regen. Seidig, süß, sehr ölig, Tee, Wachs.

Nachklang: vollmundig, mittellang

Mein Tipp:
Der Port Ruighe hat uns von allen Abfüllungen am meisten überrascht. Ursprünglich hatte ich ihn vor dem Talisker 10 platziert,  doch er hat deutlich mehr Aroma und Volumen zu bieten und ließ den Klassiker dann ganz schön blass erscheinen. Am Ende hat er seine Position vor dem 18jährigen Talisker gefunden. Er hat bereits die elegante Seidigkeit von älteren Whiskys, wirkt aber moderner  als der 18jährige, mit einer Spur Extravaganz. Ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis.


Port Ruighe  weicht am meisten vom typischen Talisker-Geschmack ab. Doch gerade die eher untypischen Noten verleihen ihm einen ganz eigenen Charakter. Mit dem Port Ruighe sind wir im Bereich der Dessert-Whiskys angekommen, die am besten nach dem Essen oder gemütlich auf der Couch getrunken werden. Besonders schön: ein Port Ruighe im Sommer bei Sonnenuntergang auf der Terrasse.

Bild: MargareteMarie


10. Talisker 18 years, 45.8vol., 70 cl

Erstmals 2004 erschienen. Gewann 2007 den World Whisky Award für den "Besten Single Malt der Welt". 

Aroma: süß, Marzipan, Rosenwasser, zarte Torfnote, seidenweich

Geschmack: kräftiger als erwartet, pfeffrig, Créme Brûlée, elegant

Nachklang: lang, warm und süß

Mein Tipp: 
Talisker 18 ist dem Port Ruighe recht ähnlich, hat aber nicht dessen Extravaganz. Puristen und Liebhaber der klassischen Linie sollten dem 18jährigen den Vorzug geben.


11. Talisker 20 years, dist. 1982, Fl. Nr. 5866, 58.8%vol., 70 cl

Abgefüllt 2003, limitiert auf 12.000 Flaschen, individuell nummeriert, Fass-Stärke, Refill-Fässer.

Aroma: Seeluft,  Hafen, nasse Erde. Ein paar Tropfen Wasser bringen ihn dichter an den 12jährigen heran, und es zeigen sich mehr Fruchtaromen

Geschmack: Hot! Scharf und Pfeffrig. Selbst mit Wasser bleibt die Schärfe. Sehr klassisch.

Nachklang: Mittellang. Die Zungenspitze spürt ihn am stärksten.

Mein Tipp:
Wer bis jetzt nicht weiß, was der berühmte "Chilli-Catch" von Talisker ist, muss unbedingt diese Abfüllung probieren. Bringt die Zungenspitze zum Vibrieren.


Bild: MargareteMarie


12. Talisker 25 years, 2012, 45.8%vol., 70 cl

Aroma: Erdbeeren, Segeltuch, Duftkerzen, Anis, leichter Rauch. Und unglaublich seidig. 

Geschmack: Pfeffer, verhaltene Süé, Anis, Milchschokolade, Wachs, sehr sehr ölig. Elegant.
Verträgt kein Wasser. Nicht einen Tropfen.

Nachklang: mild und mittellang.

Mein Tipp: 
Unbedingt probieren, wenn sich die Gelegenheit bietet. Eine Flasche für Weihnachten. Oder auch Ostern.


Fazit:

Damit wären wir am Ende unseres Super-Sonder-Oster-Tastings angekommen. 12 verschiedene Flaschen haben wir insgesamt verkostet - was ist unser Urteil?

Zwei Abfüllungen haben uns an diesem Abend ganz besonders gefallen: Talisker 12 und Port Ruighe. Überzeugt hat uns bei beiden die Komplexität, die Fülle, und die Vollmundigkeit. Talisker 12 ist der reifere, wuchtigere Bruder des Talisker 10, und dieser Kraftprotz hat uns imponiert.

Aber auch die Destiller's Edition kann sich problemlos neben diesen beiden sehen lassen. In Kombination mit dunklen Schokolade-Trüffeln kann man mit ihm auch glänzen, wenn man Gäste hat. Da der 12jährige leider! eine limitierte  Sonderabfüllung ist, wird wohl die Distiller's Edition weiterhin die Standardabfüllung in meinem Barfach bleiben. Ergänzen werde ich mein Sortiment aber mit einem Port Ruighe.

Port Ruighe hat uns sehr überrascht, denn er fällt deutlich aus dem Rahmen. Auch er ist gewaltig im Geschmack, aber die Nachreifung in Portwein-Fässern geben ihm einen besonderen Kick. Einerseits wirkt er  viel moderner als der 12er, hat aber andererseits die Öligkeit und Vielschichtigkeit eines alten Whiskys. Wer sich auf seine Extravaganz einlassen mag, erhält eine tolle Qualität zum vernünftigen Preis.

Bei den alten Abfüllungen hat mir der Talisker 25 besonders gut gefallen, er hat seinen Platz zu recht am Ende des Line-ups verdient: er ist das absolute Sahnestückchen am Ende eines fantastischen Tastings und eine gute Wahl für hohe Feiertage. Ich esse ja auch nicht jeden Tag Sahne.

Gesamteindruck:

Insgesamt ist die komplette Range sehr viel stringenter und konsequenter als ich erwartet hatte. Dennoch gab es deutliche Unterschiede, und am Ende kristallisierten sich drei verschiedene Kategorien heraus:

- alt:  18, 20, 25
- klassisch: 10, 12, 57°, 175, DE,
- modern: Storm, Dark Storm, Triple Matured, Port Ruighe

Alte Whiskys sind schon allein durch ihr Alter etwas besonderes und über jeden Zweifel erhaben. Vor allem der 25jährige ist ein kleiner Traum.

Interessanter sind jedoch die anderen beiden Kategorien, die ich als "klassisch" und "modern" bezeichnen würde. Vor allem im Vergleich der beiden Abfüllungen für die "Friends of the Classic Malt" von 2007 (Talisker 12) und 2014 (Triple Matured) wird der Unterschied sehr deutlich.

Die neueren Abfüllungen von 2013 und 2014 sind mehrheitlich leichter, schlanker, und filigraner als die alten, klassischen Abfüllungen. Darüber kann auch eine verstärkte Rauchzugabe nicht hinwegtäuschen. Wer den Storm mag, sollte bei seinem nächsten Fernurlaub unbedingt einen Blick in den Duty-Free-Shop werfen, denn der Dark Storm ist deutlich komplexer und rauchiger.

Sehr schwer einzuordnet ist jedoch der Port Ruighe, denn er vereint Elemente aller drei Kategorien und ist deshalb für mich eine der interessantesten Abfüllungen von Talisker. Er kann durchaus mit der Wuchtigkeit des 12jährigen mithalten, hat aber auch die glänzende Seidigkeit des 18jährigen und wirkt trotzdem sehr sehr stylisch.

Bild: MargareteMarie

Ob die Trendwende von "klassisch" zu "modern"  einem veränderten Fassmanagement zuzuschreiben ist oder eher auf ein verändertes Geschmacksempfinden der jüngeren Generation (und zukünftigen Kunden) zurückzuführen ist, vermag ich nicht zu sagen. Leider ist Diageo bezüglich dieser Veränderungen nicht sehr kommunikativ.

Vielleicht waren die Rejuvenated Casks, wie die wiederaufbereiteten Fässer auf Englisch heißen, ursprünglich nur für die Verwendung in Blended Whiskys vorgesehen, wo milde, süße Geschmacksnoten durchaus erwünscht sind, und werden jetzt unter dem pötzlichen Druck der gestiegenen Nachfrage auch für Single Malt-Abfüllungen herangezogen.

Möglicherweise zeigt sich hier aber auch ein Trendwechsel im Geschmack. In der Küche können wir schon länger einen ähnlichen Wandel feststellen, Crème Fraîche und Butterstückchen beispielsweise, die in den 80er Jahren üppig zum Einsatz kamen, werden heute nur noch sehr sparsam verwendet und meist durch leichtere, fettarme Produkte ersetzt.

Auch bei  den Herren-Parfums hat die Zeitenwende längst stattgefunden, junge Männer  bevorzugen süße, leichte Düfte, die alten Klassiker mit ihren Tabak- und Gewürz-Noten sind nur noch was für alte Herren. Da wäre es durchaus denkbar, dass sich auch beim Whisky eine Veränderung in den Geschmacksvorlieben der jüngeren Generation anbahnt. Die Marktforscher  von Diageo  werden dieses Feld längst bearbeiten.


Bild: MargareteMarie

PS: Die noch älteren Talisker haben wir in diesem Tasting nicht berücksichtigen können, weil sie uns nicht zur Verfügung standen. Doch die über 30jährigen sind aufgrund ihres astronomischen Preises ohnehin jenseits von Gut oder  Schlecht. 

Leider sind die meisten Flaschen in unserem Line-up nur geliehen, und werden im Laufe der nächsten Tage auch wieder ihren Weg zum eigentlichen Besitzer zurückfinden. Ein ganz großes Dankeschön an Peter für diese großzügige Leihgabe, und auch an Thomas, der unser Line-Up noch mit ein paar wertvollen Samples ergänzte. Das war fürwahr eine Traumstunde in meinem Whisky-Dasein. Megafantastisch!!!



 

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