Im Portrait: Dr. Bill Lumsden, Ardbog und Ardbeg (Teil II)



Am nächsten Tag treffe ich Bill Lumsden und Tobias wieder, und ich bin überrascht, wie unkompliziert und offen der Whisky-Createur ist. Keine Spur von Arroganz. Noch vor wenigen Tagen hat er ... 

die Hand der britischen Königin geschüttelt, doch jetzt sitzen wir entspannt im Innenhof einer typischen Äppelwoi-Kneipe in Sachsenhausen, als wäre er mein Nachbar von nebenan. Dr. Lumsden interessiert sich sehr für die regionale Küche und am Ende entscheiden er und Tobias sich für die etwas gewagte Kombination von frischem Spargel und Bratwürstchen,  und ich steuere noch die obligatorische Frankfurter Grüne Soße dazu bei. Dazu gibt es einen Riesling – den Apfelwein mag er dann doch nicht haben. 
Als Bill Lumsden vor über 15 Jahren zum ersten Mal die Brennerei Ardbeg betritt, ist er schockiert über den schlechten Zustand, in dem sich die Anlage damals befindet. Um zu verdeutlichen, wie schlimm es war, erzählt er mir die Geschichte von diesem Schuhkarton, den er während eines Rundgangs in der Brennerei zufällig entdeckt. Er hält ihn zunächst für eine Art Talisman, den einer seiner Vorgänger vor vielen Jahren dort angebracht hat. Doch als er diesen vermeintlichen Talisman näher untersucht, muss er feststellen, dass sich darunter die elektrische Schaltzentrale der Brennerei verbirgt. Die gesamte Energieversorgung von Ardbeg hing damals ab von einem purpurrot-und-silbernen Schuhkarton! Noch heute schüttelt Bill Lumsden ungläubig den Kopf, wenn er nur daran denkt. 


Die Lagerhäuser sind damals zwar nicht üppig gefüllt, doch es reicht, um die ersten Jahre zu überstehen, bis aus dem eigenen „New Spirit“ ein guter Whisky  herangereift ist. Bis 2004 kommen die älteren Bestände als 17jähriger Ardbeg auf den Markt, der von Whisky-Liebhabern bis heute hoch geschätzt wird - und im Lauf der Jahre zu einer heiß begehrten Rarität geworden ist. 2004 erscheint dann endlich der erste „neue Ardbeg“, der mit seinen 6 Jahren noch „Very Young“ ist. Und so heißt er dann auch. Es folgen „Still Young“ (2006),  „Almost there“ (2007) und „Renaissance“ (2008). Ab 2009 erscheint der neue „Ardbeg 10“, der bis heute zum Kern-Portfolio gehört und in Ex-Bourbon-Fässern reift. Doch jedes Jahr lässt Dr. Lumsden auch eine kleinere Menge des Ardbeg in besonderen, experimentellen Fässern heranreifen. Wie z.B. die Ex-Manzanilla-Sherry-Fässer, die er vor ungefähr 10 Jahren erworben hat und die beim Ardbog  Verwendung finden und ihm seine besondere, salzige Note geben, während erst-befüllte Ex-Bourbon-Fässer für die Cremigkeit und Süße sorgen. 
2005 wird Glenmorangie und somit auch Ardbeg vom Luxuskonzern Louis Vuitton Moët Hennessy übernommen, und Bill hat plötzlich einen neuen Boss. Als ich ihn frage, wie ihm diese Veränderung gefallen hat, beginnen seine Augen zu leuchten. Endlich hat er einen Arbeitgeber, der ihm zuhört, der sich für sein Produkt und seine Ideen interessiert, nicht nur für die Zahlen. Und der bereit ist, Geld zu investieren, damit die Visionen von Bill Lumsden wahr werden können. Nur den 17jährigen, den gibt es seither nicht mehr.
Bill Lumsden kennt die Zahlen ganz genau. Doch er rechnet nicht in Pfund und Euro, sondern in Fässern und Flaschen. Und natürlich will ich wissen, welche Fässer für die Abfüllungen im nächsten Jahr vorgesehen sind. Muss ich erwähnen, dass ich es nicht erfahre? Dr. Lumsden grinst schelmisch, die Geheimniskrämerei ist Teil des Spiels, und es macht ihm Spaß. Ardbeg is Fun. Und schließlich albern wir herum über ein geheimes Fass-Experiment, das er gerne durchführen würde, diskutieren darüber, was möglich wäre, was er gerne tun würde. Irgendwann wechseln wir das Thema, reden über das schöne Wetter, genießen die unverhofften Sonnenstrahlen. Und ein paar Augenblicke lang schaut er versonnen in den strahlend-blauen Himmel über dieser Stadt am Main. Doch plötzlich ist der Schalk wieder da, und mit einem Zwinkern im Auge erklärt er, dass er diesen Tag in Frankfurt wohl sein Leben lang in Erinnerung behalten werde als den Tag, als er diese verrückte Idee mit diesem Fass-Experiment hatte, wegen dem er dann am Ende seinen Job verlor. Er hat wieder einmal die Lacher auf seiner Seite, und endlich verstehe ich, was diesen Mann antreibt: es ist diese grenzenlose Lust des Forschers am Entdecken, am Experimentieren, am Ausprobieren. Es ist diese kindliche Freude eines Künstlers, wenn er sieht, wie seine Ideen Gestalt annehmen. Doch bei aller Kreativität verliert er nie sein Thema aus den Augen. Whisky ist mehr als nur Spaß. „Whisky is my life“, sagt er. Whisky ist sein Leben. Selbst seine Katze heißt Morangie. Und ich nehme mir vor, wenn er dieses Fass tatsächlich eines Tages abfüllen wird, dann lade ich Tobias und Bill zum Frankfurter Grüne-Soße-Essen mit Whisky und Würstchen ein.

  

Schließlich verlassen wir das Lokal und fahren zur Rennbahn, wo der Ardbeg-Tag gefeiert werden soll. Die ersten Teilnehmer kommen schon bald an, und Bill Lumsden lässt es sich nicht nehmen, sie alle persönlich zu begrüßen. Doch die Leute sind scheu, kaum einer traut sich, ihn anzusprechen, ihn all das zu fragen, was man schon immer über Ardbeg wissen wollte. Ein  bisschen verloren wirkt er mitunter zwischen all diesen Menschen, die eine fremde Sprache sprechen, doch freundlich und aufmerksam beobachtet er an diesem Nachmittag das Treiben rings um ihn herum, und zu keinem Zeitpunkt verliert er seine gute Laune. Ardbeg is fun, er freut sich, dass die Leute Spaß haben. Und wer weiß, vielleicht heckt er ja insgeheim schon wieder eine neue Idee für den nächsten Ardbeg Day aus, mischt in Gedanken jene Fässer, nach denen ihn nächstes Jahr alle fragen werden. 
 
Dann endlich, der große Moment, die Tasting Gläser mit Ardbog werden herumgereicht. Bill Lumsden geht auf die Bühne, kurzweilig und humorvoll erzählt er wieder einmal über Ardbeg und Ardbog, über Manzanilla-Fässer und Torfmoore, und führt die Gäste schließlich durch das Tasting. Am Ende gibt er noch einen schottischen Witz zum besten, etwas schlüpfrig, aber anständig genug, dass man auch als Frau ohne schlechtes Gewissen darüber lachen kann. Und jetzt, endlich, verlieren die Fans ihre Scheu, sie kommen zu ihm, plaudern mit ihm, scherzen mit ihm, und lassen sich Schulter an Schulter mit ihm fotografieren. Ardbeg is fun. Deshalb ist er hier, deshalb reist er um die ganze Welt. Whisky ist sein Leben. 


Kommentare

  1. Kompliment für Deinen Bericht. Ich muß sagen, ich habe selten (oder eher noch nie) so viel Begeisterung und Leidenschaft für das Thema Whisky und die Leute drum herum bei einer Frau erlebt. Ja, bei Männern schon eher, wobei sich die Begeisterung aber oft auf den Dram im Glas beschränkte ;-)
    Wie bist Du eigentlich an dieses Interview heran gekommen?

    Cheers Marcus

    AntwortenLöschen
  2. Danke! Frauen trinken tatsächlich anders;-) Für uns ist das drumherum enorm wichtig. Was das Interview anbelangt: Ich habe einfach Glück gehabt:-)
    Cheers

    AntwortenLöschen
  3. Auch ich bin vom Whisky-Virus infiziert. Und vom Ardbog Tag in Frankfurt war ich ebenso begeistert wie die meisten an diesem Tag. Bill Lumsden ist einer der großen im Whiskybusiness und das Interview ist wirklich sehr interessant.
    Marken brauchen Visionäre, und Lumsden ist einer. Apple hat damals ja auch durch Steve Jobs ein Gesicht bekommen.

    gruss, andi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Andreas, da kann ich dir nur zustimmen! Ich hoffe, er kommt noch öfter nach Deutschland! Ich habe noch jede Menge Fragen;-)
      LG Margaretemarie

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Hier stinkt was: Die Schattenseiten des Irischen Whiskey-Wunders

Lowlands: diese 10 Brennereien musst du besichtigt haben

Wie gut ist alter Whisky wirklich?

Deutschlands beliebtester Single Malt

Exklusiv von der Whisky-Fair: Interview mit Whisky-Sammler Diego Sandrin