Lost Distilleries: Littlemill


Littlemill gibt es schon lange nicht mehr. 1992 war die Brennerei in den schottischen Lowlands zum letzten Mal in Betrieb, 12 Jahre später zerstörte ein Feuer den größten Teil der stillgelegten Anlage.  Die Lagerhallen waren wohl nicht betroffen, denn Abfüllungen von Littlemill sind immer noch erhältlich, und manchmal auch zu einem erschwinglichen Preis.
Doch wer einen Littlemill kauft, steht schnell vor einem Dilemma:  trinken oder  sammeln?
Zwei von ihnen habe ich zum Testen heute im Glas.
 
Bild: MargareteMarie


Littlemill gehört zu den sogenannten "Lost Distilleries", also zu jenen Brennereien, die längst verloren sind, und nie wieder Whisky produzieren werden. Über 220 Jahre lang war sie in Betrieb gewesen, und sie galt als eine der ältesten Brennereien in Schottland.



Wann zum ersten Mal Whisky in Littlemill gebrannt wurde, ist nicht überliefert. Als Gründungsdatum dieser Brennerei, die sich in der Nähe von Glasgow befand, wird meist 1772 angegeben. Die erste Besitzurkunde stammt von 1817, als die Brennerei an einen gewissen Matthew Clark & Co. verkauft wurde.

Die Steuerlast auf  Whisky war damals enorm hoch, so dass unzählige kleine und kleinste illegale Brennereien entstanden. Mit dem  "Customs and Excise Act" von 1823, eine Art Branntweinsteuergesetz, wurde das Brennrecht reformiert, für eine relativ geringe Gebühr konnte jetzt eine Brennlizenz erworben werden. Innerhalb weniger Jahre wurden die meisten illegalen Brennereien in einen legalen Status überführt.

Die erste Frau mit Brennlizenz


1825 erwarb Jane Macgregor eine Lizenz für Littlemill,die sie bis mindestens 1835 innehielt.  Sie ist wahrscheinlich die erste Frau in Schottland, die eine Brennlizenz besaß und gilt als eine der weiblichen Whisky-Pioniere. Allzu viel ist nicht über sie bekannt, aber angeblich musste sie 1830 eine Geldstrafe zahlen, weil sie ihre Alkoholsteuer nicht ordnungsgemäß abführte.

Die nächsten 150 Jahre brachten ständig wechselnde Besitzverhältnisse für die Brennerei  mit sich. 1992 wurde Littlemill schließlich stillgelegt und 1994  nach einem Konkurs zusammen mit der Brennerei Glen Scotia an die Glen Catrine Bonded Warehouse Ltd., einer Tochtergesellschaft der Loch Lomond Distillery Co.,  verkauft, in deren Besitz sie sich bis heute befindet.  Die Produktion wurde jedoch nie wieder aufgenommen.

Offizielle Abfüllungen sind immer noch erhältlich und auch unabhängige Abfüller bringen gelegentlich einen Littlemill auf den Markt. Zwei davon möchte ich heute vorstellen:


1. Littlemill 20 Years, dist. 10/1990, abgef. 11/2010, Jack Wiebers Whisky World, Limited Edition, Cask Strength, Bourbon Cask, ohne Farbzusatz, nicht kühlgefiltert,  Fass Nr. RN 10-28, 272 Flaschen. 53,6 vol%

Bild: MargareteMarie
 
Bild: MargareteMarie

Farbe: dunkles gold

Aroma:
Vanille- und Grasnoten sind recht ausgeprägt, was typisch ist für einen Lowlandwhisky wie Littlemill, der überwiegend eingesetzt wurde, um Blends zu verschönern. Ein bißchen Uhu ist auch dabei, wie ich es sonst eher bei Bourbon-Whiskey finde. Bergamotte. Wer kurz wartet, entdeckt auch Eiche-Noten.

Geschmack:
immer noch Gras, etwas Eiche und viel Wachs, sehr ölig, schlank und elegant.

Mit Wasser:
Bei 53,6 vol% kann etwas Wasser nicht schaden. Ganz im Gegenteil, die Zugabe von Wasser wirkt Wunder,  es verpaßt ihm einen Frischekick und plötzlich wird der verschlafene Littlemill munter! Fruchtig, frisch, mit Citrus-Aromen, Maracujasaft und Blütenduft - toll! Auch im Geschmack wird er angenehmer, er wird runder, milder, Gras, Wachs und Holz sind immer noch da, aber jetzt sind sie ausgewogener und harmonischer.

Nachklang:
warm und mittellang

Bild: MargareteMarie


2. Littlemill 27 Years, dist. 17.01.1985, abgef.  2012, Spirit & Cask Range von Whisky-Max,  Cask Strength, Refill Bourbon Hogshead, ohne Farbzusatz, nicht kühlgefiltert,  Fass Nr.  100,  240 Flaschen. 53,5 vol%

Bild: MargareteMarie

Farbe: 
helles gold

Aroma: 
Ähnlich wie die Abfüllung von Jack Wiebers, aber mit etwas weniger Vanille, dafür ist der Uhu-Geruch etwas ausgeprägter,  die Fruchtnote ist stärker, mit Ananasaromen,  insgesamt wirkt er runder und auch etwas süßer.  Unterschwellig ist eine zarte Sulphur-Note da, allerdings so zart, dass sie nicht unangenehm wird.
 
Geschmack: 
Auch dieser Littlemill ist grasig, aber weniger ölig und auch nicht so wächsern wie Nr. 1.

Wasser:
Die Zugabe von etwas Wasser hat auch diesmal einen positiven Effekt, der Whisky wird plötzlich jugendlich frisch und  saftig, mit zuckersüßen, intensiven Ananas-Aromen.
Ein Littlemill von seiner besten Seite.


Mein Tipp:

Schwer zu sagen, welchem ich den Vorzug geben würde, beide Whiskys sind wunderbar elegante Apperitif-Whiskys und vor allem an heißen Tagen gewiss ein Genuss. Wer Ananas mag, sollte sich für die Abfüllung der Spirit & Cask Range entscheiden.

Der Reiz von Littlemill liegt jedoch vor allem darin, dass dieser Whisky eines Tages unwiderruflich verschwunden sein wird. Und mit jeder Flasche, die getrunken wird, steigt für Sammler der Wert jener Flaschen, die noch erhältlich sind.  Auch das Alter spielt eine Rolle: der jüngste Whisky, der  abgefüllt werden kann, ist bereits 21 Jahre alt. Mit jedem Jahr werden die Abfüllungen älter, seltener und somit auch wertvoller. Ob sie auch besser werden, ist da fast nebensächlich. Denn jeder Littlemill ist jetzt schon eine Rarität.

Vielen Dank, Peter, für diese tollen Samples!

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Hier stinkt was: Die Schattenseiten des Irischen Whiskey-Wunders

Lowlands: diese 10 Brennereien musst du besichtigt haben

Wie gut ist alter Whisky wirklich?

Deutschlands beliebtester Single Malt

Exklusiv von der Whisky-Fair: Interview mit Whisky-Sammler Diego Sandrin